70-Mark-Scheine

Bester Laune betrat ich meine Hausbank. Die attraktive Kassiererin verleitete mich zu einem Scherz. Der in meinen Augen so offensichtlich war, dass keine Missverständnisse entstehen konnten.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“
fragten zwei
himmelblaue Augen und ein roter Mund. Auf die Frage hätte ich so manchen Vorschlag auf Lager gehabt. Der wahrscheinlich nicht auf Gegenliebe gestoßen wäre. Um nun nicht wie Hinz und Kunz zu antworten, packte ich mit ernster Miene den Scherz aus.
„Ich möchte 500 Mark in 70 Mark Scheinen abheben“.
„In 70 Mark Scheinen????“
Bereits die Nachfrage sagte mir genug. Ein roter, verführerischer Mund und himmelblaue Augen waren kein Ersatz für Denkvermögen.
„Richtig. In 70 Mark Scheinen“, bestätigte ich.
„Diese Scheine gibt es doch gar nicht“, brachte
die Schönheit unsicher hervor. Eine winzige Sekunde lang war ich versucht,
den Scherz als Scherz zu outen. Warum mich ausgerechnet in diesem Augenblick der Teufel ritt, blieb mir verborgen. Auf jeden Fall war ich noch nicht bereit, das Spielchen zu beenden.
„Haben Sie denn nicht in der Zeitung gelesen, dass ab heute diese Scheine im Handel sind?“
„Nnnein. Leider hatte ich heute noch keine
Zeit, einen Blick in die Zeitung zu werfen“, war eine Erklärung, der ich keinen Glauben schenkte. Die Frage, ob sie schon jemals etwas anderes als Modemagazine gelesen hatte, konnte ich zum Glück verkneifen.
„Na, dann fragen Sie doch einfach Ihren Chef. Der wird meine Aussage sicherlich bestätigen“. Als die Schöne kurz darauf wirklich im Chefbüro verschwand, wurde mir ein wenig mulmig. Hatte ich das Spielchen zu weit getrieben?
„Ach was“, murmelte ich vor mich hin, „Spaß muss ein“.
Dass dem nicht so war, wurde mir umgehend klargemacht. Mit feuerrotem Kopf und vor Wut blitzenden Augen steuerte die Kassiererin auf mich zu. Bereit, dem Bankkunden für sein ungebührliches Verhalten den Kopf zu waschen.
Um nun Beleidigungen oder Schimpftiraden zuvorzukommen, spielte ich den reuigen Sünder.
„Ich hoffe, Sie sind nicht böse. Das Ganze war natürlich nur ein Scherz“.
„Auf solche Scherze kann ich verzichten“,
zischte ein verzerrter, roter Mund. Der so nicht mehr verführerisch erschien.
Allzu gerne hätte ich gefragt, wie der Chef auf die Frage nach den ominösen 70 Markscheinen reagiert hatte. Da diese Frage aller Wahrscheinlichkeit nach nicht beantwortet worden wäre, schwieg ich.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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Ein Gedanke zu „70-Mark-Scheine

  1. Eine wunderbare Kurzgeschichte mitten aus dem Leben.
    Ob erfunden oder nicht, ich kann jede einzelne Sekunde nachvollziehen und konnte beobachten, wie meine Mundwinkel mit jeder Zeile den Ohren ein wenig näher kamen.

    Ich werde noch ein wenig weiter im Blog stöbern und ihn bei Zeiten sicher mal wieder besuchen.

    Liebe Grüße
    Makro

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