Alterstest

Gelegentlich sollte man sich dazu durchringen, festzustellen, wie jung man geblieben und wie alt man geworden ist. Nicht laut Urkunden des zuständigen Standesamtes. Nein, die Messlatte sollte der jugendliche Sinn für Unsinn sein. Dabei bietet eine Messmethode, die auf meinem Mist gewachsen ist, zuverlässige Ergebnisse.
Ein Mensch ist bekanntlich so alt, wie es ihm Spaß macht, noch Spaß zu haben. Nur innerlich vergreiste Monsterwesen schreiten ernst und unbeirrt durch den Alltag. Und halten jeden harmlosen Spaß für einen Rückfall ins Infantile.
Okay, man soll nicht einer Person, die sich setzen will, hinterrücks den Stuhl fortziehen. Oder jemandem die Tür zuhalten und plötzlich loslassen. Oder nur aus Spaß einen Erpresserbrief in die Post schmuggeln.
Nein, es müssen harmlose Scherze sein.
Hängt da z. B. unbewacht ein Hut, kann ich heute noch nicht widerstehen und schiebe einen dicken Streifen Papier unters Schweißband. Wie herrlich verduzt sieht der Hutträger aus, wenn er die zu eng gewordene Kopfbedeckung hoch oben auf dem Schädel balanciert. Wenn er im ersten Schreck glaubt, dass sein Schädel geschwollen ist.
Wie wunderbar hilflos rümpft ein sonst nicht aus dem Gleichgewicht zu bringender Mensch die Nase, wenn ein versteckter Harzer Käse seinen Duft verbreitet.
Ich bin den ganzen Tag bester Laune, wenn ich nach einem nächtlichen Ausflug ans nachbarliche Gartentor meinen immer übel gelaunten Nachbar betrachte. Der sich nicht erklären kann, wie das Schild „Billigst zu verkaufen“ an sein Gartentor kommt.
Also, wie jung hat man sich bisher erhalten? Machen wir doch gleich einmal einen Test.
Spielen Sie mit der Eisenbahn Ihres Jüngsten lieber als Ihr Ältester?
Müssen Sie sich unbedingt jeden fremden Damenhut, den Sie irgendwo erblicken, aufsetzen? Nur um damit als feine Lady vor dem Spiegel auf und ab zu promenieren.
Kleben Sie Schachspielern, die das Zimmer verlassen haben, die Figuren mit Leim aufs Brett?
Wechseln Sie unbemerkt eine herkömmliche Glühbirne am Nachttisch eines Freundes gegen schummrig rotes Licht?
Hängen Sie an die Autos Ihrer Gäste Schilder mit dem Hinweis „Frisch verheiratet“?
Bieten Sie präparierte Zigaretten an, nach deren Genuss das Essen den Weg zurücknimmt? Verspüren Sie den Wunsch, Ihrem Chef während einer Predigt kurz in den Bauch zu pieken?
Können Sie im Park nicht an Fußball spielenden Kindern vorübergehen, ohne zu bedauern, dass Sie nicht mehr teilnehmen dürfen? Nehmen Sie Ihrem Sprössling unter einem albernen Vorwand den Drachen fort und behalten trotz bitterem Protest die Schnur in Ihrer Hand?
Reizt es Sie beim Ausfüllen eines Formulars als Beruf Fassaden-Kletterei-Besitzer und als Geburtsdatum 355 v. Chr. einzutragen? Können Sie dem Wunsch widerstehen, einfach so an irgendeiner Türklingel Sturm zu läuten? Verspüren Sie keine Lust mehr dazu, einem beliebigen Fußgänger, zuzurufen „Warum besuchst du mich nicht mehr?“
Das waren, wenn Sie mitgezählt haben, 12 Gewissensfragen. Wenn Sie bis zu zehn so beantworten, dass jeder ernste Mensch bedauernd den Kopf schüttelt, dann sind Sie laut meiner Methode berechtigt, insgesamt 20 Jahre von Ihrem dokumentierten Alter abzuziehen.
Falls Sie nur fünfmal eingestehen, in Versuchung zu kommen, sind Sie um ein Viertel jünger, als Sie zählen.
Lehnen Sie den gesamten albernen Mumpitz ab, so haben Sie – herzlichen Glückwunsch – gerade das 100. Lebensjahr erreicht. Jedenfalls laut meiner Altersskala.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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