Amsterdam

Nie vergessen. Oft belacht. Eine Episode in Holland. Mit Freund Mäc in Amsterdam. Lässig schlenderten wir durch ein belebtes Shoppingcenter. Vor uns zwei junge Frauen. Recht ansehnlich. Nahe genug konnten wir hören, dass sie Deutsch brabbelten. Aus Erfahrung wusste ich, dass deutsche Frauen im Ausland die Bekanntschaft von Ausländern bevorzugen. So mutierten wir eben kurzerhand zu Ausländern. Zu Engländern. Umgehend unterrichtete ich Mäc von meinem Plan.
„Wir hauen die beiden jetzt an. Und machen auf Engländer, die kein Wort Deutsch sprechen. Wenn wir beide uns miteinander unterhalten, reden wir immer sehr schnell. Ab und zu ein deutliches Wort genügt. You, yes oder okay langt. Manchmal ein ‚ing‘ wäre auch nicht schlecht. Überlass die meiste Rederei mit den Frauen mir. Mein Englisch ist besser“.

Ein breites Grinsen auf seinem Gesicht zeigte, meine Idee fand seine Zustimmung.
„Okay. Versuchen wir es. Wenn sie trotzdem etwas merken, ist auch egal“.
Die folgenden Gespräche verliefen ausnahmslos in Englisch. Des leichteren Verständnisses wegen schreibe ich sie in Deutsch nieder. Überwiegend.
„Sorry, do you speak English?“ Der übliche Beginn.
„Yes, a little“. Die übliche, bescheidene Antwort.
Der Anfang war getan. Weitere Fragen nach woher aus Deutschland, woher aus England folgten. Sie aus Stuttgart, wir aus London. Höfliche Namensverkündung. Ich war Jeff, Mäc war Collin. Sie Katrin und Laura. Mäc und ich unterhielten uns ausschließlich in rasantem Tempo.
„Wie schnell die beiden reden“, bewunderten die Frauen unsere Zungenfertigkeit – auf Deutsch. Dann begutachteten sie unser Erscheinungsbild. In unserer Muttersprache!!! „Die sehen gar nicht wie Engländer aus. Kleidung und so. Aber trotzdem gefallen sie mir! Besonders Collin“.
„Mir auch. Mir gefällt aber Jeff besser“.
Na bitte. Nun wussten wir schon, auf wen wir uns zu konzentrieren hatten. Ich auf Katrin, die ja an mir Gefallen gefunden hatte. Mäc auf ihre Freundin. Den ganzen Tag verbrachten wir in ihrer Gesellschaft. Unsere Schauspielerei schien perfekt. Katrin und Laura schöpften keinen Verdacht. Anfangs hatte ich befürchtet, dass wir schnell auffliegen würden. Die Grazien beherrschten die Sprache unserer Inselnachbarn besser als wir. Eine besonders kritische Situation verursachte ein Lapsus von Mäc. Er unterhielt sich mit seiner Auserkorenen. Sprach dabei das Wort Museum falsch aus. Laura korrigierte ihn und wandte sich Zustimmung heischend an ihre Freundin.
„Stimmt doch, oder?“ Karin nickte bejahend.
Sofort griff ich ein. Die kritische Lage musste gerettet werden.
„No, no, es ist schon korrekt so, wie Collin es ausspricht“.
„Da kannst du mal sehen. In der Schule lehren sie uns das anders. Aber die beiden Engländer müssen es ja wohl besser wissen“, klagten beide – nun wieder in Deutsch. Die häufigsten Worte, die Mäc und ich hörten, waren an diesem Tag „slowly please“.
Wie verabredet brummelten wir unverständliches Zeug. Hauptsache schnell. Am Abend überzeugte ich die Mädels zu einer Strandwanderung in Zandvoort.
„It?s so wonderful. Only the sea, the stars and you”, schmeichelte ich Katrin.
Sie diskutierten – auf Deutsch – den Vorschlag. Und einigten sich auf ein Ja.
„Warum nicht? Einen Engländer hatte ich noch nie. Kann doch interessant werden, einen von der Insel beim Sex zu erleben. Und die beiden sehen auch noch gut aus. Nett sind sie auch. Und was passiert, liegt ja bei uns!“
Natürlich ging es nicht, meine Karre für die Fahrt nach Zandvoort zu präsentieren. Engländer und deutsches Nummernschild? Nein, harmonierte nicht. In Zandvoort angekommen steuerten wir den Strand an. Eng umschlungen. Schweigend schlenderten wir zu viert am plätschernden Wasser entlang. Lauschten hingebungsvoll – alles nur Schau, kam aber gut an – dem Spiel der Wellen. Bewunderten Sterne und Mond.
„Isnt wonderful. I love it“.
Wie selbstverständlich trennten wir uns. Paarweise änderten wir die Richtung. Mäc nach links. Ich nach rechts. Endlich allein konnte ich zutraulicher werden. Erste Küsse. Intensiver werdend. Erstes Abtasten. Zudringlicher werdend. Blicke nach links, nach rechts. Wir waren allein. Allein auf weiter Flur. Der weiße, weiche Sand wurde unser Bett. Nun stillte ich ihre Neugier, wie sich Engländer beim Sex anstellen. Nicht nur ihre Neugier wurde befriedigt! Der Sex war nicht umwerfend. Aber gut.
Vom Sand befreit, ging es zurück zum Auto. Wo wir bereits von Mäc und Laura erwartet wurden. Auf der Rückfahrt fand eine hochinteressante Unterhaltung statt. Zwischen Katrin und ihrer Freundin. Zuvor baten sie um Verständnis, dass sie einige Minuten nur Deutsch sprechen würden.
„Wir müssen noch etwas mit unserer Rückfahrt nach Deutschland klären“.
Von wegen Rückfahrt. Mäc und ich wurden mit großen Ohren Zeugen ihres Gesprächs. Das sich ausnahmslos um unsere sexuellen Qualitäten drehte. Ungeniert tauschten sie ihre Erfahrungen darüber aus, was sie vor Minuten erst erlebt hatten. Grund genug für mich, meine Meinung zu revidieren, nur Männer würden anschließend über das Geschehene tratschen.
„Na, wie war der Sex mit einem Engländer?“
„Wie mit einem Deutschen. Und bei dir?“
„Auch“.
„Wie war deiner gebaut? War sein Penis groß oder klein?“
„War schon richtig so. Nicht zu groß, nicht zu klein“.
„Habt ihr es auch oral gemacht?“ Schweigen.
„Und ihr?“ Schweigen.
Ich hätte die Frage beantworten können. Sie hatte. Aber ich war ja nur der englischen Sprache mächtig! So ging die Fragerei eine Weile weiter. Bis die gegenseitige Neugier gestillt war. Mäc und ich lauschten höchst interessiert. War ja auch nicht uninteressant, eine Beurteilung der eigenen sexuellen Fähigkeiten zu hören. Aus dem Mund einer Frau. Mit der man unmittelbar zuvor Sex hatte. Wir schwiegen zwar, doch fiel es uns äußerst schwer, ernst zu bleiben. Wieder in der Pension holten wir alles nach. Wir lachten herzhaft über den vergangenen Tag sowie über den gelungenen Abschluss. Wie die Frauen zuvor stellten wir jetzt ähnliche Fragen. Diesmal blieb keine Frage unbeantwortet! Am nächsten Tag stand die Trennung an. Wir mussten angeblich schon früh los. Unser angebliches Schiff wartete nicht. Unser Schiff Richtung England. Zum Glück ertönte keine Frage nach dem Hafen. Ich hätte keine Antwort gewusst. Zum Schluss noch der obligatorische Adressentausch.
„London West, Churchstreet 15, Darling“.
Mit einer letzten Beteuerung, bei der geplanten Studienreise durch Deutschland nach Stuttgart zu kommen, ließen sie uns schweren Herzens ziehen. Katrin nahm mich ein letztes Mal in ihre Arme.
„Es war wirklich schön mit dir, Jeff. Leider viel zu kurz. Versprich mir fest, dass du mich besuchen wirst. Ich wäre sehr, sehr glücklich“, flüsterte sie zärtlich.
„Katrin, Baby, wenn ich verspreche, dass ich kommen werde, komme ich auch. Du bist mein erstes Erlebnis mit einem deutschen Mädchen gewesen. Du hast mich so beeindruckt, dass ich am liebsten nach Deutschland auswandern würde“.
Wieder allein lachten wir befreit, dass unsere Schauspielkunst bis zum Schluss gehalten hatte.
„Einen weiteren Tag den Engländer zu spielen, hätte ich nicht überlebt. War schon ziemlich anstrengend. Irgendwie aber auch schön. Lustig auf jeden Fall“, versicherte Mäc. Na ja, dass die von mir als Scherz ausgeheckte Story zu einem Selbsttor wurde, konnte ich vorab natürlich nicht ahnen. Ich hatte mich tatsächlich nach nur einem Tag in die süße Katrin verliebt. Nicht unendlich, ein wenig. Leider hatte ich nicht den Mumm, mich als Deutscher zu outen. Die Gefahr, abgewiesen zu werden, hätte zu jener Zeit mein jugendliches Ego zu sehr verletzt.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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2 Gedanken zu „Amsterdam

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