Der kleine, schwarze Hahn

Irgendwo in Friesland. Zwei Bauernhöfe. Getrennt durch einen Bach. Links des Baches betrieb Landwirt Piet eine Hühnerzucht. Rechts Fietje. Zwei Landwirte vom gleichen Schlag. Fleißig, grundehrlich, hier und da etwas mürrisch. Bis vor acht Monaten verlief die Hühnerzucht nahezu gleich. Ungezählte Küken liefen rechts und links des Baches umher. Immer in der Nähe von Mama Huhn.
Ja, und vor acht Monate begann, was Bauer Fietje langsam aber sicher in den Wahnsinn trieb. Nicht nur das. Ebenso schrumpften seine finanziellen Barmittel. Grund für sein Dilemma war ausbleibender Hühnernachwuchs. Verbunden damit, dass die Legeplätze für Eier unberührt blieben. Immer häufiger musste er umliegende Supermärkte und Tante Emma Läden enttäuschen.
„Tut mir leid. Ich weiß nicht, was auf meinem Hof vor sich geht. Meine Hühner legen keine Eier mehr. Wenn das so weitergeht, kann ich bald bankrott anmelden“, war eine Auskunft, die ihm schwerfiel.
Erst recht, nachdem er neidvoll feststellen musste, dass bei Nachbar Piet sowohl Eier- als auch Kükenschwemme herrschten. Zwei Versuche, Piet das ominöse Geheimnis seiner fruchtbaren Zucht zu entlocken, scheiterten.
„Man muss sich nur sorgfältig um die lieben Hühnchen kümmern“, wies er Fietje zurück.
Den wahren Grund seiner Monopolstellung verschwieg er tunlichst. Erst als er erfuhr, weshalb ein Vermessungsingenieur auf Fietjes Grund und Boden tätig wurde, rückte er ungefragt mit dem Geheimnis raus.
„Was sucht der Kerl da auf deinem Hof, Fietje?“
„Ich verkaufe meinen Hof. Bevor die Bankzinsen mich auffressen. Irgend so ne komische Firma will hier Lagerhallen hinsetzen. Die Summe, die sie mir geboten haben, hilft mir aus dem Gröbsten raus“.
Lagerhallen in der idyllischen Landschaft? Vielleicht noch Laufkundschaft, die aus der Stadt hier auftaucht. Nein. Dann schon lieber die eigenen Ansprüche zurückschrauben.
„Hör mal Fietje“, nahm er den Gebeutelten zur Seite. „Was ich dir jetzt sage, muss unter uns bleiben“.
„Nun mach es nicht so spannend, Piet. Wir sind doch gute Nachbarn. Da ist es doch keine Frage, dass ich nichts weitertratsche, was du mir anvertraust“, konnte er seine Neugier nicht verbergen.
„Ja, weißt du, das ist so. Für die vielen Küken ist der da drüben, der kleine schwarze Hahn verantwortlich“, wies Piet dorthin, wo ein kleiner schwarze Hahn umherstolzierte. Der mit unruhigen Augen alles kontrollierte, was zu der Kategorie Federvieh zählt.
„Der Zwerg? Willst du mich auf den Arm nehmen? Und überhaupt, wo hast den komischen Vogel eigentlich her? In der ganzen Umgebung hab ich so etwas noch nicht gesehen“, fiel es Fietje sichtlich schwer, den Worten des alten Piet Glauben zu schenken.
„Stimmt, der Bursche ist wirklich nicht der Größte. Aber eins kann ich dir versichern. Was ihm an Größe fehlt, macht er mit seinem Eifer wett“.
„Was willst du denn damit sagen?“
„Na, was schon? Der Kleine besteigt alles, was auf zwei Beinen umherwackelt. Ich geb dir einen guten Rat. Kratz dein letztes Geld zusammen und kauf dir auch so einen Hahn“.
„Und wo?“
„In Italien“.
„Italien?“
„Ja, genau dort“.
Fünf Tage später vergrößerte ein kleiner schwarzer Hahn die Population auf Bauer Fietjes Hof. Kaum hatte die Potenz auf zwei Beinen sich umgesehen, als er auch schon loslegte.
Drei Hühner im Vorübergehen, eine verirrte Taube, ein herrenloser Fasan und eine Ente wurden beglückt. Dass er anschließend auf der Suche nach mehr war, ließ Bauer Fietje befreit aufatmen.
„Jetzt brauch ich mir keine Sorgen mehr ummeine Zukunft zu machen. Der Bursche sorgt schon dafür, dass wieder Eier im Gelege sind und Küken herumlaufen“.
Zwei Tage lange bestand Fietjes Tagewerk darin, die Aktivitäten des Hahns zu bewundern.
Am dritten Tag zogen Zweifel auf. Potenz hin, Potenz her. Was der Schwarze da abzog, konnte einfach auf Dauer nicht gutgehen. Anlass einzugreifen, gab das, was er am vierten Tag sehen musste.
Unruhig marschierte der schwarz Gefiederte über den Hof. Kontrollierte jeden Winkel, jedes Schlupfloch. Nein, weit und breit nichts zu sehen, was Flügel hatte und auf zwei Beinen durchs Leben ging. Aber hallo. Da lief ja etwas auf vier Beinen über den Hof. Und das gleich in doppelter Ausführung.
Waldi, der Rauhaardackel, war auf dem Weg zu seinem Futternapf. In seinem Schlepptau eine undefinierbare Mischung mit braunem Fell. Bello war es, der das gleiche Ziel wie Waldi hatte.
Ob es nun Übermut, Selbstüberschätzung oder ein Spiel mit dem Feuer war, sei dahingestellt. Auf jeden Fall stürmte der verwegene Begatter mit lautem Kikeriki auf die beiden Hunde zu. Die im ersten Moment mit einem Hahn nichts anfangen konnten, der offensichtlich etwas von ihnen wollte.
Erst als der Schwarze Anstalten machte, Waldi zu zeigen, was ein gestandener Hahn so alles kann, brachten sich beide Hunde in Sicherheit. Lautes Protestbellen rief Bauer Fietje auf den Plan. Der in der Art und Weise, was der Hahn seit dem ersten Tag veranstaltete, eine Gefahr für sein Kapital sah.
„So geht das nicht weiter“, knurrte er, „ich muss dem verrückten Hahn irgendwie klarmachen, dass er sich auf Hühner konzentrieren soll“.
Dass ihn in diesem Moment das Telefon ins Haus zurückrief, verschonte den Hahn vor einer Gardinenpredigt.
„Morgen ist auch noch Zeit dafür“, verschwand Fietje im Haus.
Am nächsten Tag.
Bauer Fietje trat aus dem Haus. Und traute seinen Augen nicht. Mitten im Hof lag der kleine, schwarze Hahn auf dem Boden. Flügel von sich gestreckt. Kopf kraftlos zur Seite gefallen. Hoch oben in der Luft kreisten bereits drei Geier.
„Mein kleiner, eifriger Freund“, kniete sich der Bauer nieder, „das hast du nun davon. Warum nur bist du jeden Tag auf alles gestiegen? Das konnte auf Dauer ja nicht hinhauen. Nein, oh nein, was mach ich jetzt bloß?“
In diesem Augenblick linste der kleine Schwarze aus fast geschlossenem Auge Richtung Fietje.
„Ich kann dir sagen, was du jetzt machst. Putz die Platte. Du vertreibst mit deiner Anwesenheit die Geier. Ich brauch mal etwas Abwechslung. Da kommen mir die drei da oben gerade richtig!“

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
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