Elf Jahre älter

Sie dreiunddreißig, ich zweiundzwanzig. Zum ersten Mal sah ich sie, als sie das Tanzcafé Zell am Ring betrat. Schwarze, zum Turm toupierte Haare. Ansprechendes Gesicht. Hautenges Kleid. Meterhohe Pfennigabsätze. So stöckelte sie an Lou und mir vorbei und betrat das Café.
„Wow, hast du das Klasseweib gesehen? Das wär‟s doch. Die wäre die Richtige für Papa“.
„Stimmt schon, sie war Klasse. Aber sie scheint mir zu alt für dich zu sein“, wollte er meine Begeisterung dämpfen.
„Zu alt, zu jung. Egal. Ich versuche mein Glück. Mehr als nein kann sie nicht sagen. Wie du weißt, lässt mich so etwas kalt“.
Also rein in das Café. Ein Tisch in ihrer
Nähe war frei. Sie war zwar solo. Doch so leicht wie erhofft wurde es nicht. Die anwesende Männerwelt hatte das Sahnestück natürlich auch registriert. Und versuchte ihr Glück. Auf eine Art, die mir absolut nicht mein Ding war.
Sobald die Band die Instrumente aufnahm, bildete sich vor dem Tisch der Schönen eine Schlange. Eine lange Schlange. Jedes Mitglied der Schlange hoffte, den Zuschlag für ein Anmachtänzchen zu erhalten. Durchs Lokal rasen und in der Schlange stehen? Nein, nicht mit mir. Somit blieb nur die Tanzpause. Aufgeben gab es nicht für mich. Ich ging zu ihr. Stellte mich höflich vor.
„Ich habe eine Bitte. Zugegeben eine etwas ungewöhnlich Bitte. Doch die Situation lässt mir keine Wahl“.
Ich hielt meine Klappe und hoffte auf die weibliche Neugier. Zudem räumte ich ihr damit die Möglichkeit ein, zu reagieren. Ihre Augenbrauen hoben sich. Ihr Blick wurde neugierig. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Bei deren Anblick sich Phantasien bei mir auf den Weg machten.
„Sie machen es ja richtig spannend. Was kann ich denn für Sie tun. Setzen Sie sich doch“, bot sie mir an.
Der Anfang war gemacht. Den Rest würde ich auch schaffen, dachte ich zuversichtlich.
„Ich möchte zu gerne mit Ihnen tanzen. Wie offensichtlich alle Männer im Lokal. Was natürlich zu verstehen ist. Sie sehen eben umwerfend gut aus. Deshalb ist auch jedes Mal ein derart großer Andrang bei Ihnen, dass ich mich mit dem Buschmesser zu Ihnen vorkämpfen müsste. Um nun nicht wegen Mordes angeklagt zu werden, sitze ich hier vor Ihnen“.
Wieder gab ich ihr Gelegenheit, zu antworten. Wollte gleichzeitig aber auch sehen, ob mein Geschwätz angekommen war. Anscheinend gefiel ihr das Gelaber. Dennoch war ihre Neugier nicht gestillt. Immer noch hatte ich meine Bitte nicht vorgetragen.
„Wortgewandt sind Sie offenbar. Leider weiß ich immer noch nicht, was ich für Sie tun kann. Vielleicht kommen Sie einmal zur Sache“.
Das Lächeln blieb. Breitete sich sogar aus.
„So einfach ist das nicht für mich“, zeigte ich Scheu. Kam immer gut an.
„Also gut“, fuhr ich fort. „Ich reiße mich zusammen. Ich wollte Sie bitten, beim nächsten Tanz die Aufforderungen der anstürmenden Männer abzulehnen. So erhalte ich Gelegenheit, Sie zum Tanz zu holen. Puh, war das schwer“, wischte ich nicht vorhandenen Schweiß von meiner Stirn.
‚Schöne Zähne hat sie auch noch’, dachte ich bewundernd, als sie lachte.
„Also, ich muss zugeben, dass Ihre Bitte wirklich ungewöhnlich ist. Noch nie hat mir jemand so etwas angetragen. Aber warum so umständlich. Sie sitzen doch schon an meinem Tisch. Bleiben Sie einfach sitzen, bis die Musik beginnt. Dann sind Sie mit Sicherheit der erste, der mich auffordern kann. So benötigten Sie auch Ihr Buschmesser nicht“, bewies sie zum Schluss Sinn für Humor.
„Sie sehen nicht nur umwerfend aus. Sie sind auch noch ein Engel“, musste ich noch eine Schmeicheleinheit loswerden, bevor es zum ersten Tanz kam.
Dem ersten Tanz folgten weitere. Lou und ich durften an ihren Tisch wechseln. Jetzt hatte ich Zeit, mein Programm abzuspulen. Da Vivian – mittlerweile hatten wir uns namentlich geoutet – kein Teenager mehr war, achtete ich in puncto Schmeicheln auf die richtige Dosierung. Weniger ist eben häufig mehr.
Der Tag ging zu Ende. Zuvorkommend bot ich meine Fahrdienste an. Als wir meinen Wagen erreichten, ergab sich die Gelegenheit zu einem Scherz. Für Vivian, ihr Taktgefühl zu zeigen.
Zufällig war mein geparktes Museumsstück von zwei Edelkarossen umrahmt. Vorne ein Mercedes. Hinten ein bayrisches Produkt. BMW.
„Such dir“ – wir waren schon beim Du – „einen Wagen aus. Mit dem fahre ich dich nach Hause“.
Zielsicher steuerte sie meinen Schrotthaufen an.
„Nehmen wir den“.
„Nicht den BMW oder den Mercedes?“
„Nein. Wäre einer der Wagen deiner, hättest du das schon irgendwann erwähnt. Typen, die so einen Wagen fahren, sind Angeber. Nicht so bescheiden wie du“.
Ich und bescheiden! Meine Schauspielerei schien gar nicht übel zu sein. Im Wagen berichtete sie, dass sie Friseuse in einem exklusiven Salon sei. Geschieden. 32 Jahre alt.
„Kaum zu glauben. Du gehst locker für Mitte zwanzig durch“, schmeichelte ich. Natürlich wollte sie auch mein Alter erfahren. Meine Antwort? Ein Jahr älter als sie!
Die Frage nach meiner Wohnung brachte mich in Verlegenheit. Mit reifen 33 Jahren noch im Hotel Mama? Nein. Eine eigene Wohnung musste da schon her.
„Ich teile mir eine Wohnung mit meinem Vetter. Ist am günstigsten“, log ich.
Vor ihrer Behausung angekommen, reichte ich ihr zum Abschied die Hand. Wollte mit Zurückhaltung beeindrucken. Hatte bisher immer gewirkt.
„Was soll das denn? Ich dachte, du bleibst die Nacht. Hast du Angst vor mir?“
„Nein, aber, aber ich dachte“, stotterte ich, absichtlich Schüchternheit zeigend, „ich dachte, ich hatte Angst, alles zu zerstören, wenn ich am ersten Tag, äh …, na du weißt schon“.
„Jetzt mach aber mal einen Punkt. Du gefällst mir, ich gefalle dir. Wir sind Erwachsene und keine Kinder mehr. Da ist es doch völlig normal, dass man sich näherkommen will und eine gemeinsame Nacht verbringt“.
Dieser Argumentation beugte ich mich widerspruchslos. Nach einem Glas Wein landeten wir dort, wo es immer endet. Ein wenig nervös war ich schon. Noch nie hatte ich mit einer elf Jahre älteren Frau Sex voll zogen.
Nackt, mit gelösten Haaren, ohne meterhohe Absätze, hatte sie die Figur eines jungen Mädchens. Ihr zierlicher Körper, Kerzenlicht, dazu sanfte Musik, eine Kombination, der ich mich nicht entziehen konnte.
Vivian erwies sich als das, was ich erhofft hatte. Als erfahrene Sexpartnerin. Die ohne Scheu nichts ausließ. Natürlich versuchte ich, mitzuhalten. Enttäuscht wurde sie dennoch. Nach dem ersten Höhepunkt wollte sie unmittelbar danach die zweite Runde einläuten. Dazu war ich leider nie fähig gewesen. Ich brauchte wenigstens eine halbe Stunde Erholungspause. Meist mehr.
„Mein geschiedener Mann konnte es dreimal hintereinander“, goss sie Öl ins Feuer.
„Jeder Mann ist anders. Ich kann es eben nicht“, gab ich unwirsch zurück. Notgedrungen musste sie warten. Danach ging es weiter wie zuvor.
Sieben, acht Monate waren wir ein Paar. Ich mochte sie sehr. Mir gefiel ihre Art. Mir gefielen die Themen unserer Gespräche. An vielen Dingen erkannte ich den Unterschied zu den jüngeren Mädchen, die ich bisher beglücken durfte. Eine brenzlige Situation hinsichtlich meines Alters entstand, als ich sie in meinen
Freundeskreis einführte.
„Du hast aber junge Freunde. Fühlst du dich in dem Kreis denn wohl?“
Mit einer glaubhaften Ausrede zerstreute ich ihre Zweifel.
Leider nahte die Trennung. Sie wollte meinen Eltern vorgestellt werden. Und meinem Vetter. Mit dem ich mir ja eine Wohnung teilte.
Sie meinen Eltern vorstellen? Unmöglich. Allein schon die äußeren Gegensätze.
Meine lieben, braven, soliden Eltern auf der einen Seite. Eine aufgedonnerte Friseuse auf der anderen Seite. Ging nicht. Außerdem hatte ich meinen Eltern aufgetischt, mit einer 19-jährigen glücklich zu sein.
Eine geschiedene, ältere Frau, die ihren armen Sohn bei sich übernachten ließ und mit in ihr Bett nahm? In den Augen meiner Eltern unmöglich. Sie glaubten immer noch, die verflossene, von ihnen geliebte Bärbel wäre die einzige gewesen, mit der ich Sex hatte!
Zurück zu Vivian. Nachdem ich ihre Wünsche nach einer Vorstellung bei meinen Eltern mit immer neuen Ausreden negativ beschied, langte es ihr.
„Ich glaube fast, du schämst dich für mich. Sonst hättest du mich schon längst deinen Eltern vorgestellt. Oder deinem Vetter“.
Eine neue Ausrede verpuffte. Sie stellte mir ein Ultimatum. Entweder Eltern sehen oder
Schluss.
Hatte ich eine Wahl? Nein. Schluss, aus, Trennung. Schade.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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