Fehlendes Datum

Nach meinem Wechsel von der Bank zu Ford, gab es noch ein letztes Mal richtigen Terror mit meinem ehemaligen Arbeitgeber. Terror, der nicht mich betraf. Den ich einem anderen bereitete. Es handelte sich dabei um den stellvertretenden Zweigstellenleiter. Da mir sein Name leider entfallen ist, verleihe ich ihm in der folgende Story den seltenen Namen Meier.
Aus Zeitmangel bat ich meine Mutter, Geld von meinem Konto abzuheben. Mit einer Vollmacht ausgestattet suchte sie die Bank auf. Alles schien in Ordnung.
Weit gefehlt! Meine Mutter kehrte mit verweinten Augen zurück. Erst nach einigen Minuten war sie in der Lage, zu schildern, was vorgefallen war.
„Ich habe das Geld nicht bekommen. Herr Meier hat mich vor der ganzen Kundschaft angeschnauzt“.
„Wieso denn das?“ unterbrach ich sie.
„Du hast vergessen, ein Datum auf die Vollmacht zu schreiben“, fuhr sie fort. „Und er motzte, wie ich es wagen könne, eine unvollständige Vollmacht vorzulegen. Er hat mich fast aus der Bank rausgeworfen. Da gehe ich nie mehr hin“, schloss sie schluchzend.
„Wegen eines fehlenden Datums schnauzt der dich an?“, fragte ich ungläubig. „Der soll mich kennenlernen. Den Kerl mach ich fertig“.
Aufgebracht, wütend bis unter die verbliebenen Haarspitzen, verließ ich die Wohnung. Rein in meinen Wagen. Hin zur Bank. Dort wartete ich, bis etliche Kunden den Kassenraum füllten. Brauchte viel Publikum für meinen Auftritt. Strammen Schrittes betrat ich den Kassenraum. Mit wütendem Gesichtsausdruck trat ich an den Tresen.
„Ich will Herrn Meier sprechen. Und zwar unverzüglich“.
Ein Ex-Kollege ging zu Herrn Meier. Teilte ihm mit, dass ein wütender Herr Plug ihn zu sprechen wünsche.
„Was kann ich für Sie tun, Herr Plug?“ begann er vorsichtig.
„Ich bin hier, um Ihnen die Meinung zu geigen. Wegen der Scheißart, mit der sie meine Mutter abgefertigt haben“, schnauzte ich.
Erste Augenpaare richteten sich auf uns. Liebe Leute schaut nur her. Es geht erst richtig los. Am liebsten hätte ich dem Kerl gesagt, dass ich ihm in den Arsch treten möge.
„Wieso habe ich mich unmöglich verhalten? Ich wüsste nicht wann oder wo“, entgegnete er scheinheilig.
„Da kann ich Ihrem Gedächtnis nachhelfen“, schwoll meine Stimme an.
Mittlerweile schauten alle zu uns. Gut so.
„Als meine Mutter heute Morgen hier war, haben Sie die Frechheit besessen, sie in einer Form anzuschnauzen und fertigzumachen, dass die arme Frau zu Hause noch weinte. Und ich…“.
„Würden Sie bitte etwas leiser sprechen?“ unterbrach er mich.
„Wagen Sie nicht, mich noch einmal zu unter- brechen“, schrie ich. „Und leiser spreche ich auch nicht. Jeder kann hier hören, wie Sie mit Kunden umgehen. Auf der Vollmacht, die ich meiner Mutter gab, fehlte lediglich das Datum. Und so einen Lapsus nehmen Sie zum Anlass, die arme Frau in einer Art zu behandeln, dass sie sich weigert, jemals wieder diese Bank zu betreten. Mein Anstand verbietet mir, was ich am liebsten tun würde. Ihnen nämlich links und rechts eine reinhauen“.
„Jetzt dürfen Sie etwas sagen“, erteilte ich ihm – mangels Luft – gnädigerweise das Wort.
„Ja aber, da war doch auch …“ versuchte er eine Rechtfertigung zu finden.
Bewusst unterbrach ich ihn. Er nahm es wortlos hin. Innerlich grinste ich. Ich hatte ihn da, wo ich ihn wollte. Unten. Klein. Hilflos.
„Wenn Sie jetzt noch versuchen sollten, eine fadenscheinige Erklärung vorzubringen, lernen Sie mich richtig kennen. Dann kommt Ihnen unser bisheriges Gespräch wie ein Kinderlied vor“.
Es war schon ein erhebendes Gefühl, den ehemaligen Chef derart fertigzumachen. Er durfte sich auch nicht ernsthaft rechtfertigen. Bei der Bank galt immer noch uneingeschränkt „der Kunde ist König“.
Eines musste ich aber noch loswerden, bevor ich ging. Das Publikum wollte sicherlich auch noch etwas geboten bekommen.
„Sollte jemals Ähnliches vorfallen, bereite ich Ihnen Albträume. Ich werde Schritte gegen Sie einleiten, die Sie nicht verdauen können. Ist das angekommen?“
Eine kleine Zugabe, einer Zurechtweisung gleich, fiel mir noch ein.
„Reißen Sie sich in Zukunft zusammen!“
War das herrlich gewesen!!! Nachdem ich die Bank verlassen hatte, atmete ich tief durch. Und grinste übers ganze Gesicht. Das war ein Genuss gewesen. Den späteren Kontowechsel zu einer anderen Bank begründete ich in einem Beschwerdebrief an die Personalabteilung mit dem unmöglichen Verhalten des Herrn Meiers gegenüber der Kundschaft.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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