Hauptsache Medizin

Die folgende Geschichte hat sich im Prinzip wie geschildert zugetragen. Lediglich um den absurden Ablauf besonders deutlich darzustellen, habe ich ein wenig übertrieben. Na ja, nicht nur ein wenig. Eher schon gewaltig.
Los ging es im Treppenhaus. Zu jener Zeit mit 20 Jahren noch Gast im Hotel Mama. Mit besagter Mama an meiner Seite bewältigten wir keuchend die Treppenstufen bis hinauf zur dritten Etage. Dort befand sich das Domizil meiner Erzeuger.
„Verdammt, was ist das denn so plötzlich?“ rieb ich heftig meine rechte Ohrmuschel.
Ein nie erlebtes Jucken schien kein Ende zu nehmen. Grund genug für meine Mutter, mich umgehend zum Arzt zu schleifen. Widerspruch sinnlos. Für alles und jedes bemühte meine vorsorgliche Frau Mama einen Arzt.
„Besser ist besser. Ein Arzt hat studiert. Der weiß, was er tut. Das Schlimmste, was du tun kannst, ist, an dir selbst herumzudoktern“, hämmerte sie mir seit frühester Kindheit ein.
Ohne Termin enterten wir die Praxis. Zur Belohnung durften wir zwei Stunden ausharren. Dann endlich bekam ich Gelegenheit, dem studierten Arzt durch seine dicken Brillengläser in wässrige Augen zu blicken. Die Frage, ob diese Kombination erlaube, eine Blickdiagnose zu stellen, konnte ich soeben unterdrücken.
Kaum hatte ich seine Frage „wo drückt der Schuh?“ mit „in meinem rechten Ohr“ beantwortet, wurde der gute Mann aktiv.
Er kroch in mein Ohr. Sah sich dort etwa eine halbe Stunde um. Kam wieder zum Vorschein. Und verkündete eine Diagnose, zu der ihn nur ein langjähriges Studium befähigte.
„Sie haben ein leichtes Jucken in der rechten Ohrmuschel. Nehmen Sie über den Tag verteilt sechs dieser Tabletten“, reichte er mir die entsprechende Menge. „Das wird Ihnen sogar beide Ohren säubern“.
Ich schluckte die Tabletten.
Zwei Tage später war das rechte Ohr wie neugeboren. Kein Jucken, kein Nichts. Das Einzige, was meine Freude ein wenig trübte, waren auf der mittleren Bauchregion rote Flecken. Die wie wahnsinnig juckten. Auf zum Spezialisten. Der mich nach einem flüchtigen Blick überraschte.
„Manche Leute vertragen diese Tabletten nicht, die Ihnen mein Kollege gegeben hat. Sie bekommen davon allergischen Ausschlag. Aber keine Sorge. Zwölf Pillen von diesen hier“, drückte er mir die Ration in die offene Hand,„und in ein paar Tagen ist alles wieder in bester Ordnung.
Ich schluckte die Pillen.
Happy über die erwünschte Wirkung, bewunderte ich im Spiegel meinen fleckenlosen Bauch. Happy sein hielt so lange vor, bis ich mein geschwollenes Knie sah. Das stündlich steigende Fieber machte mich nachdenklich. Mit dem Ergebnis, dass ich mich mühsam humpelnd zum Spezialisten schleppte.
Zum Glück traf ich auch hier auf einen Arzt, der sein Studium mit hervorragenden Noten abgeschlossen haben musste. Wie sonst hätte er nach zehn Sekunden die Erklärung für 45 Grad Fieber (vielleicht waren es auch 38 Grad) und geschwollenes Knie zur Hand gehabt?
„Diese Erscheinungen sind bekannt“, tröstete er mich, „sie gehen häufig Hand in Hand mit der Heilwirkung der Pillen gegen Hautflecken“.
Ein Rezept für 32 Dragees verschaffte mir eine Wundermedizin. Das Fieber fiel. Das Knie schwoll ab.
Vier Tage später.
Der Spezialist, der neben meinem Krankenbett stand, stellte fest, dass der mörderische Schmerz in meinen Nieren eine Folge der Dragees wäre. Ich sollte das nicht so einfach abtun.
„Nieren sind schließlich Nieren“.
Zum guten Schluss verabreichte mir eine staatlich geprüfte Krankenschwester 64 Injektionen. Die die Bakterienkulturen in meinem Inneren restlos vernichteten. Nach nur zwei Monaten als geheilt entlassen. Von der Frau Mama an den mütterlichen Busen gepresst, setzte genau diese Mama allem die Krone auf.
„War doch gut, dass wir wegen des Juckens in deinem Ohr einen Arzt aufgesucht haben. Sonst wäre vielleicht nie festgestellt worden, was bei dir alles nicht in Ordnung war“.
An nächsten Tag packte ich meine Koffer. Am übernächsten Tag zog ich aus. Hauptsächlich deshalb, weil ich in der linken Ohrmuschel verdächtiges Jucken verspürte.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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