Kampf um die Stenografienote

So beliebt, fast schon verehrt, Lehrer Zepp war, mit dem zuständigen Lehrer für Maschinenschreiben und Stenografie hatten wir voll in die Scheiße gegriffen. Herr Scheidt, ein Sadist vom Feinsten, sprach zu den Schülern grundsätzlich in der dritten Person Singular.
„Er möge an die Tafel kommen“ oder
„Er soll mir sagen, dass …“ usw. Eine Kostprobe seiner sadistischen Ader gab er bereits während seiner Vorstellung.
„Wer hat schon Steno gehabt? Bitte aufzeigen“.
Einige Hände gingen in die Höhe.
„Wer kennt dieses Buch?“
Wieder gingen einige Hände hoch. In der ersten Reihe unglücklicherweise auch Dieters Hand.
„Wie heißt er?“
Bereitwillig nannte Dieter seinen Namen.
„Ihn muss ich mir merken. Er lügt! Er kann das Buch gar nicht erkennen. Ist nämlich ein anderer Umschlag drum!!“
Tatsächlich. Von der ersten Unterrichtsstunde bis hin zur Entlassung zwei Jahre später hatte er den armen Dieter auf dem Kieker.
Fasziniert von der Kurzschrift hatte ich in einem privaten Stenokurs bereits Unterricht genommen. In diesem Fach war ich – bei aller Bescheidenheit – sehr gut. Ausgerechnet durch diese Tatsache entstand Ärger.

Ich weiß noch wie heute, wie unglaublich das Verhalten des Lehrers war. Im ersten Halbjahr wurden vierzehn Klassenarbeiten geschrieben. Dreizehn Mal wurde meine Arbeit mit sehr gut bewertet. Einmal mit gut. Angeblich sollte ich in der mit gut bewerteten Arbeit einen Fehler gemacht haben. Da Steno mit Bleistift geschrieben wird, bin ich heute noch der festen Überzeugung, dass der Saukerl mir mit seinem Bleistift den Fehler in der Arbeit verschafft hatte. Es handelte sich um einen kleinen Anstrich. Egal. Die Zeugnisvergabe stand vor der Tür. Grinsend verlas er die geplanten Noten. Sah süffisant lächelnd zu mir hin.
„Plug, er bekommt auf dem Zeugnis eine Zwei. Er steht nicht glatt eins. Ich gebe aus Prinzip nur eine Eins, wenn jemand glatt eins steht“.
Unglaublich. Mein Notendurchschnitt lag bei 1,07. War der Kerl verrückt geworden? Das konnte und wollte ich einfach nicht kampflos hinnehmen.
„Nur eine Zwei? Das darf doch wohl nicht Ihr Ernst sein. Ich bin in Steno besser als Sie. Ich schreibe nicht nur schneller als Sie. Ich schreibe auch fehlerfrei“.
„Er möge nicht so eine große Klappe haben. Fehlerfrei schreibt niemand“.
„Ich schon“, fuhr ich trotzig hoch.
Er erkannte wohl an meinem Ton, dass ich ernsthaft um die mir zustehende Eins kämpfen würde. Vielleicht war ihm auch bewusst, dass er bei einem Durchschnitt von 1,07 den Kürzeren ziehen würde. Um sein Gesicht zu wahren, schlug er einen Handel vor.
„Ich suche zu Hause zwanzig Wörter raus. Wenn er die in der nächsten Stunde richtig schreibt, werde ich ihm die Eins geben“.
„Wollen wir eine Wette abschließen? Um ein Fass Bier für die Klasse, dass ich fehlerfrei bleibe?“, forderte ich ihn selbstbewusst und siegessicher heraus. Johlen und rhythmisches Klopfen auf die Schulbänke belohnte mein Angebot.
„Er möge nicht so einen Blödsinn reden. Er müsste wissen, dass ich nicht mit einem Schüler wetten darf“, lehnte er die Herausforderung ab. Zum Abschluss konnte ich ein hörbares „schade“ nicht unterlassen.
Mit Spannung erwartete ich die nächste Stenostunde. Ich war mir zwar meiner Stenokünste sicher, doch vielleicht fiel dem Sadisten etwas ein, um mich hereinzulegen. Der Musterpädagoge betrat die Klasse.
„Plug, Großschnauze, er möge an die Tafel kommen. Er soll mir und der Klasse beweisen, ob er wirklich fehlerfrei schreibt“.
Mit sicherer Miene und lässigem Gang schlenderte ich zur Tafel. In meinem Inneren sah es allerdings anders aus.Nervosität. Puls auf 130. Pumpe auf Höchsttouren. Was würde mich in den folgenden Minuten erwarten? Das Match um die Zeugnisnote wurde mit einem Hinweis an mich eröffnet.
„Er möge deutlich schreiben, damit ich jeden Fehler erkenne“.
Meine Antwort war entsprechend.
„Egal wie ich schreibe, Sie werden keine Fehler erkennen. Ich kann nur noch einmal wiederholen, ich schreibe fehlerfrei!“
„Er möge abwarten und nicht so großkotzig sein“.
Dann diktierte er das erste Wort, das zweite, das dritte. Mit jedem richtig geschriebenen Wort wurde ich sicherer und ruhiger. Und kesser. Nachdem die ersten sechs Wörter fehlerfrei blieben, konnte ich nicht anders. Musste in ironischer Tonlage etwas loswerden. „Kommt denn auch noch ein schwieriges Wort? Sie haben sich doch extra die Mühe gemacht und zu Hause nach schwierigen Wörtern gesucht!“
Mit dieser, zugegeben frechen Bemerkung, erntete ich Gelächter und Beifall der Klasse. Nicht so von Herrn Scheidt. Sein Teint nahm die Farbe einer reifen Tomate an.
„Er möge abwarten und weiterschreiben“.
Um es kurz zu machen, ich blieb fehlerfrei. Natürlich musste zum Abschluss noch eine Zugabe von mir raus.
„Und für diesen Pipifax haben Sie sich die Mühe gemacht und Wörter herausgesucht? Na ja! Sie haben anscheinend zu Hause Langeweile“.
„Dann muss ich ihm wohl die Eins geben“, knurrte er verkniffen und widerwillig.
Es hätte nur noch ‚leider’ gefehlt. Dieser Lehrer war schon ein besonderes Exemplar! Leider mussten wir uns auch Schreibmaschinenunterricht mit diesem liebenswerten Exemplar herumschlagen. Hier verhielt er sich ebenso unangenehm wie in seinem anderen Fach. Ein gutes, weil passendes Beispiel bietet nachfolgendes Vorkommnis. Der Klassensprecher war ein lieber, netter, stets ein wenig nervöser Bursche. Eine für die Zeugnisnote entscheidende Klassenarbeit stand an. Der Klassensprecher – sein Namen ist mir entfallen, ich nenne ihn der Einfachheit halber Horst – bat, die eigene Schreibmaschine mitbringen zu dürfen. Ein durchaus verständlicher Wunsch. Auf den schuleigenen Maschinen hatten bestimmt schon Generationen herumgehämmert. Sie waren, wie man so treffend sagt, regelrecht ausgelutscht. Natürlich passte dem Lehrer das Verschmähen des Schulmaterials nicht. Kein Argument für eine Ablehnung zur Hand stimmte er zähneknirschend zu.
Der Tag der Entscheidungsarbeit. Jede Arbeit begann er mit dem gleichen Ritual.
„Die Herren mögen die Hände auf die Tastatur legen“.
Danach nahm er eine Stoppuhr in die Hand. Mit den Worten „Ührchen läuft“ durften wir auf die Tasten hämmern. Dieses Hämmern wurde dem nervösen Horst zum Verhängnis. Er betätigte einige Tasten gleichzeitig. Die sich natürlich ineinander verhakten. Das Missgeschick zu beheben dauerte. Inzwischen lief das „Ührchen“ erbarmungslos weiter. Horst verhaspelte sich mehr und mehr. Sein nervöses Getue blieb nicht lange verborgen. Der Herrscher über die Schreibmaschinen bezog mit verschränkten Armen Position neben Horst. Der sich nun hämische Kommentare anhören durfte und musste.
„Das hat er nun davon. Er musste ja unbedingt seine eigene Maschine mitbringen. Unsere waren ihm nicht gut genug“, strahlte er, mit fettem Grinsen im Gesicht, Zufriedenheit aus. Dass dies alles logischerweise nicht beruhigend wirkte, sondern Horsts Nervosität nur steigerte war nachvollziehbar. Eine Menge Zeit verrann, bis der arme Kerl weiter auf die Tasten dreschen konnte. Verständlich, dass die Entscheidungsarbeit fürs Zeugnis weit unter Horsts gewohnter Leistung blieb. Der Sadist hatte sein Ziel erreicht!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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