Klare Worte

Ich stehe auf den Zehenspitzen vor dem Schreibtisch meines Chefs. Starre ihm provozierend in seine wässrigen Augen. Die er hinter einer unmodernen Brille versteckt hat.
„Versuchen Sie erst gar nicht Ihr Telefon zu erreichen“, schleudere ich ihm höhnisch ins Gesicht. „Es ist niemand mehr in der Firma. Wir sind alleine. Nur Sie und ich. Der Nachtportier ist unten im Heizkeller. Für das, was ich Ihnen zu sagen habe, brauche ich weder Zeugen noch eine Störung“.
Nach dieser Einleitung richte ich mich kerzengerade auf. Versuche, aus meinen mickrigen 165 Zentimetern rauszuholen, was rauszuholen ist.
„Seit acht Jahren warte ich auf diese Gelegenheit. Jetzt endlich habe ich sie bekommen. Und will Ihnen heute mal unverblümt die Wahrheit sagen, was ich über Sie denke. Ob es Ihnen passt oder nicht“.
Ich greife in meine Hosentasche. Hole ein Klappmesser hervor und lasse die Klinge herausschießen. Ein bedrohliches Instrument.
20 Zentimeter lang, blitzend mit gezackter Klinge. Fuchtele damit spielerisch vor seinem Gesicht. Beuge mich nach vorn und fege mit der Klinge Schreibtischutensilien auf den Boden. Genieße die Angst in seinen wässrigen Augen.
„Ich habe es satt, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen. Nur weil ich Ihr Sekretär bin und die Ehre, ha, ha, ha, habe, eine Stunde vor Dienstbeginn bei Ihnen erscheinen zu müssen. Ich habe es satt, zu allem was Sie sagen, immer nur begeistert ja zu sagen. Unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe es satt, wenn Sie mich in Ihrer überheblichen Weise dauernd Ihren lieben Hobinger nennen. Ich bin nicht länger Ihr lieber Hobinger. Es hat sich ausgehobingert. Glauben Sie etwa, es hat mir Spaß gemacht, als Sie mich in Anwesenheit dieses blasierten Vertreters so herablassend behandelt haben? Nein, nein, es ist aus. Ein für alle Mal aus. Suchen Sie sich, wen Sie wollen. Auf mich können Sie nicht mehr zählen. Ich habe mich innerlich von Ihnen gelöst. Sie wundern sich, dass ich mit Ihnen in dieser Form spreche? Sehr komisch, dass Sie nicht wissen, wie schwer Sie es einem machen, nur ein einziges Mal seine eigene Meinung zu sagen. Bei Zeus, ich bin wahrhaftig ein geduldiges Lamm. Aber was zu viel ist, ist zu viel. Nun ist der Punkt erreicht, an dem nichts mehr zu retten ist.
Hören Sie gut zu, verehrter Chef, was ich jetzt sage. Nie mehr werde ich meinen Wecker für Sie um sechs Uhr in der Frühe klingeln lassen. Nie mehr werde ich dieses Haus betreten. Aus. Schluss. Ich habe genug gelitten, Sie Leuteschinder“.
Mit einer theatralischen Bewegung meines rechten Armes fege ich den kärglichen Rest vom Schreibtisch, der noch nicht auf dem Boden gelandet ist. Schenke dem Chef einen verächtlichen Blick … und verspüre einen brennenden Schmerz auf meiner Wange.
„Sie wagen es tatsächlich, mich zu schlagen?“ stehe ich im Begriff, meine Muskeln zu aktivieren.
„Seit wann siezt du mich? Du hast anscheinend wieder schlecht geträumt“, reißt mich die Stimme meiner Frau in die raue Wirklichkeit zurück.
„Das ist aber noch lange kein Grund, mich zu schlagen“, reibe ich meine Wange.
„Das war reiner Selbstschutz. Du hast so wild mit deinen Armen herumgefuchtelt, dass ich Angst bekam“.
„Darüber reden wir morgen noch. Jetzt muss ich schlafen. Schließlich muss ich um sechs Uhr aufstehen“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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