Man ist so alt, wie man es braucht

Anfang zwanzig. Ein Jahr älter als mein Freund Lou. Urlaubszeit. Gemeinsam
hatten wir beschlossen, die spanische Wirtschaft mit deutschen Devisen anzukurbeln.
Eine renommierte Reisegesellschaft entführte uns zu einem 4-Sterne-Hotel auf der bundesdeutschen Kolonie Mallorca.
Die erste Enttäuschung mussten wir bereits bei der Besichtigung unseres Zimmers verdauen. Karg bis spärlich eingerichtet.
Die nächste Enttäuschung wartete im Speisesaal. Keine Frauen. Nein, ist so nicht ganz richtig. Frauen ja. Aber in einem für uns nicht akzeptablen Alter.
„Sind wir in einem Altenheim gelandet?“ knurrte ich leise. „Hier sitzen ja nur Omas oder Scheintote herum“.
Dass ich mit dieser respektlosen Feststellung die anwesende Damenwelt zu Unrecht degradierte, mag wohl an meinen jugendlichen 20 Jahren gelegen haben.
Schließlich bewegte sich das Alter der anwesenden Frauen zwischen geschätzten dreißig bis vierzig Jahren. Somit noch meilenweit davon entfernt, den Status einer Oma zu erringen.
„Nun mach keinen Aufstand. Ich bin sicher, dass es am Strand anders aussieht. Da laufen bestimmt genug Puppen herum, die wir anbaggern können“, verscheuchte Lou erfolgreich trübe Gedanken.
Die erste Mahlzeit reihte sich nahtlos in die vorherigen Enttäuschungen ein. Unwürdigeines Hotels, das vier Sterne eingeheimst hatte.
„Peil mal unauffällig nach rechts. Diebeiden Frauen schauen schon die ganze Zeit zu uns herüber“, teilte mir Lou mit.
Ein Blick, kein unauffälliger, und meinUrteil war gefällt.
„Die? Die sind doppelt so alt wie wir. Das ist ja fast Leichenschändung“.
Mein Interesse war bereits von einer jungen Göttin erregt worden. Sechzehn Jahre alt, aufblühender Body. Interessantes Gesicht umrahmt von einer schwarzen Haarpracht.
Angetrieben von nimmersatten Hormonen versuchte ich mein Glück. Mit oft verwendeten Floskeln – der Göttin noch nicht geläufig – gelang es mir, Eindruck zu schinden. Dann zerstörten beinahe mora- lische Bedenken all das, was ich mir in Gedanken bereits ausgemalt hatte.
„Ich glaube, wir lassen das alles, bevor etwas passiert ist. Ich bin erst sechzehn Jahre. Du bist bestimmt zu alt für mich“.
„Ich? Zu alt? Ich bin siebzehn. In zwei Monaten werde ich achtzehn. Dann will ich
endlich den Führerschein machen“.
„Wirklich? Du siehst aber viel älter aus“.
„Ich weiß, ich weiß. Hatte in der letzten Zeit viel Stress. Und Ärger. Probleme in der Schule. Bei der theoretischen Führerscheinprüfung bin ich durchgefallen. Ärger mit meinen Eltern. Die mir immer noch vorschreiben wollen, wann ich abends nach Hause kommen soll. Immerhin bin ich schon fast achtzehn. Und glaub mir, so etwas bleibt nicht in den Klamotten hängen“, log ich dreist und unverfroren.
„Dann bist du ja wirklich nicht zu alt für mich“, umarmte sie mich scheu.
Ein noch scheueres Küsschen folgte. Ein intensiver Kuss folgte später.
„Ich mag dich nämlich. Du sagst immer so lustige Sachen“, flüsterte sie ein wenig verlegen.
Bald darauf musste sie ihrer Jugend Tribut zollen.
„Es ist elf Uhr. Ich muss hoch in mein Zimmer. Ich habe meinen Eltern versprechen müssen, spätestens um elf auf mein Zimmer zu gehen. Falls sie mein Fehlen bemerken, gibt es Terror“.
Ein Abschiedskuss und „Ich freue mich auf morgen, Schatz“, ließ für den morgigen Tagauf einiges hoffen. Ebenso wie die schnelle Beförderung zum Schatz.
Elf Uhr war für zwei unternehmungslustige junge Männer noch keine Zeit, in der man aufs Sandmännchen wartet. Unschlüssig standen wir tatenlos herum. Was tun?
Wie bestellt betraten die beiden Frauen, die uns am Mittagstisch fixiert hatten, die
Bühne.
„Der Abend ist doch noch nicht verloren“, grinste Lou, „die beiden machen wir klar“.
„Sind das nicht die Omas von heute Mittag?“ vergewisserte ich mich.
„Na und? Stell dich bloß nicht so an. Du bist doch sonst nicht so“, wies er meine Bedenken zurück.
Der Bursche hatte gut reden. Er verlangte im Klartext, dass ich mich gedanklich von einer reifenden Göttin lösen sollte. Und stattdessen mit dem Gegenteil vorlieb nahm.
„Okay. Überredet“, stimmte ich des lieben Friedens willen zu. Dennoch skeptisch.
„So schöne Frauen alleine unterwegs?“ fiel bereits das erste Kompliment. „Dem kann abgeholfen werden. Hier sind wir“, präsentierten wir uns scherzhaft in Siegespose.
Schnell entwickelte sich ein lockeres
Gespräch. Belangloses Gelaber. Dann kam ein verhängnisvolles Thema auf den Tisch des Hauses. Das Alter. Da das ungefähre Alter der Grazien naturbedingt abzulesen war, alterten wir in Sekundenschnelle. Lou um 10, ich um satte 13 Jahre.
Die Unterhaltung spielte sich auf der überdachten Terrasse des Hotels ab. So weit, so gut. Was kein Mensch ahnen konnte – ich am allerwenigstens – war die Tatsache, dass die Überdachung der Boden des Balkons war, der sich über uns befand. Und – verflixt noch mal – auf dem sich jemand auf Lauschposten befand.
Und dieser jemand war niemand anderes als die 16-jährige Göttin!!!!!
Am anderen Morgen. Die Göttin schwebte in den Speisesaal. Mit ausgebreiteten Armen eilte ich ihr entgegen. Bereit zu einer Umarmung. Eine eisige Miene und Blitze verstreuende Augen ließen meine Arme herabsinken.
„Wie alt bist du?“ zischten zwei Lippen, die ich gestern noch geküsst hatte.
„Noch siebzehn. Bald achtzehn. Hab ich dir doch erzählt“.
Was war mit meiner Göttin los? War ich im falschen Film?
„Dann erinnere dich mal daran, was du gestern Abend einer anderen Frau aufgetischt hast. Du bist wohl immer so alt, wie du es gerade brauchst. Pfui, schäm dich“, spuckte sie vor mir aus. Und zog von dannen.
„Scheiße Junge. Da hast du dir was Feines verbaut. Die Kleine ist echt super“, war alles, was mir enttäuscht zu sagen blieb.
Zurück zum älteren Semester. Zurück zur blonden Michaela und brünetten Ursula. Letztere verbrachte den Urlaub mit ihrem dreijährigen Sprössling. Da die Göttin für mich verloren war, stellte ich meine Bedenken hinsichtlich des Alters der beiden Frauen zurück.
Gemeinsam verbrachten wir zu viert den Tag. Die Stunden bis hin zum Abend waren so etwas wie ein Vorspiel. Es war zwar noch nicht ausgesprochen
worden, dennoch herrschte stillschweigend Einigkeit darüber, wo und womit alles enden sollte. Im Bett mit heißem Sex.
Doch wo war der geeignete Ort? Ursulas Söhnchen belegte das gemeinsame Zimmer von Mama und ihrer Freundin. Den Zwerg ausquartieren? Niemals.
Damit ergab sich die Lösung von selbst. Unser Doppelzimmer wurde zur Lasterhöhle auserkoren. Gegen meinen Protest. Nun war ich längst kein Musterknabe. Wusste in puncto Sex, wo es langging. Aber was sich hier anbahnte, war bis dato neu für mich.
Sex mit einer Frau, wenn neben mir das Gleiche abgezogen wird? Zum einen war das nicht weit entfernt von Gruppensex.
Zum anderen bestand die Gefahr, dass es auf einen Wettkampf hinauslaufen könnte. Beides, Gruppensex und Wettkampf, war nie mein Ding. Sex ohne Druck, ohne Publikum genießen, war schon eher etwas für Mamas Liebling.
„Stell dich nicht so an. Wir sind doch keine Kinder mehr. Jeder weiß schließlich, was sich im Bett abspielt. Wir löschen das Licht, schließen die Vorhänge, und perfekt ist die Dunkelheit. Fast so gut wie zwei separate Räume“, wurde ich überstimmt.
Gesagt, getan. Bei fast völliger Dunkelheit war zwar nichts zu sehen. Dafür umso mehr zu hören.
Obwohl ich selber aktiv war, konnte ich mich nicht konzentrieren. Mir fehlte gedämpftes Licht. Ich liebte es, einen nackten Frauenkörper zu bewundern. Bei der herrschenden Dunkelheit hätte man mir auch tatsächlich eine Oma unterschieben können.
Zusätzlich war da die Geräuschkulisse vom Nachbarbett. Grinsend suchte ich nach einem Sinn in dem Gestammel von nebenan. Ich war drauf und dran, Freund
Lou mit den Worten „Gib Gas Junge“ anzufeuern. Ging natürlich nicht.
Bei all den Ablenkungen verrichtete ich meine Arbeit mehr oder weniger automatisch. War in Gedanken überall. Nur nicht bei Michaela. Nur so war zu verstehen, dass ich erschrocken zusammenzuckte, als unter mir – einem Kanonschlag gleich – ertönte „Hubert, meine Sonne“. Um die Sache rundzumachen, in bestem Ruhrgebiet Dialekt. Zuständig für die Lärmbelästigung war Michaelas Höhepunkt. Den sie gerade durchlebte.
Nach Abzug der Grazien erhielt ich einen Vorgeschmack von dem, was mich in der Heimat erwarten würde.
„Na, wie war es denn?“ Pause. „Hubert meine Sonne“, sah Lou feixend zu mir herüber.
Was auf Mallorca befürchtet, geschah in Köln. Über Monate hinweg begrüßten mich die Freunde im Chor mit „Da kommt Hubert meine Sonne“.
Ärsche!!!!!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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