Meine alte Autojacke

Vielleicht ist es Einbildung, aber ohne meine alte Autojacke konnte ich nicht Auto fahren. Mein Auto und meine Autojacke, die gehörten zusammen. Und wenn ich hinter dem Lenkrad eine wirklich gute Leistung zeigen sollte, dann nur in meiner alten Autojacke.
Ich hatte nie ein Kleidungsstück, in dem ich mich so wohl fühlte wie in meiner alten, mausgrauen Autojacke aus grobem Tweed. Ich hatte Ellenbogenfreiheit darin. Ein paar Ölflecken und ein zerknitterter Rücken spielten keine Rolle. Die Jacke konnte es vertragen. Viele Jahre leistete sie ihrem Herrn treue Dienste. Jetzt ist sie weg!!!!!!!
Wir passten so gut zusammen – meine schöne, alte, mausgraue Autojacke aus grobem Tweed und ich. Wie oft habe ich sie geflickt? Wie oft fehlende Knöpfe angenäht? Alles nur, um sie noch etwas länger tragen zu können.
Helga verabscheute sie. Warum eigentlich weiß ich nicht genau. Ich weiß nur, dass sie bei jeder Gelegenheit protestierte, wenn ich die Jacke anzog, um in die Stadt zu fahren.
„Also wirklich, ich bitte dich! Du willst doch nicht etwa in diesem Fetzen in die Stadt fahren?“
„Fetzen? Welcher Fetzen? Ich hoffe, du sprichst nicht von meiner Jacke“.
Häufig erhielt ich Ausgehverbot, das Haus zu verlassen, wenn ich diesen „Putzlappen“ anziehen wollte. Häufig gelang es mir trotzdem, mich in der Jacke zur Garage zu schleichen – und abzudüsen.
Helga konnte leider aber auch manchmal so hysterisch werden, dass ich klein beigab und mein neues fischgrätgemustertes Modejackett anzog. Das Ding fühlte sich an wie laminierter Kunststoff mit Sperrholzeinlage vorn und hinten. Es war ein durch und durch widerliches und nicht auszuhaltendes Gefühl, den Sicherheitsgurt um diese steife Konfektionsware legen zu müssen. Zwar hatte die Zwangsjacke eine Stange Geld gekostet, aber es war und blieb verbraucherfeindlicher Pfuschkram. Wann immer ich Gelegenheit bekam, legte ich die Fischgräten ab und meinen guten, alten Tweed an. Und war schlagartig ein neuer und besserer Mensch. Ein herrliches Gefühl! Wir waren unzertrennlich – meine alte Autojacke und ich.
Wenn man die Haube öffnete und den Kopf über den Motor beugte, um zu checken, warum er nicht richtig tuckerte, brauchte man sich wegen etwas Öl oder Schmiere keine Sorgen zu machen. Flecken dieser Art waren schon längst über die ganze Jacke verteilt. Schlimm war nur, dass die Ärmel immer mehr verschlissen. Und eines Tages entdeckte ich ein Loch in dem Ärmel, den ich beim Fahren immer an der Tür rieb.
Heimlich schlich ich zu einem Schneider. Der meiner Jacke ein paar solide Lederflicken verpasste. Und dafür annähernd die Summe kassierte, die ich für mein Fischgrätenjackett hingeblättert hatte. Nach dieser Verjüngungskur war meine alte Autojacke wieder so gut wie neu. Ich durfte sogar ohne wesentliche Einwände von Helgas Seite damit noch eine Zeit lang fahren. Aber eines Tages – ich wollte mal schnell in die Stadt fahren – war der Bügel im Schrank leer.
„Wo ist meine Autojacke?“ schlüpfte ich in die Rolle eines Verhörspezialisten, der den Schuldigen bereits kennt.
„Autojacke?“ höhnte Helga. „Es passt mir nicht, dass du sie immer noch Jacke nennst. Falls du diesen Fetzen meinst, den du immer anziehst, den habe ich der Altkleidersammlung vermacht. Vorhin waren hier ein paar Pfadfinder, um Lumpen zu sammeln“.
Ich sprang hoch. Riss die Tür auf. Und erreichte die Pfadfinder, die gerade ein Dreirad aufluden, nach einem olympiareifen Sprint. Aus einem großen Plastiksack lugte ein Ärmel meiner Autojacke, als wollte er um Hilfe rufen. Ruck, zuck riss ich die Jacke an mich.
„He, was soll das?“ rief einer der Pfadfinder. „Die haben wir gerade bekommen. Der Erlös dieser Sachen geht an bedürftige Menschen in der …“.
Welche Menschen wo bedürftig waren, hörte ich nicht mehr. War mit meinem kostbaren Kleinod schon auf dem Weg in die heimischen Wände. Dort bürstete ich die Jacke aus. Entfernte auch noch einige Ölflecken mit warmem Wasser … und sie war wie neu. Meine gute, alte, eingefahrene Autojacke. Vierzehn Tage später war sie wiederum verschwunden.
„Verdammt noch mal, wo ist meine alte Autojacke?“ grölte ich so laut, dass man es im ganzen Haus hören konnte.
Bevor ich eine Antwort erhielt, sah ich sie. Sie hing als Vogelscheuche im Erdbeerbeet. Schnell befreite ich sie von dem entwürdigenden Platz. Bürstete sie. Entfernte Vogelmist und was sonst noch alles unsere Umwelt verschmutzt. Und zog sie zufrieden lächelnd an.
Den Rest des Tages sprach ich kein Wort mit meiner Angetrauten. Wünschte ihr noch nicht einmal Gute Nacht. Zog sogar eine Scheidung in Betracht.
Einige Zeit danach geschah das Unfassbare. Ich öffnete den Kleiderschrank. Der Bügel war leer!!!!
„MEINE AUTOJACKE“, schrie ich, „WER HAT MEINE AUTOJACKE AUS DEM SCHRANK GENOMMEN?“
Kein Laut. Keine Antworten. Kein Nichts. Ich suchte meine Jacke überall im Haus. Wobei ich mich mit jeder Minute mehr aufregte. Endlich entdeckte ich einen verkohlten Haufen in der Kompostecke des Gartens. Ich stocherte mit zitternder Hand darin herum. Fand noch Glut. Ein kleines Stückchen Tweed verriet mir die furchtbare Wahrheit. Als ich wütend bis in die Haarspitzen in die Küche stürmte, stand ich dicht vor einem Ehegattenmord. So dicht wie wohl noch nie ein Mensch vor mir. Helga verzog sich verschreckt in die entfernteste Ecke der Küche.
„Lass mich erklären“, wisperte sie, „es war nicht meine Schuld. Hör mich bitte an, bevor du etwas Unüberlegtes tust“.
Ich unterdrückte meine Mordgelüste und hörte ihr zu.
„Ich wollte die Jacke auslüften“, begann sie nervös. „Zufällig kam ich am Komposthaufen vorbei. Dort stand zufällig ein Benzinkanister. Über den ich unglücklicherweise gestolpert bin. Dabei rutschte mir die Jacke vom Arm und war
im Nu mit Benzin durchtränkt. Ausgerechnet in diesem Moment fiel etwas Glut von meiner Zigarette hinab. Das Benzin entzündete sich und der Fetzen, den du mit Autojacke bezeichnest, ging in Flammen auf. Das ist die reine und volle Wahrheit“.
„Es ist nichts als eine zum Himmel stinkende Lüge! Du rauchst ja überhaupt nicht und hast es auch nie getan“.
„Doch, ich rauchte. Die Jacke stank so fürchterlich nach Öl und Fett, dass ich es sonst nicht ausgehalten hätte“.
Ich hätte die Lügnerin erwürgen sollen. Tat es aber nicht.
Das ist jetzt fünf Jahre her. In der Zwischenzeit habe ich mich daran gewöhnt, mit dem fischgrätigen Modeding zu fahren. Es sitzt fast wie angegossen. Am Ärmel etwas zerschlissen, ein paar Knöpfe fehlen, hier und da sind ein paar Ölflecken.
Wenn ich ehrlich sein soll, ist es eigentlich eine sehr schöne Autojacke. Man kann stundenlang damit fahren, ohne dass sie zerknautschter aussieht als vorher. Man kann sich darin bewegen, man kann darin Auto fahren, man kann atmen.
Ich gehe gleich hinaus und ziehe sie an. Sie hängt an einem Nagel im Flur und …
„HELGA!!! WO IST MEINE AUTOJACKE?“

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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