Mit Löffel ging es auch

Ach ja, Marianne. Immer wieder gerne denke ich an die Zeit mit ihr zurück. Offiziell waren wir kein Paar. Heimlich umso intensiver, umso heftiger. Sie war verheiratet, ich verlobt. Als Gäste derselben Stammkneipe waren wir das, was allgemein mit flüchtigen Bekannten bezeichnet wird. Marianne war eine Frau für den wahren Kenner. Lange, rotblonde Haare, Antlitz mit asiatischem Einschlag. Schlank mit vollen Rundungen, wo sie sein sollen. Und mit fantastischen Beinen. Für mich, bekennender Beinfetischist, Grund genug, zu sabbern, was das Zeug hielt, sobald sie an der Seite ihres Mannes das Lokal betrat. An dieser Stelle zum besseren Verständnis vorab eine Erläuterung. Meine Stammkneipe war gleichzeitig das Vereinslokal des Fußballklubs, in dem ich aktiver Spieler war. Natürlich blieb Mariannes Attraktivität meinen Mitspielern nicht verborgen. Anlass genug, sie nach jedem Sieg zu animieren, an der üblichen Feier teilzunehmen. Aus purer Höflichkeit mit Anhang.

So wurde es bald selbstverständlich, dass inmitten verschwitzter, durstiger, abgekämpfter Fußballvirtuosen die Lotusblüte Marianne den oder die Torschützen hochleben ließ. Ihr Mann erfuhr bei diesen Gelegenheiten, was ein Leben am Rande der Gesellschaft bedeutet. Ende der Erläuterung. Weiter mit der Story an sich. Siegesfeier. Ich stand an der Musikbox. Marianne trat zu mir.
„Wähle bitte einen langsamen Song. Ich möchte mit dir tanzen“, sprach sie zu mir. Blickte aber in eine andere Richtung.
„Langsam? Warum? Ich suche was Flottes. Bringt Stimmung in die Bude“, widersprach ich ahnungslos.
„Bei langsamer Musik kann man besser reden. Bitte mach es einfach“. Wunschgemäß ertönte ein schmalziger Song. Wir tanzten. Sie offenbarte Erstaunliches. Sehr Erstaunliches.
„Ich weiß, dass du schon viele Freundinnen gehabt hast“, war eine Tatsache, der ich nicht widersprechen konnte. Dennoch. Was sollte die Anspielung? Was wollte sie? Den Moralapostel spielen? Ich schwieg. „Ich dachte, vielleicht können wir uns auch mal treffen“, kam sie ohne Umschweife auf den Punkt.
„Wir? Warum?“ zu mehr war ich nicht in der Lage. Zu verblüffend war ihr Ansinnen.
„Das erkläre ich dir später. Hier muss ich mich kurzfassen. Mein Mann beobachtet uns“.
Es kam zum ersten Treffen. Ein Treffen, das unvergesslich blieb. Ihrem Mann hatte sie verkauft, eine Kollegin zu besuchen.Rückkehrzeit ungewiss. Sie hatte also Zeit. Genauer, wir hatten Zeit. In der sie ihr Leid schilderte.
„Du glaubst nicht, was ich dir jetzt erzähle. Mein Mann war auch mein erster Freund. Er hat mich zwar entjungfert. Aber frag nicht, wie. Auf dem üblichen Weg schaffte er es nicht.  Da hat er es mit einem Löffel gemacht. Den hat er mir einfach fest hineingerammt. Es tat unglaublich weh“.  Von der Erinnerung an diese brutale Aktion überwältigt, ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Fassungslos saß ich neben ihr. Zu unglaublich war das Gehörte. „Und so ist er fast immer“, fuhr sie fort, nachdem sie sich beruhigt hatte. „Er war nie zärtlich. Sex gibt es nur, wenn ich am Herd stehe und koche. Dann schlägt er meinen Rock hoch und legt los. Das ist alles“.
Immer noch war mir unklar, wozu sie mir das alles beichtete. Brauchte sie jemand, um ihr Herz auszuschütten?
„Soll ich mal drei Takte mit deinem Mann reden?“ bot ich meine Hilfe an.
„Nein, nur nicht“, wehrte sie vehement ab. Jetzt schien sie zur Sache kommen zu wollen. Stockend fuhr sie fort. Die Augen verlegen auf den Boden gerichtet. „Ich bin auch nur eine Frau, die Gefühle hat. Ich möchte auch mal Zärtlichkeiten empfangen. Ich möchte auch mal liebevollen Sex haben“. Ihr Blick hob sich. Tränennasse Augen sahen mich bittend an. „Da dachte ich eben an dich. Du hast schon viele Freundinnen gehabt und weißt bestimmt, wie man eine Frau behandelt und glücklich macht. Ich weiß, du bist verlobt. Ich habe aber auch bemerkt, dass ich dir gefalle. Deine Blicke sagten mir vieles“. Verlegen flüsternd, fügte sie „willst du?“ hinzu.
Und ob ich wollte!!!! Dieses reizvolle Geschöpf bot sich mir regelrecht an. Fragte überflüssigerweise sogar, ob ich sie wollte. Nur ein Idiot hätte abgelehnt. Der ich nun beileibe nicht war. Eines interessierte mich aber noch. Eines wollte ich noch wissen.
„Wieso fällt deine Wahl auf mich? Du hast sicherlich bemerkt, dass dich fast die ganze Fußballmannschaft begehrt. Was ich, ehrlich gesagt, verstehen kann“.
„Klar habe ich das bemerkt. Ein Grund, dass ich dich frage, ist deine Verlobung. So musst du, genau wie ich, vorsichtig sein. Und kannst keinem von uns erzählen. Außerdem gefällst du mir gut. Und, das ist der Hauptgrund, ich glaube, dass du wirklich zärtlich sein kannst“.
Während sie mir ihr Herz geöffnet hatte, saßen wir auf der Rückbank meines Wagens. Meine Richtung war also vorgegeben. Zärtlichkeit. Kein Problem.  Der Anfang war jetzt nicht leicht. Zärtlichkeit ist ein weites Gebiet. Wird oft verschieden interpretiert. Ich musste langsam und vorsichtig vorgehen, um den Punkt zu erreichen, der in ihren Augen zärtlich ist. Kaum hatte ich meinen Arm um sie gelegt und an mich herangezogen, presste sie ihre geöffneten Lippen auf meinen Mund. Sie hungerte regelrecht nach Liebe. Hier lag eine Aufgabe vor mir, der ich mich allzu widmen wollte. Mit zärtlichen Küssen bedeckte ich ihr Gesicht. Knabberte an ihrem Ohr. Streichelte sie hier streichelte sie da. Alles begleitet von gehauchten Komplimenten.

Bereits die herkömmlichen Liebkosungen erregten sie ungemein. Sie wand sich und stöhnte in meinen Armen.
„Zieh mich bitte aus“, wisperte sie mir ins Ohr.
Langsam, ganz langsam kam ich ihrer Bitte nach! Dann lag sie vor mir. Ein verführerischer, nackter Körper, der sich nach Zärtlichkeit sehnte. Und sie auch bekam. Zärtlichkeiten, gekonnt, langsam und dosiert führten sie in eine neue Welt. Marianne, mit geschlossenen Augen alles aufsaugend, was sie bisher nicht kannte, kam nicht auf den Gedanken mich zu entkleiden. Sie gab sich ausschließlich ihrem eigenen Verlangen hin. Störte mich aber nicht. Ich hatte mich immer schon am wirkungsvollen Spiel meiner Hände und meines Mundes erfreuen können.
„Komm zu mir. Ich will dich spüren“, flüsterte sie verlangend nach wenigen Minuten.
„Heute nicht. Nicht beim ersten Mal“, lehnte ich heldenhaft ab. „Wir haben noch viel Zeit vor uns. Genieße den heutigen Abend, der nur dir gehört. Und freue dich auf das nächste Mal. Dann erleben wir gemeinsam den Himmel“.
Die Ablehnung zum Sex rief meinen Kleinen auf den Plan. Er wollte, im Moment nicht mehr klein, befreit werden. Befreit von der beengenden Hose. Heute nicht, befahl ich auch ihm, zu warten.
„Und du?“ fasste Marianne an die gespannte Hose. „Dazu kommen wir später. Jetzt geht es nur um dich“, erwiderte ich zum Leidwesen meiner Hormone. Nach ihrem dritten Höhepunkt erreichte auch ich das beglückende Gefühl durch die Aktivität ihrer Hände. Diesem ersten Treffen folgten wöchentlich weitere. Marianne war sehr erfinderisch hinsichtlich Ausreden gegenüber ihrem Ehemann.

Immer andere Unternehmungen mit ihrer Freundin standen angeblich an. Kino, Theater, Karten spielen. Ihre Freundin hatte sie eingeweiht. Falls der Löffelkünstler anrufen würde. Meist gingen wir in eine verschwiegene Bar weitab von unserem Stadtviertel. Niemand durfte uns zusammen sehen. Gerne wäre ich mit ihr in ein gut besuchtes Tanzlokal gegangen. Meine schöne Begleiterin präsentieren. Mit ihr protzen. Kam ich nach einem Abend mit ihr noch spät ins Vereinslokal meiner Freunde, musste ich neugierige Fragen abwehren. Wo kommst du so spät her? Hast du eine Neue? Nur mein bester Freund hatte den richtigen Riecher.
„Du bist mit Marianne unterwegs gewesen. Gib es zu. Ich habe schon lange eure verliebten Blicke bemerkt. Du Schlawiner“.
Von Mal zu Mal fiel es schwerer, glaubhafte Lügen zu finden. Für uns, Marianne und mich, wurde die Rückbank bald zu eng. Unsere Aktivitäten verlangten nach mehr Platz. Die rettende Idee kam von ihr.
„Wenn mein Mann morgens zur Arbeit fährt, könntest du doch kommen. Ich lasse ein Fenster auf als Zeichen, dass er weg ist“.
Ich würde also zu spät auf der Arbeit erscheinen. Trotzdem reizte mich die Vorstellung auf morgendlichen Frühsport. Das Problem mit dem verspäteten Arbeitsbeginn musste zu regeln sein. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich trug meinem Chef, mit dem ich ausnahmsweise keine Probleme hatte, die Situation offen und ehrlich vor.
„An den Tagen, die ich später komme, bleibe ich abends entsprechend länger“, schlug ich abschließend vor. Mein Boss musterte mich. Grinste. Nickte zustimmend. „Sie sind schon ein Halunke. Trotzdem viel Spaß mit der Dame“.
Somit stand einer Ortsverlegung von der Rückbank ins Ehebett nichts mehr im Wege. Stand das betreffende Fenster offen, ging ich freudig hoch. Marianne empfing mich im Negligé. Das noch warme Bett empfing uns.  Sie erwies sich nach den ersten Treffen als gelehrige Schülerin. Wusste nun bestens, wie auch sie mich erregen konnte. Ohne Hemmungen bestrebt, mir die Gefühle zu bereiten, die ich ihr bereitete. Manchmal glaubte ich, ich würde sie lieben. Hätte sie vorgeschlagen, wir sollten unsere Partner, sie ihren Mann, ich meine Verlobte, verlassen und heiraten, wäre ich schwach geworden. Vielleicht. Im Verlauf einer Siegesfeier kamen sich Marianne und meine Verlobte näher. Paradoxerweise freundeten sie sich an. Kartenspielabende zu viert folgten. Selbst in Gegenwart meiner Verlobten hatte sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Immer wieder krabbelten unter dem Tisch ihre Füße an mir hoch. In gefährliche Höhen. Trotz aller Vorsicht meinerseits wurde meine Verlobte misstrauisch.
„Merkst du eigentlich nicht, wie die dich immer angafft? Ich glaube, die will was von dir“.
„Das bildest du dir nur ein“, wehrte ich ab, „sie ist glücklich verheiratet, ich glücklich verlobt“.
Zu allem Übel planten die Frauen einen gemeinsamen Urlaub. Zu viert! Nach Italia. Ich sah Ärger am Horizont. Konnte das gut gehen? Konnte Marianne, der stimulierenden Meeresluft ausgesetzt, sich und ihre Gefühle kontrollieren? Der Ärger blieb zwar aus, doch mit Mariannes Kontrolle war es nicht weit her. Lagen wir am Strand fiel ihr immer ein neuer Vorwand ein, in die Pension zu müssen. Mit mir. Dort ging es kurz, aber heftig zu. Darauf von mir angesprochen, wurde sie verlegen.
„Ich schaffe es einfach nicht, ganz ohne dich auszukommen. Ich finde es auch in Ruhe und im Bett schöner“.
Was blieb mir zu sagen? Letztlich war es meine Schuld. Ich hatte ihr gezeigt, wie herrlich zärtlicher Sex sein konnte. Das Ende der Beziehung kam ohne unser Zutun. Ihr Mann wurde beruflich versetzt. Nach Saarlouis, ins Saarland. Notgedrungen musste sie mit. Ein letztes morgendliches Treffen sollte den Abschied erleichtern. Das Gegenteil wurde der Fall. Schmerzlich wurde uns bewusst, dass dies unser letztes Zusammensein sein würde. Schade!! Viele, viele Jahre später – etwa zwanzig – unterhielt ich mich mit meinem Freund über unsere wilde Jugendzeit. Wir schwelgten in Erinnerungen, lachten herzhaft und viel. Dann erinnerte er sich an die Frage, die nie von mir beantwortet worden war.
„Sag jetzt mal ehrlich. Ist ja schon ewig her! Hast du etwas mit Marianne gehabt? Du weißt schon, damals“.
Neugierig wartete er auf meine Antwort. Jetzt bestand kein Grund mehr zu schweigen.Marianne erfreute das Saarland mit ihrer Gegenwart. Ich war geschieden.
„Klar“, antwortete ich breit grinsend.
„Du Schlitzohr“, entfuhr es ihm spontan, „hab ich doch immer schon geahnt. Mann, die hätte ich auch zu gerne gehabt“. Pause. „Wie hast du das bloß geschafft?“ fuhr er bewundernd fort.
Einzelheiten wollte ich auch nach so langer Zeit nicht preisgeben.
„Marianne hatte einfach nur Geschmack. Sie wollte den Besten. Mich. Wer will schon den Zweitbesten – dich –, wenn man den King haben kann. Außerdem kann ich etwas bieten, wozu du nicht in der Lage bist“.
„Und was soll das sein?“ musterte er mich misstrauisch.
„Zärtlichkeiten“.

Ihr Hubert Plug

 

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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