Nein, nicht schon wieder

Auf meiner Lehrstelle, der Deutschen Bank, verrichteten etliche attraktive Mädels ihren Dienst. Unter ihnen auch Heide. Die das Attribut attraktiv absolut verdient hatte. Bevor ich sie vor langer Zeit für mich gewinnen konnte, hatte Bärbel das Rennen gemacht.
Obwohl ich schon längst zu Ford
gewechselt war, begegnete mir zufällig genau diese Heide in der Kölner City. Nach Austausch üblicher Floskeln – „Wie geht es dir?“ oder „Alles klar?“ – stellte sie die von mir erhoffte Frage.
„Wie geht es eigentlich Bärbel? Seid ihr noch zusammen?“ klang ein wenig Neugier aus ihrer Stimme.
‚Na bitte. Hab ich´s doch geahnt‘, war mein erster Gedanke.
„Nein, wir haben uns schon lange getrennt“, warf ich lässig hin. Dass ich an der Trennung immer noch zu knabbern hatte, verschwieg ich tunlichst.
„Ist das wahr? Ihr seid doch so verliebt gewesen“.
„Tja, auch die größte Liebe endet einmal“, wehrte ich ab. „Aber wie sieht es bei dir denn so aus? Bist du gebunden oder solo?“ Diesmal war ich neugierig.
„Ich bin solo. Mich will niemand“, lächelte sie. Klar, fishing for compliment!
„Dem kann ich abhelfen. Vor dir steht jemand, der gerne mit dir ausgehen würde“.
„Du? Auf einmal? Damals wolltest du lieber Bärbel“, wehrte sie schwach ab.
Nun musste ich vorsichtig sein. Die Erklärung für meine damalige Entscheidung musste plausibel sein. Ein falsches Wort und aufkeimende Hoffnung auf ein Abenteuer konnte ich begraben.
„Was ich dir jetzt sage, meine ich ehrlich“, sah ich sie ernst an. „Ich hatte damals schon großes Interesse an dir. Mehr als an Bärbel. Irgendwie traute ich mich nicht, dich um ein Date zu bitten. Hatte das Gefühl, du würdest mir einen Korb geben“.
Zum Schluss flüsterte ich fast. Meine Stimme wurde leiser und leiser. Wagte nicht meinen Blick vom Boden zu heben. Mehr an Schauspielerei konnte ich nicht bringen, um schlechtes Gewissen zu demonstrieren.
„Du bist verrückt. Ich hätte mich über eine Einladung gefreut. Ich war sogar richtig sauer, als du mit Bärbel zusammen gekommen bist“.
Schlagartig wurde meine Stimme kräftiger. Mein Blick klarer.
„Ist das wahr? Dann versuchen wir es doch jetzt einmal mit uns. Bitte sag ja. Du wirst es nicht bereuen“, zeigte ich mich glücklich. Wie erwartet, hörte ich nach kurzem Zögern „Okay. Aber wehe dir, du enttäuschst mich!“
„Werd ich nicht. Im Gegenteil“.
Es kam zum ersten Treffen. Ein netter Abend im Tanzlokal brachte uns emotional näher. Ihre Freude, bei jedem Song der Band das Tanzbein zu schwingen, war für ihren Tanzpartner, also für mich, gleichbedeutend mit einer Stunde in der Muckibude. Körperkontakte während der Tänze wurden von Mal zu Mal enger. Kein Wunder. Heide hatte eine aufregende Figur. Üppiger Busen, kleiner Po, schöne Beine. Unverständlich, dass sie noch solo war.
Die engen Tänze blieben nicht ohne Wirkung. Unsere Augen versanken träumerisch ineinander. Ohne nachzudenken, erste zarte Berührungen. Ein richtiger Kuss folgte bald. Eingedenk der Tatsache, dass sie aus sogenanntem gutem Hause kam, ging mir im Prinzip alles zu schnell. Wie auch der Kuss fürs erste Treffen zu heiß war.
„Ich muss dir ein Geständnis machen“, hauchte Heide mit leiser Stimme. „Ich glaube, ich habe mich schon damals, während unserer Zeit bei der Bank, in dich verliebt. Du hast nur nichts bemerkt. Heute weiß ich, dass es so ist. Zumindest ein bisschen“, schränkte sie zum Schluss noch ein.
Meine Gedanken? Nein, nicht schon wieder. Geht es nicht mal ohne Liebe? Kann man nicht mal einfach nur dem Verlangen nachgeben?
Klar fand ich sie nett. Gut gebaut war sie auch. Alles Okay so weit. Da muss man doch nicht direkt wieder das Wort Liebe einfließen lassen. Ist sowieso meist ein Lippenbekenntnis, hinter dem nichts steht. Mit unsicheren Augen wartete sie auf meine Erwiderung. Hatte ich eine andere Wahl als Ähnliches zu sagen? Nein!! Ich nahm ihre Hände, blickte tief in ihre großen Augen.
„Auch ich empfinde viel für dich. Du bedeutest mir schon nach dem heutigen Abend sehr viel. Ich genieße deine Gegenwart sehr. Du bist süß, dich muss man mögen. Es sei denn, man ist tot“.
Verdammte Heuchelei. In diesem Augenblick tat sie mir leid. Natürlich gefiel sie mir. Keine Frage. Doch ich wollte nur Sex. Ohne Gefühlsduselei. Bewusst hatte ich das Wort Liebe vermieden. Trotzdem schien ihr zu genügen, was ich ihr ins Ohr flüsterte.
„Meine Eltern sind dieses Wochenende fort. Wollen wir noch zu mir gehen?“ fragte sie leicht errötend.
Aber hallo, dachte ich, am ersten Abend? Die hat es ja wirklich erwischt.
„Bist du dir sicher? Schon am ersten Abend?“ zeigte ich ein wenig ehrliche Skrupel.
„Mein Gefühl sagt ja“, hauchte sie.
Somit sollte der Abend also im Bett ausklingen. Skrupel hin, Skrupel her. Mein Verlangen siegte. Wir landeten im Bett. Wie schon bekleidet zu erkennen war, nackt sah sie hinreißend aus. Nach ausgiebigem Vorspiel wollte ich zur Aktion schreiten. Ein gehauchter Hinweis riss mich schlagartig aus allen Träumen.
„Sei bitte vorsichtig. Es ist mein erstes Mal“.
Nein, nicht schon wieder!!
Mir war nach normalem, heißen Sex. Ohne vorsichtig sein zu müssen. Wie konnte sie bei ihrem Aussehen noch Jungfrau sein? Waren denn alle Männer blind? Meine Lust war dahin. Die zuvor tobenden Hormone setzten sich zur Ruhe. Langsam erhob ich mich.
„Bist du wirklich noch Jungfrau?“ Schweigend nickte sie.
„Dann sollten wir nichts überstürzen. Und es nicht am ersten Abend tun. Es ist besser, wir warten, bis wir beide sicher sind und wissen, wie wir füreinander empfinden. Ich könnte mir nie verzeihen, wenn du bei mir deine Unschuld verlierst, und ich dich später enttäuschen würde“.
Ihre anfänglich verständnislose Miene verwandelte sich zusehends. Zum Schluss strahlte sie.
„Ich finde deine Sorge unheimlich lieb. Vielleicht hast du sogar recht, und es ist besser, noch ein wenig zu warten“.
Immer noch verführerisch nackt streckte sie mir ihre Arme entgegen.
„Aber kuscheln können wir doch. Ist doch auch schön“.
In der Not frisst der Teufel Fliegen!!!! Aus engem Kuscheln wurde ausgiebiges Petting. Zum Schluss gelangten wir beide zum Höhepunkt.
„Mit dem anderen warten wir aber nicht zu lange“, lächelte sie glücklich.
Zwei Wochen später wurde sie zur Frau.
Wieder mit Hilfe von dem, was ich mittlerweile perfekt beherrschte. Den Ohrbiss. Sechs Monate später trennten wir uns. Friedlich und in Freundschaft.
Monate nach der Trennung begegneten wir uns zufällig in der Kölner Innenstadt. Erfreut begrüßten wir uns. Heide grinste frech.
„Ich habe übrigens kürzlich Bärbel getroffen. Wir unterhielten uns natürlich auch über dich. Zu meinem Erstaunen war Bärbel der Ohrbiss auch nicht unbekannt“. Als ich nur zustimmend nickte, fuhr sie fort.
„Was sagst du denn dazu, du Halunke?“ knuffte sie mich gegen die Schulter.
„Was soll ich dazu sagen? Hat sie dir auch gesagt, wer sie gebissen hat?“ holte ich den Ahnungslosen aus der Versenkung.
„Na, du natürlich. Wer sonst? Aber du kannst beruhigt sein. Beide waren wir voll des Lobes über die rücksichtsvolle Art, mit der du uns zur Frau gemacht hast“.
Dann folgte ein erstaunliches Angebot.
„Versteh mich jetzt nur nicht falsch. Meine Eltern sind wieder mal weg. Ich habe also sturmfreie Bude. Was hältst du davon, wenn wir noch mal eine gemeinsame Nacht verbringen. Natürlich völlig unverbindlich. Der Sex mit dir war jedes Mal ein Erlebnis. Oft noch habe ich an die Nächte mit dir denken müssen. Oder bist du im Moment gebunden? Hast du eine Freundin?“
Da gab es kein Überlegen. Da gab es nur Zustimmung.
„Ich verstehe dein reizendes Angebot nicht falsch. Im Gegenteil. Ich fühle mich geschmeichelt. Auch mir blieben unsere heißen Nächte lange im Gedächtnis“.
Ich legte einen Arm um ihre Schultern und fuhr schmeichelnd fort.
„Deine Kurven sind immer noch unwiderstehlich. Dein Körper ist zur Sünde gemacht. Ich freue mich schon auf eine neue Nacht mit dir. Und nein, ich habe keine Freundin. Keine feste. Nur so lala“.
Es kam – wie abgesprochen – zu einer letzten Nacht. Sie war zur fantastischen Sexpartnerin gereift. Ohne jegliche Tabus. Ihr Körper gierte regelrecht nach Sex. In dieser Nacht war Schlaf ein Fremdwort für uns. Bestenfalls etwas für die Leute von nebenan. Nach angemessenen Pausen – die ich, nicht sie benötigte – ging es stets heiß weiter.
Kein Wort von Liebe. Beide wussten wir, unsere gemeinsame Zeit war schön gewesen. Aber nun vorüber. Am kommenden Morgen verabschiedeten wir uns. Erschöpft, glücklich und befriedigt, mit einem letzten Kuss.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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