Nie ohne Uhr

Jeder, der die Geschichte meines Freundes kennt, versteht, dass ich lieber nackt als ohne Uhr ausgehen würde.
Willi war damals 30 Jahre alt. Hatte beste Aussichten, in seiner Speditionsfirma Karriere zu machen. Im nächsten Urlaub erfüllte er sich einen lang gehegten Wunsch. Er wollte Rom erkunden.
Im Zug hatte er ein Abteil erster Klasse für sich allein. Bis ein älterer Herr das Abteil betrat. Sich grußlos in die andere Ecke verkrümelte – und schwieg.
„Wie spät ist es, mein Herr?“ erkundigte sich Willi bei dem Fremden.
Da dieser nichts erwiderte, wiederholte Willi die Frage. Diesmal lauter, um das Geräusch der ratternden Räder zu übertönen. Wiederum bestand die Antwort des älteren Herrn aus Schweigen. Vielleicht ist er schwerhörig, vielleicht sogar taub, tröstete sich Willi.
Vor Rom streckte der Schaffner den Kopf durch die Türritze und meldete mit leiser
Stimme das Ende der Reise. Sofort erhob sich der Alte. Griff seine Koffer und machte Anstalten, das Abteil zu verlassen. Willi, nun überzeugt, dass der Alte hören konnte, stellte sich neben ihn und verlangte Aufklärung.
„Ich dachte Sie wären schwerhörig, mein Herr. Warum haben Sie mir heute Vormittag nicht geantwortet, als ich Sie nach der Uhrzeit gefragt habe?“
„Junger Mann“, belehrte ihn der alte Herr, „wenn ich Ihnen geantwortet hätte, wären wir ins Gespräch gekommen. Ich hätte Ihnen wahrscheinlich erzählt, dass ich in Rom ein hübsches Haus habe. Dann hätten Sie mir mitgeteilt, dass Sie leider niemand hier kennen. Dann hätte ich Sie zu mir einladen müssen. Dann hätten Sie bei mir meine Tochter gesehen. Dann hätten Sie sie gefragt, ob sie mit Ihnen ausgehen will. Und sehen Sie, junger Mann, ich möchte einfach nicht, dass mein Kind mit einem Mann ausgeht, der nicht einmal eine Uhr besitzt“.
Nach dieser Aufklärung hätte die Geschichte beendet sein können. War es aber nicht. Sie geht weiter. Oder korrekter ausgedrückt: Sie fängt jetzt erst richtig an.
Willi war von der klugen Voraussicht des alten Herrn so beeindruckt, dass er sofort von dem Wunsch beherrscht wurde, die Tochter kennenzulernen. Bestimmt war sie ein ähnlicher Typ wie ihr Papa. Und für logische Menschen hatte Willi schon immer eine Schwäche.
Beim Aussteigen erhaschte er einen Blick auf das Schild am Koffer. Erhielt so Kenntnis von Name und Anschrift. Stunden später harrte er vor der Villa so lange, bis ein junges, bezauberndes Mädchen den Garten verließ. Dazu in einem feschen Sportwagen.
Willi war hin und weg. Stand lichterloh in Flammen. Vom bestochenen Küchenjungen erfuhr er, dass Fräulein Melanie am nächsten Donnerstag beim Gastspiel des spanischen Balletts auf einem Logenplatz zu finden wäre. Er verschaffte sich eine Eintrittskarte. Verwickelte die Holde in der Pause in ein Gespräch über romanische Grazie und deutschen Charme.
Begeistert nahm er ihre Einladung zu einer Führung durch die Stadt für Montag an. Bewunderte während der Führung Melanie leidenschaftlicher als jeden Palast oder jedes Denkmal.
Er kündigte in der Spedition. Suchte sich eine Bleibe in Rom. Und wanderte aus. Verlobte sich und heiratete die fesselnde junge Dame. Verkrachte sich mit dem streitbaren Schwiegervater. Anschließend mit Melanie, die ihrem Vater die Stange hielt. In einem unkontrollierbaren Wutanfall tötete er sie und wurde zu acht Jahren verurteilt.
Nachdem mein armer Freund Willi nach fünf Jahren wegen guter Führung entlassen wurde, beschimpften ihn die Nachbarinnen auf der Straße lauthals als gewissenlosen Mörder. Nachdem er mir in einem langen Brief die ganze Tragödie geschildert hatte, wählte er den Freitod.
Jetzt versteht sicherlich der Letzte, warum ich, wie erwähnt, lieber nackt als ohne Uhr ausgehe. Oder???

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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