Piepmatz

In der folgenden wahren Geschichte tummeln sich gleich drei Tiere. Mit einer Ahnentafel, wie sie unterschiedlicher nicht hätte sein können. Obwohl Hund, Katze und Vogel nie gemeinsam eine Urlaubsreise antreten würden, gelang es mir, die drei Wesen in eine Richtung zu dirigieren. Die am Ende zu einem positiven Ergebnis führte.
„Bald sind wir zu Hause“, unterrichtete ich Gina, mein vierbeiniges Hundemädchen, vom Stand der Dinge.
Erhielt ich bisher für jede Information ein dankbares Schwanzwedeln, blieb der Dank nun aus. Will heißen, der Schwanz stand still in der Luft.
Aha, dann war etwas im Anzug. Ginas Blick folgend, war dem ‚undankbaren’ Schwanz sofort verziehen. Dreißig Meter voraus lauerte unter einem Busch eine Katze auf Beute. Und diese Beute – ein kleiner, unschuldiger Piepmatz aus der Finkenfamilie – hopste anscheinend auf direktem Weg in sein Verderben. Pickend nach irgendeinem Kleinkram hatte der kleine Kerl nur Augen für Essbares. Vielleicht hatten Mama und Papa Fink versäumt, ihren Zögling vor Katzen zu warnen.
Wie auch immer. Auf jeden Fall hatten Katze und Vogel unsere volle Aufmerksamkeit. Die sich allerdings auf verschiedene Objekte verteilte.
Gina hielt knurrend ihren ewigen Feind, die Katze, im Blick. Ich hingegen war mehr daran interessiert, den hopsenden Kerl der Vogelwelt zu erhalten. Nun geschah so vieles gleichzeitig – im Abstand von Nanosekunden – dass es mir auch im Nachhinein schwerfiel, den genauen Ablauf zu rekonstruieren.
Mein für den Vogel gedachter Warnruf verließ meine Lippen in dem Augenblick, in dem der Minitiger lossprang. Der Sprung wiederum war für Gina das Zeichen, aktiv zu werden.
Nun war ja von behördlicher Seite bei Strafe untersagt, Gina je wieder ohne Leine über deutsche Straßen oder Wege laufen zu lassen. Als ich jedoch den kleinen Kerl zwischen den Zähnen der Katze erbärmlich piepsen hörte, war mir, im wahrsten Sinne des Wortes, alles scheißegal.
Nie zuvor löste ich schneller die Leine vom Halsband. Nie zuvor raste Gina schneller los, nachdem ich sie aufforderte „schnapp dir das Katzenvieh“.
In Vorfreude auf das leckere Mahl war die Katze zu sehr mit dem Vogel beschäftigt. So bemerkte sie Gina erst, als es fast zu spät war, um ungeschoren davonzukommen.
Der naturbedingte Trieb, zuerst das eigene Fell in Sicherheit zu bringen, rettete dem Fink das Leben. Das ungeliebte Knurren hören und die Beute auf den Boden plumpsen lassen, war der Beginn einer wilden Jagd durch nachbarliche Gärten.
War mein Beitrag zur Rettung des gefiederten Winzlings bis hierher spärlich gewesen, änderte sich das. Obwohl mir der Gedanke, Gina auf Katzenjagd zu wissen, nicht geheuer war, galt meine erste Sorge dem Vogel.
Der Gefiederte hockte wie gelähmt am Boden. Hatte scheinbar mit der Welt abgeschlossen.
„Na, mein Kleiner, das war knapp. Jetzt wollen wir beide zuerst einmal sehen, ob die böse Katze dich verletzt hat“, nahm ich den Vogel in die Hand und spielte Onkel Doktor.
Es mag verrückt klingen, war aber tatsächlich so. Ich war wieder einmal den Tränen näher als dem Lachen. Da hockte ein Vogel auf meiner Hand, der ein Kampfgewicht einer wohlgenährten Hummel auf die Waage brachte. Der nun aber darauf vertraute, dass nichts Böses geschah. Der mich mit Stecknadel kleinen Augen ansah. In denen pure Angst stand. Dem ich jetzt erst mal diese Angst nehmen musste.
Mangels anderer Ideen griff ich zu meinem oft bewährten, persönlichen Rezept. Reden. Ohne Ende reden. Ruhig reden. Besänftigend reden. Egal ob mit oder Sinn. Wichtig war reden. Langsam, für mein Empfinden viel zu langsam, wich die Angst aus den Äugelchen. Machte Platz für ich-weiß-nicht-was.
Dass während meines Gelabers Gina – ohne Katze in der Schnauze – wieder aufgetaucht war, nahm ich so nebenbei wahr. Klar, was dann folgte, damit hätte ich rechnen müssen. Das eifersüchtige Weib fühlte sich wohl vernachlässigt. Wollte nicht lange unbeachtet abseitsstehen. Wollte oder konnte nicht akzeptieren, dass ich zu etwas Unbekanntem in meiner Hand sprach. Während sie mit großen Augen auf ein Lob und das fällige Leckerli wartete.
Gewohnt die unangefochtene Nummer eins auf Herrchens Gefühlsskala zu sein, nicht gewillt den Platz zu räumen, stellte sie sich an mir hoch. Musste unbedingt sehen, was von unten für sie unsichtbar war.
Unsicher, wie das eifersüchtige Luder reagieren würde, war vorab eine Predigt fällig. Verbunden mit einer Warnung.
„Der kleine Kerl hier lebt nur noch, weil du die Katze verjagt hast. Und meine Gina kann ruhig bleiben, du bist und bleibst für mich die Allerbeste. Herrchen wartet nur, bis das Vögelchen wieder fliegen kann. Bis es soweit ist, passe ich gut auf, dass keine andere Katze ihr Glück versucht. Und auch du lässt den kleinen Fink in
Ruhe. Wehe wenn nicht. Dann rappelt es im Karton“.
Die Reaktion der klugen Maus war zwar süß. Hätte aber beinahe zerstört, was ich mit meinem Gelaber aufgebaut hatte – Vertrauen. Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, erschien eine lange, feuchte Hundezunge. Die dem Fink zeigen sollte, dass der Besitzer der Zunge ebenso lieb war, wie das besorgte Herrchen. Und genau diese Zunge – größer und schwerer als der Fink – war es, die meinen gefiederten Schützling fast aus meiner Hand geworfen hätte.
Das, was liebevolles Abschlecken sein sollte, kam somit einem Rauswurf sehr nahe. Gina lautstark rüffeln ging nun nicht. Hätte den Fink emotional um Jahre zurückgeworfen. So kam auch Gina in den seltenen Genuss, leise und liebevoll getadelt zu werden.

„Du musst vorsichtiger sein. Du darfst den kleinen Burschen nur ganz zart berühren“.
Klar, damit konnte die Kleine nichts anfangen. Liebevolles Reden war doch bisher stets die Einleitung für Streicheleinheiten. Um vorab ihre Dankbarkeit zu zeigen, fand die Zunge schnell ein neues Ziel – meinen Arm.
„So Gina, jetzt geht´s gemeinsam mit dem Vogel heimwärts. Dann wird Herrchen den Vogel auf einen Busch setzen, der an der Terrasse steht. Und ich setze mich daneben und passe auf, bis das Kerlchen wieder fliegen kann“, unterrichtete ich sie von meinem Plan.
Im Begriff alles in die Tat umzusetzen, kam vorher – wie konnte es auch anders sein –
Ärger auf mich zu. Ärger in Gestalt – noch mal, wie konnte es auch anders sein – eines Menschen. Genauer, eines männlichen Exemplars. Noch genauer, eines sehr wütenden, männlichen Exemplars.
„Gehört das da zu Ihnen?“ wies der Ärger polternd auf Gina.
„Das da ist eine Hündin“, wies ich in der gleichen Tonlage auf seine verächtliche Titulierung hin. „Und ja, die Hündin gehört zu mir“.
Nach Klärung der Besitzverhältnisse herrschte einen Augenblick Ruhe. Der Gestalt gewordene Ärger überlegte wahrscheinlich, wie es nun weitergehen sollte.

Gina saß neben mir. Wartete, ob ihr Eingreifen gefragt sei. Und ich, ich wusste sowieso, was bald losging. Beschuldigungen, Beschimpfungen oder ähnlicher Mist in dieser Richtung.
Ach ja, da war ja noch der Fink. Indirekt der Schuldige für das, was in den letzten Minuten abgelaufen war. Hätte er sein Futter nicht vor der Nase der Katze gesucht, wäre die eigenartige Situation erst gar nicht entstanden.
Als mir aufging, welch seltene Konstellation der Zufall zusammengeführt hatte, konnte ich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Unsere gemischte Gruppe hätte bei einem neutralen Beobachter so manche Frage aufgeworfen.
Da standen zwei Männer. Der eine unverkennbar wütend. Der andere zeigte nur Interesse für einen Vogel. Und dass sich dieser Vogel auf der Hand und nicht in der Luft befand, war nun auch nicht alltäglich. Nicht zu vergessen den Hund, der auf seinen Einsatz wartete.
Da der Ärger mein Grinsen nicht einordnen konnte, nahm er dies zum Anlass, das Gefecht zu eröffnen. Wurde auch langsam Zeit. Auf Gina wartete ihr Fressen. Auf mich der Pool. Und auf den Fink der Busch. Der hoffentlich zur Startbahn in die Lüfte werden würde.
„Weshalb grinsen Sie so unverschämt“, ging der Ärger sofort in die Vollen.
„Ich grinse, weil ich ein freundlicher Mensch bin. Ich nehme aber an, dass Sie mit mir nicht darüber diskutieren wollen, wie und weshalb ich grinse“.
„Natürlich nicht“.
„Dann kommen Sie langsam auf den Punkt. Wir wollen nämlich endlich heim“, wies ich auf Gina und Fink. „Aber bitte in vernünftigem Ton. Sonst kann ich nicht dafür garantieren, dass mein Hund friedlich bleibt“, schob ich lächelnd nach.
„Ach ja, der Hund“ erinnerte sich der Ärger an den Grund, warum er jetzt vor mir stand.
„Wieso ist der Hund nicht angeleint? Und warum, frage ich Sie, erlauben Sie dem Hund meine Katze zu jagen?“
Bis zu diesem Punkt war ich darauf bedacht, die Sache schnell und ruhig zu beenden. Sowohl mit schnell als auch mit ruhig war es nun vorbei. Das Wort Leine durfte nicht fallen.
Mein Hund war nicht angeleint, weil ich die Leine in der Absicht gelöst habe, dass er Ihre Scheißkatze verjagt. Und das aus gutem Grund. Geben Sie dem dämlichen Vieh genug zu fressen, dann lässt es auch Vögel in Ruhe“, ereiferte ich mich.
Leider zu laut für Ginas Ohren.
Die sich anscheinend aufmachte, einzugreifen. Knurren und aufgerichteter Kamm waren bekannte Zeichen für mich. Nicht aber für den Ärger.
„Warum knurrt der Hund? Ich hab doch gar nichts gesagt“.
„Mein Hund spürt die unangenehmen Wellen, die Sie ausstrahlen“.
„Wie? Was? Wellen?“
Jetzt noch mein profundes Wissen hinsichtlich Hunde preisgeben, ging mir nun doch zu weit. Grund, das Gespräch wieder ‚höflich’ auf Katze und Hund zu lenken.
„Vergessen Sie es. Wer eine Katze hat, kapiert sowieso nicht, was in einem Hund vorgeht“.
„Dann erklären Sie mir doch bitte, warum Sie Ihrem Hund erlaubt haben, meine Katze zu jagen?“ war der Ärger wieder an der Reihe.
„Das liegt doch auf der Hand. Mein Hund wollte einfach nicht tatenlos hinnehmen, dass Ihre mordwillige Katze ein unschuldiges Vögelchen verschlingt“.
„Das soll alles sein? Wegen einem Vogel? Das ist ja …“.
„Nicht wegen einem Vogel“ konnte ich nicht umhin, zu unterbrechen, „wegen eines Vogels muss es heißen. Es handelt sich an dieser Stelle um einen Genitiv“, schlüpfte ich provozierend in die Rolle eines Deutschlehrers.
„Genitiv? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ wurde der Ärger laut.
Zu laut für Ginas empfindliche Ohren. Entblößte Zähne sollten wohl sagen, dass man mit Herrchen in vernünftigem Ton zu reden hat.
„Brave Gina“ tätschelte ich meinen Bodyguard, „aber noch ist es nicht soweit“, wollte ich dem Ärger andeuten, was ihn im Bedarfsfall erwartete.
„Vergessen Sie den Genitiv“, fuhr ich fort, „kommen wir wieder auf Hund, Katze und Vogel zurück. Ich habe Sie vorhin unterbrochen. Was wollten Sie denn noch Kluges sagen? Mit welcher Weisheit wollten Sie mich erfreuen?“
Dass der Ärger die Ironie nicht erkannte, zeigte mir nur, er war nicht der Hellste. Oder Gina hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
„Richtig, ich wollte Sie darauf hinweisen, es ist ganz natürlich, dass Katzen Vögel jagen und fressen“.
„Und für mich ist es ganz natürlich, dass Hunde Katze jagen. Leider aber“ musste ich einfach ergänzen, „nicht fressen“.
Nach einer kurzen Schweigepause entschloss ich mich, den Disput aus drei Gründen zu beenden.
Grund Nummer eins war Gina. Die zusehends unruhiger wurde. Ob es nun das Futter war, das nach jedem Spaziergang auf sie wartete, oder ob sie einfach nur in heimische Gefilde wollte, sei dahingestellt. Und dass eine unruhige Gina nicht ohne war, hatte sie bereits in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Mit eventuellen Folgen ihres Eingreifens wollte ich mich in diesem Augenblick nicht näher befassen.
Grund Nummer zwei war der Piepmatz. Der erste Anzeichen zeigte, dass er noch nicht bereit war, den Flug in den Finkenhimmel anzutreten. Unsicher, wo das gefräßige Katzenvieh sich befand, sollte sein Start ins zweite Leben unter meinen wachsamen Augen erfolgen. Auf meinem Terrain, von meinem Busch, begleitet von meinem Beifall.
Grund Nummer drei ging zu meinen Lasten. Der Ärger langweilte mich. Er erwies sich nicht als adäquater Widerpart in einem Wortgefecht, wie es mir vorschwebte. In dem Ironie und spitzfindige Hinweise nicht verpufften. In dem auch grammatikalische Korrekturen nicht für die Katz waren.
„Ich gebe Ihnen einen guten Rat“, setzte ich zum großen Finale an, „machen Sie Ihrer Katze klar, dass sie in Zukunft nicht mehr feige vor einem Hund davonläuft und sich zum Kampf stellt. Oder Sie schaffen sich eine andere Katze an, die von vornherein mutiger ist. Dann erübrigen sich auch wilde Verfolgungsjagden. Und das war´s dann auch. Sie langweilen mich!!!“ Der letzte Hinweis hatte den gewünschten Erfolg.
Der Ärger blieb verblüfft, sprachlos, wütend und was-weiß-ich-sonst-noch-alles einsam zurück. Bevor er einer Gefühlsregung mit Worten Ausdruck verleihen konnte, befanden sich Hund, Herrchen und Fink auf dem Marsch ins traute Heim. Nun musste nutzlos vertane Zeit aufgeholt werden. Ruck, zuck Ginas Fressen mit einer Hand in den Napf geschleudert. Warum mit einer Hand? Die zweite belegte der Fink.
Zeitung unter den Arm klemmen. Raus auf die Terrasse. Busch ansteuern. Geeigneten Zweig wählen. Vögelchen gaaaanz vorsichtig auf den Zweig setzen. Vögelchen ermahnen – „in Zukunft großen Bogen um Katzen machen“. Stuhl in die Nähe des Busches wuchten.
Und warten, warten, warten. Fünfzehn Minuten. Zwanzig Minuten. Eine halbe Stunde. Fast schon bereit, das Handtuch zu werfen. Dann endlich wurde ich für all das belohnt, was ich in den letzten vierzig Minuten ertragen hatte. Ja, es stimmt. Nach genau vierzig Minuten erhob sich der Fink putzmunter in die Luft. Putzte die Platte in einer Geschwindigkeit, als ob es nie eine Katze gegeben hätte, die ihn um ein Haar verspeist hätte.
Alles ging so schnell vonstatten, dass ich den geplanten Beifall abschreiben konnte. Am Ende blieb mir nur die vage Hoffnung, dass der Fink seinen Eltern, Verwandten und engen Freunden meine gute Tat publik machen würde.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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