Schachmatt

Hundemüde. Laune im Minusbereich. Lust auf nichts. Erst recht nicht auf die acht Stunden, die ich jetzt wieder hinterm Schreibtisch hocken musste. Und das in einem Büro, in dem ausschließlich Männer ihren Lebensunterhalt verdienten.
Von denen jeder einzelne dem Verfallsdatum näher war als ich meinem Geburtsjahr. Die sich wahrscheinlich nur noch schwach an das erinnern konnten, was bei mir seit gestern Abend zur Weltuntergangsstimmung geführt hatte.
Dabei fing gestern alles recht vielversprechend an. Anita, seit drei Monaten meine Herzdame, lag nackt an meiner Seite. Meine Hormone tanzten Polka in Erwartung
auf das, was unmittelbar bevorstand. Mein Gehirn war bereits blutleer. Der rote Lebenssaft hatte sich vorsorglich auf die Reise in die untere Region begeben.
Kurz gesagt, ich war von A bis Z bereit, das zu tun, was so herrlich ist, so unvergleichlich so … mit Worten nur schwer oder nicht zu beschreiben ist.
Dann zerstörten vier Wörter den Zauber des Augenblicks. Vier Wörter, denen ich keinen Glauben schenken wollte. Die ich absichtlich überhörte. Zu absurd war der Sinn dieser vier Worte.
„Nein, ich will nicht“.
Na ja, dass sich jetzt im Nu ein handfester Streit entwickelte, war wohl meiner Ungeduld zuzuschreiben. Den Fuß sozusagen schon auf dem Gaspedal ignorierte ich die vier Worte. Leistete stattdessen den Anfeuerungsrufen meiner Hormone Folge. Und schon ertönte der nächste Nackenschlag.
„Bist du taub? Ich will nicht“.
Vom Vergewaltiger so weit entfernt wie den Mount Everest zu besteigen nahm ich
den Fuß vom Gaspedal. Wartete, bis das Blut wieder dort war, wo es die Natur vorgesehen hat. Und ließ mich auf eine kurze, nutzlose Diskussion ein.
„Was ist denn mit dir auf einmal los? Erst machst du mich scharf, dann …“.
„Ich will nicht lange drum herumreden“, ließ sie mich nicht ausreden, „und sag dir jetzt unverblümt die Wahrheit. Ich habe zwar lange gezögert, aber jetzt steht mein Entschluss fest. Ich verlasse dich. Es ist aus mit uns. Und bevor du lange rätselst warum und weshalb, sag ich dir lieber direkt den Grund. Ich habe einen älteren Mann kennengelernt, der mir mehr bieten kann als du. Nicht im Bett, falls du das vermutest. Nein, mein Neuer ist sehr gut betucht“.
„Und das fällt dir ausgerechnet in dem Moment ein, in dem es zur Sache geht? Das hättest du mir sagen sollen, bevor wir ins Bett gestiegen sind. Was mach ich jetzt damit?“ wies ich auf meinen kleinen Mann.
„Wenn du erwartest, dass ich dir helfen soll, bist du schiefgewickelt. Mach es so wie in deiner Jugend. Mach es dir selbst“, erteilte sie mir ironisch lächelnd eine Abfuhr.
Verletzter Mannesstolz veranlasste mich, Anita ohne weitere Worte den Weg nach draußen zu zeigen. Dass ich danach ihrem Rat hinsichtlich Selbstbedienung Folge leistete, blieb mein Geheimnis.

Das war gestern. Nun stand ich vor dem Problem, den Tag zu überstehen. Ohne Schaden an meinem Selbstbewusstsein zu erleiden. Schließlich wird man nicht jeden Tag kurz vor dem Ziel gestoppt. Missmutig starrte ich vor mich hin. Spielte mit dem Gedanken, mich krankzumelden.
Dunkle Regenwolken vor dem Fenster waren ein Abbild meiner Gefühlswelt. Urplötzlich ging die Sonne auf. Nicht am Firmament. Im Büro.
Ein weibliches Geschöpf trat zögernd in den Raum. Ein ansehnliches Geschöpf. Ein fleischgewordener Traum aller Männer, die noch können und wollen.
Vergessen war Anita. Von jetzt auf sofort galt meine Aufmerksamkeit einzig und allein der unbekannten Schönheit. Keine Schönheit im herkömmlichen Sinne.
Es war mehr die perfekte Harmonie von dem, was einzeln betrachtet, nicht den idealen Vorstellungen entsprach. Was aber im gesamten Erscheinungsbild Faszination ausstrahlte.
Üppige Lippen lenkten von der ein wenig zu großen Nase ab. Schöne, strahlende Augen machten den zu großen Abstand zwischen den Augen wett. Eine kecke Kurzhaarfrisur betonte die Wangenknochen. Perfektioniert wurde das Ganze durch einen Body, der keine Wünsche offen ließ. Rundungen nicht nur da, wo sie sein sollten. Nein, auch genau in den Maßen, von denen Mamas Lieblingssohn in stillen Nächten träumte.
Bevor ich einen Anmachspruch hervorkramen konnte, verschwand die Unbekannte im Büro des Chefs. Zeit, meine Hormone zu beruhigen und das Blut wieder von unten nach oben zu befördern.
„Wow, Männer, habt ihr das Klasseweib gesehen?“ wandte ich mich an die Kollegen. Die unverständlicherweise nicht annähernd meine Begeisterung teilten.
„Sprichst du von der, die gerade beim Chef ist? Stimmt, die Frau sieht nicht übel aus“.
Was war denn hier los? Ich war hin und weg. Und die Kollegen begnügten sich mit sieht nicht übel aus.
Bevor ich sie aufklären konnte, was für einen richtigen Mann ein Klasseweib ausmacht, trat der Chef mit der Unbekannten an der Seite aus seinem Büro.
„Bitte einmal herhören, meine Herren. Die junge Dame hier“, wies er auf die Schönheit, „ist Fräulein Beatrix. Sie studiert in Köln und hat im Moment Semesterferien. In dieser Zeit wird sie sich bei uns als Aushilfe nützlich machen. Sie wissen ja selbst, dass wir in der letzten Zeit Mühe hatten, alle Termine einzuhalten“.
An dieser Stelle schweifte sein Blick über seine Untertanen. Und traf eine Entscheidung, für die ich ihn hätte knutschen können.
„Ich denke, am besten gehen Sie in den nächsten Tagen diesem Herrn zur Hand, Fräulein Beatrix“, schickte er sie in meine Richtung.
Plötzlich hörte ich Glockengeläut, wo keine Glocken waren. Hörte Vögel tirilieren, wo keine Vögel waren. Fühlte mich um Jahre in die Zeit zurückversetzt, in der ich hilflos stammelte, wenn ich den tollpatschigen Versuch startete, ein Mädel anzusprechen.
Um Missverständnissen vorzubeugen, sei an dieser Stelle gesagt, dass ich mich nicht verliebt hatte. Es war schlicht der drängende Wunsch, diesen Traum von Frau zu entblättern. Ihren entblößten Körper zu verwöhnen. Gemeinsam mit ihr Dinge zu tun, die unsere Emotionen in unbekannte Galaxien entführen würden.
Fünf, vielleicht zehn Minuten benötigte ich, bis ich mich unter Kontrolle hatte. Dieses Prachtexemplar mit gierigen Blicken verschlingen, ging überhaupt nicht. Hätte mich wahrscheinlich damit nur in die lange Reihe anderer Gaffer eingereiht. Da hatte ich schon mehr zu bieten.
Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass jeder Mensch gerne über sich spricht. Egal, ob Männlein oder Weiblein. Warum also sollte es bei Beatrix anders sein?
Vorsichtig lenkte ich das Gespräch auf ihre Hobbys, Vorlieben und anderen persönlichen Kram. Den im Grunde kein Mensch interessiert. Aber von dem Betroffenen mit Freude und Eifer berichtet wird.
So wurde ich auch bald davon in Kenntnis gesetzt, dass Beatrix eine versierte Schachspielerin sei. Die es auf Kreis- und/oder Bezirksebene zu Meisterehren gebracht hatte.
Angestachelt durch bewundernde Blicke und wohldosierte Einwürfe meinerseits –
„unglaublich“ … „wunderbar“ … „ach“ …„ich beneide Sie“ – war sie kaum zu bremsen.
An dieser Stelle ist ein ehrliches Geständnis fällig. Das Wort Schach im Zusammenhang mit Sport zu verwenden, verursacht mir Magenschmerzen. Sport ist für mich all das, was Schach nicht ist.
Action, Schweiß, körperliche Anstrengung,
Zweikämpfe, tosender Beifall, laute Rufe. Sorry, verehrte Schachspieler. Das ist eine persönliche Meinung, auf die jeder Mensch ein Recht hat.
Selbst im Lexikon ist nachzulesen, was unter Sport zu verstehen ist.
„Sport ist die Sammelbezeichnung für alle als Spiel-, Bewegungs- oder Wettkampfformen geprägten körperlichen Aktivitäten des Menschen“.
Dass ich Beatrix ungebremst über Schach philosophieren ließ, hatte seinen Grund. Ich wartete ungeduldig auf die Gelegenheit, sie zu einem Match herauszufordern. Oder selbst herausgefordert zu werden.
Klar, ich war kein würdiger Gegner. Dank meines alten Herrn, der vor einer Ewigkeit darauf bestanden hatte, dass ich mich mit Regeln des Schachspiels vertraut machte, wusste ich immerhin, welche Figur wie bewegt werden durfte.
Zusätzlich war mir der eine oder andere Name eines Schachweltmeisters geläufig. So könnte ich bestimmt Eindruck schinden, wenn ich lässig die Fischer-Eröffnung erwähnen würde. Wobei ich nicht die geringste Vorstellung hatte, was sich hinter der Eröffnung des amerikanischen Weltmeisters verbarg.
Meine fachmännischen Kommentare und zehn Minuten ungeduldiges Lauschen wurden belohnt. Endlich.
„Falls Sie einmal Lust und Zeit haben, würden Sie mir eine Freude machen, mit mir eine Partie zu spielen“, richteten sich zwei große Augen auf mich.
Klar hatte ich Lust. Nur nicht auf Schach. Und Zeit? Für das, was mir vorschwebte, endlos viel Zeit.
„Ich fühle mich geehrt. Leider muss ich gestehen, dass es sehr lange her ist, seit ich zum letzten Mal am Schachbrett saß. Aber wie man so sagt, was man einmal kann, verlernt man nie“.
Am nächsten Abend öffnete mir Beatrix die Tür zu ihrem Appartement. Bei ihrem Anblick schaltete meine Pumpe in den vierten Gang. Meine Hormone ermahnten mich, as soon as possible aktiv zu werden. In meinen Ohren rauschte Blut. In meinem Kopf tummelte sich ein Bienenschwarm.
Bei all dem gelang es mir, ruhig und gelassen zu bleiben. Wollte nicht als notgeil
abgestempelt werden.
„Schön, dass du da bist“, ersetzte das Ziel meiner Wünsche das förmliche Sie wie selbstverständlich mit dem vertraulichen Du. Gut so.
Bald schon hielten wir abgegriffene Schachfiguren in den Händen. Sie die schwarzen, ich die weißen.
Das ungleiche Match hatte noch nicht richtig begonnen, da war es auch schon
vorbei.
„Matt“, wurde mir süffisant lächelnd präsentiert. Und als ob das nicht bereits genug wäre, ergänzt mit „nach acht Zügen“. Peinlich. Blamabel. Etwas mehr Gegenwehr hatte ich mir schon erhofft.
„Revanche. Ich muss mich besser konzentrieren“, versuchte ich, den Schein zu wahren.
Hätte ich es nur gelassen.
„Matt nach sieben Zügen“, war nun wahrhaftig keine Revanche, wie sie mir vorgeschwebt hatte.
Die Suche nach einer fadenscheinigen Erklärung erübrigte sich dank Beatrix.
„Nun mal raus mit der Wahrheit“, setzte sie sich auf meinen Schoß und umarmte mich. „Du bist doch hier nicht zum Schach spielen angetanzt“.
„Na ja, ganz so ist es nicht. Spielen wollte ich schon. Allerdings kein Schach“.
„Sondern?“
Das Aufblitzen in ihren Augen sagte mir alles. Das süße Luder zog ein Spielchen ab. Wollte mich in Verlegenheit bringen. Warum eigentlich nicht? Ein verbales Vorspiel hat auch einen gewissen Reiz.
„Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirfst du mich raus. Deshalb werden meine Lippen verschlossen bleiben“, legte ich den Zeigefinger quer über meinen Mund.
„Du bist also nicht gewillt, deine Lippen zu öffnen. Egal, was da kommt?“
„Richtig, so ist es. Ich kann unglaublich eisern sein, wenn ich erst einmal etwas gesagt habe“.
„Na, dann will ich doch mal testen, wie eisern du sein kannst“.
Mit diesen Worten öffneten sich zwei verführerische Lippen so weit, dass eine rosarote Zungenspitze lockend erschien. Überflüssig zu erwähnen, dass der Sitzplatz auf meinem Schoß inzwischen von Beatrix und meinen Jungs geteilt wurde.
Als sich nun das Verführungspaket in Form von Lippen und Zungenspitze meinem Mund gefährlich näherte, hatte ich verloren.
Was zu viel ist, ist einfach zu viel. Vorbei war es mit eisern bleiben. Vorbei war es mit beherrschen.
Das Gegenteil war der Fall.
Von Emotionen übermannt drückte ich sie an meine Heldenbrust. Stammelte wirres Zeug. Liebkoste jeden Hautfleck, der nicht von Kleidung bedeckt war. Zum Schluss versanken wir in einen Kuss, der seinesgleichen sucht. Wie ein Durstender in der Wüste saugten wir an den Lippen. Unsere Zungenspitzen fochten einen erregenden Kampf.
Vier Hände gingen auf liebkosende Wanderschaft. Zwei weibliche auf meinem, zwei männliche auf ihrem Body. Wobei aus meiner Sicht die männlichen Hände den lustvolleren Wanderweg hatten.
Fünf Minuten später spielten wir Adam und Eva. Ungeniert bewunderten und genossen wir unsere nackten Körper. Wobei ich wiederum im Vorteil war.
Ihr Körper war nicht nur toll. Er war atemberaubend. Würdig eines Bildhauers, der seinen Job mit Liebe verrichtet.
„Komm“, fasste sie meine Hand und zog mich mit, „wir machen auf der Couch weiter“.
Hätte ich geahnt, was wenig später folgen würde, ich hätte jeden anderen Ort bevorzugt. Jedenfalls jeden, der nicht in Reichweite der Obstschüssel war.
Kaum waren wir vereint, schlüpfte aus ihrem Mund eine Frage, die mich den Glauben an alles Gute in der Welt verlieren ließ. Eine Frage, die so unglaublich war, dass ich zögere, sie an dieser Stelle schriftlich zu wiederholen.
„Hast du etwas dagegen, wenn ich dabei einen Apfel esse?“
Wie? Was? Jetzt? Einen knirschenden, saftigen Apfel?
„Einen Apfel?“ vergewisserte ich mich.
„Ja, diesen hier“, griff sie schwups in die Obstschüssel. Und schon war der erste Biss vollbracht.
Meine Reaktion?
In kürzester Zeit durchlief meine Gefühlsskala ein Spektrum nie erlebten Ausmaßes. Angefangen bei verblüfft, über ungläubig bis hin zu verletztem Stolz.
Letzterer wirkte sich so aus, dass ich entgegen meinem sonstigen Bestreben nur
an meine eigene Befriedigung dachte.
‚Warum soll ich mich auf ihr abstrampeln, um sie zu befriedigen, wenn ihr ein Apfel mehr bietet, als ich es scheinbar kann?‘ stellte ich mir eine stumme Frage. Die sicherlich nicht charmant aber menschlich nachvollziehbar war.
Oder????
So viel noch zum Schluss. Von Beatrix angebotene weitere Schachpartien lehnte
ich ab. Höflich, aber bestimmt.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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