Sekretärin

Irma. Sekretärin meines Chefs. Jung, zierlich, unverdorben. Und, wie ich noch bedauernd Gelegenheit bekam festzustellen, Jungfrau. Leider. Schon wieder!
Auf ihrem Schreibtisch befand sich das einzige Stadttelefon der Abteilung. Das hieß, alle auswärtigen Telefonate liefen über ihren Apparat. So ließ sich nicht vermeiden, dass sie die Telefonate mit meinen wechselnden Freundinnen verfolgen konnte. Notgedrungen war sie damit bestens über den Stand meiner jeweiligen Partnerin informiert.
„Schon wieder ein neuer Name“ giftete sie, mir den Hörer übergebend. Sprach ich mit einer neuen Flamme und gebrauchte deren Namen „Zuletzt sprachen sie mit einer anderen. Etwa wieder eine Neue?“ warf sie mir vor.
Mit der Zeit wurde ich wütend. Als sie wieder einmal Vorhaltungen machte, wies ich sie barsch zurück.
„Konzentrieren Sie sich auf Ihre Arbeit. Das ist vernünftiger, als meine Gespräche zu belauschen“.
Sie schwieg verlegen und errötete bis in die Haarspitzen. Zurück an meinem Arbeitsplatz grübelte ich, warum Irma nicht umhin konnte, ständig meine privaten Telefonate zu kommentieren.
Ein Verdacht drängte sich auf. War sie eifersüchtig? Eigentlich nicht vorstellbar. Zu verschieden waren wir. Sie solide und anständig. Und ich? Na ja. Anders eben. Trotzdem wollte ich es genauer wissen. Ein guter Plan sollte mir dazu verhelfen.
Ich ließ mich von der Freundin eines Freundes anrufen. Irma sollte wieder eine neue Stimme hören. Und einen neuen Namen.
„Telefon für sie. Schon wieder eine Neue“, trat sie mit eisiger Miene an meinen Schreibtisch.
Sie konnte es einfach nicht lassen. Ich folgte zu ihrem Schreibtisch, nahm den Hörer und meldete mich.
„Ach du bist es, mein Schatz. Nett, dass du mich anrufst“.
Ab sofort sprach ich in eine tote Muschel. Verabredungsgemäß genügte für meinen Plan, dass die Anruferin sich nur melden sollte.
„Du rufst nur an, um mir zu sagen, dass du am Samstag keine Zeit hast?“
Pause.
„Was heißt, nicht nur am Samstag?“ Pause.
„Bedeutet das, du hast einen neuen Lover?“
Pause.
Gespannt lauschte ich der imaginären Stimme.
„Das ist ein Grund, unsere Beziehung zu beenden?“
Pause.
„Was soll ich gemacht haben? Mit der? Alles Quatsch“.
Pause. Ich zauberte einen wütenden Ausdruck auf mein Gesicht.
„Und ich Idiot habe für Samstag Karten besorgt. Du wolltest doch unbedingt ins Theater am Dom. Es sollte eine Überraschung für dich sein“.
Pause.

„Nein. Jetzt nicht mehr. Das war‟s für mich. Lieber schmeiß ich die Karten weg. Leb wohl“.
Wütend pfefferte ich den Hörer auf die Gabel.
„Weiber! Alle dämlich“, murmelte ich vor mich hin.

Jetzt startete der zweite Teil meines Planes.
Aus früheren Gesprächen wusste ich, dass Irma gerne eine Vorstellung im Theater am Dom besuchte. Optimistisch, dass mein Plan hinhaute, hatte ich telefonisch zwei Karten reservieren lassen. Unschlüssig stand ich neben ihrem Schreibtisch.
„Haben Sie endlich einmal den Laufpass bekommen? Muss ja ein kluges Mädchen sein“.
Wäre es wirklich so gewesen, hätte sie damit noch Salz in die Wunde gestreut.
„Ja, das dämliche Weib hat Schluss gemacht. Das ist mir aber egal. Ärgerlich ist nur, ich habe für Samstag zwei Karten fürs Theater. Für das neue Stück. Soll übrigens toll sein. Was mache ich denn jetzt. Alleine gehe ich nicht ins Theater. Lieber schmeiß ich die Karten weg. Ich wüsste nicht, wen ich mitnehmen könnte“.
Bei den Worten ‚neues Stück‟ und ‚Theater‟ leuchteten ihre Augen auf.
„Hm, hm. Und jetzt?“ stand ich immer noch unschlüssig neben ihrem Schreibtisch. Wartete auf ihr Angebot, mich begleiten zu wollen. Leider kam nichts. Entweder traute sie sich nicht. Oder ihre Abneigung mir gegenüber war echt. Keine Schau. Ein letzter Versuch.
„Schmeiß ich die Karten eben in den Müll“, murmelte ich vernehmlich. Drehte mich um und ging zwei Schritte in Richtung meines Schreibtisches. Blieb stehen, drehte mich um zu ihr.
„Was ist denn mit Ihnen? Gehen Sie nicht auch ins Theater? Würden Sie mit mir gehen?“
„Mit Ihnen????“ antwortete sie überrascht und abweisend.
„Klar, mit mir. Ich weiß, sie sind kein Fan von mir. Ich verspreche Ihnen aber, ich bin brav. Und nett. Es würde ein schöner Abend für Sie werden. Vielleicht ändern Sie sogar Ihre Meinung über mich!“
Wie nicht anders erwartet, mein Plan ging auf. Gemeinsam gingen wir ins Theater. Anschließend in eine ruhige Bar. Hier spulte ich mein Programm ab. Höflich, nett, aufmerksam, vereinzelt ein kleines Kompliment. Witzig, bei Bedarf ernst.
Meine Bemühungen wurden belohnt. Aus der anfänglich reservierten Irma wurde zusehends eine lockere Irma. Die sich sogar zu einem Kompliment hinreißen ließ.
„Sie können wirklich nett sein. So kenne ich Sie gar nicht. Warum sind Sie nur meist so eklig?“
„Der Stress im Büro ist daran schuld. Wie ich jetzt bin, so bin ich im normalen Leben“, log ich unverschämt.
Es war an der Zeit, die nächsten Schritte einzuläuten. Ich nahm ihre Hände und hielt sie fest. Kein Protest.
„Wäre es nicht netter, in Zukunft das förmliche Sie wegzulassen? Du hast ja sicherlich irgendwann gehört, mein Name ist Hubert“, grinste ich vielsagend.
„In der Tat, den Namen habe ich gehört. Am Telefon. Nicht irgendwann, häufig. Meist von den Stimmen verschiedener Frauen ausgesprochen“, klang es vorwurfsvoll.
„Das könnte sich ändern. Auch mir wäre lieber, nur eine Frau wäre für mich wichtig. Leider warte ich noch auf die Richtige“.
Mein Gott, so einen Mist konnte man einem 22jährigen doch nicht abnehmen.
Irma tat es. Sie war wirklich naiv. Fast schämte ich mich bei den Gedanken an das, was mir vorschwebte.
Wozu es nach einigen Wochen auch kam. In meinem Zimmer. In meinem Bett. Irma war – wie konnte es anders sein – Jungfrau. Hörte das denn nie auf? Konnte nicht endlich einmal ein erfahrenes Mädchen mit mir die Bettlaken zerwühlen? Bei Irma verlief es, wie erfolgreich bestanden. Vorsicht, Ohrbiss, Eindringen. Vollbracht. Sie war zur Frau geworden.
Sie war hin und weg. Ihren Beteuerungen zufolge war ich ihre große Liebe. Ohne mich konnte sie nicht mehr leben. Wie sie mir einmal während eines Aktes ins Ohr flüsterte, begann ihr Leben nach dem ersten Kuss mit mir.
Der Hinweis, dass ich damit Gefahr laufen würde, wegen Babymissbrauchs verklagt zu werden, konnte ich mir verkneifen. Schließlich lag der erste Kuss sieben Tage zurück. Somit hatte ich das Vergnügen eine Frau zu verwöhnen, die erst seit sieben Tagen zur Population in Germany zählte.
Täglich fand ich in meiner Schreibtischschublade ein Herzchen aus Schokolade, ein einzelnes Blümchen oder einen Zettel, auf dem sie mit immer neuen Formulierungen ihre Liebe beteuerte.
Bis alles schlagartig aufhörte!!!!!!!
Den Grund dafür wusste vielleicht ein höheres Wesen. Ich ahnungsloser Schlumpf
tappte im Dunkeln.
Obwohl wir im selben Büro tätig waren, ignorierte sie mich völlig. Grußlos ging sie an mir vorbei. Den Blick starr geradeaus. Eingehende Telefonate für mich durfte sie nicht ignorieren. Somit stand sie vor der Frage: was tun? Wie informiere ich jemand, der für mich gestorben ist? Die Lösung ihres Problems gestaltete sich zu einer Lachnummer.
Etwa zwei Wochen lang unterrichtete sie mich von dem Telefonat in der Art, dass sie an meinen Schreibtisch trat. Einen zerknüllten Papierfetzen auf meinen Schreibtisch schleuderte. Und mit erhobenem Kopf abrauschte.
Anschließend durfte ich entziffern, dass da mit krakeliger Schrift „Telefon für dich“ auf dem Papierfetzen zu lesen war.
Um den Kollegen, denen nicht entgangen war, dass wir uns getrennt hatten, keinen zusätzlichen Stoff für Lästereien zu geben, machte ich das Spielchen schweigend mit. Sehr zum Ärger meiner Ex. Die wohl in schlaflosen Nächten gegrübelt hatte, wie sie eine Reaktion bei mir hervorrufen könnte. In der dritten Woche war sie anscheinend fündig geworden. Aus der wortreichen Botschaft „Telefon für dich“ wurde ein schlichtes „Telefon“.
Nach einer weiteren Woche aus „Telefon“ ein einsames T.
Frauen!! Geschöpfe, die wir Männer nie ergründen werden, dachte ich kopfschüttelnd. Gestern noch konnte sie ohne mich nicht leben. Heute übersieht sie dich. Aufgrund von Differenzen mit unserem gemeinsamen Chef wechselte ich die Abteilung. Selbst Jahre später, bei zufälligen Begegnungen im Büroflur, war ich Luft für das gnädige Fräulein.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

Letzte Artikel von Hubert (Posts)