Spanner

Dafür, wie unvernünftig oder leichtsinnig man reagieren kann, bietet das nachfolgende Geschehen ein abschreckendes Beispiel.
Verschwiegener Parkplatz. Mond bescherte Dämmerlicht.
Sie und ich im Eva- bzw. Adamskostüm. Wieder auf der Rückbank. Wieder im Rausch der Sinne. Wieder Millimeter von der Vereinigung entfernt.
Schlagartig wurde es hell im Inneren des Wagens. Erschrocken fuhr ich hoch. Das Ziel meiner Wünsche schrie gellend auf. Entsetzen sprang aus ihren Augen. Vertieft in das, womit ich mich gerade eifrig beschäftigte, wusste ich im ersten Moment nicht, wo ich war. Konnte mit dem Trommelfell gefährdenden Schrei nichts anfangen. Dann aber.
Ein gieriges Gesicht an der Fensterscheibe. Schwach beleuchtet vom Strahl einer
Taschenlampe. Die auf unsere nackten Körper gerichtet war. Ganz jugendlicher Held sprang ich, so schnell ich konnte, aus dem Wagen. Nackt, wie Gott mich schuf.
„Wo bist du Dreckskerl? Zeig dich. Ich mach dich platt“, schrie ich blindlings in vier Himmelsrichtungen.
Nichts geschah. Der Spanner war weg. Später erst ging mir auf, wie leichtsinnig meine Reaktion gewesen war. Hätte sich außerhalb des Wagens ein Kerl mit einer Waffe befunden, ich wäre hilflos gewesen.
Sauer bis zum geht nicht mehr gab ich Tage später die Story im Freundeskreis zum Besten. Etwas modifiziert!!
„Als ich den Mistkerl sah, sind bei mir die Sicherungen durchgeknallt. Bevor ich ihm die Schnauze polieren konnte, haute der Feigling ab. Ich natürlich hinterher. In dem Moment war es mir völlig egal, dass ich nackt war. Ehrlich, Jungs. Wenn ich ne Knarre gehabt hätte, ich hätte den Misthaufen abgeknallt. Als ich den Kerl fast eingeholt hatte, trat ich auf irgendein dorniges Zeug, das am Boden herumlag. Na ja, ihr könnt euch wohl vorstellen, was das für ein Gefühl ist, mit nackten Füßen auf so etwas zu treten. Jedenfalls war ich nicht mehr in der Lage, dem Kerl noch weiter hinterher zu laufen“.
Die Reaktion auf meine Story enttäuschte mich. Erwartet hatte ich Lob oder Bewunderung für meinen Mut. Vielleicht auch Schadenfreude hinsichtlich meiner entgangenen Liebesfreuden. Nicht erwartet hatte ich nachdenkliche Gesichter und Fragen.
„Wo hast du denn geparkt? Etwa in der Grünanlage neben dem Militärring?“
„Jaaa. Aber was das hat mit dem Spanner zu tun?“
„Das kann ich dir sagen, mein Freund. Genau das Gleiche ist mir dort passiert. Nur war ich nicht so blöd, aus meinem Wagen auszusteigen“.
Nun folgten zwei Minuten Meinungsaustausch ob ich blöd oder er feige gewesen
war. Danach ertönte aus der Runde ein Vorschlag, der begeistert akzeptiert wurde.
„Anscheinend treibt der Spanner sich an dem Parkplatz öfter rum. Vielleicht ist dort sogar sein Stammrevier. Was haltet ihr davon, wenn zwei von uns ein Liebespärchen spielen? Wir anderen verteilen uns gut versteckt rund um den Parkplatz. Sobald der Spanner am Wagen auftaucht, tritt einer von dem Liebespärchen auf die Bremse. Das aufleuchtende Bremslicht ist für die anderen das Zeichen, dass es losgeht. Wäre doch gelacht, wenn wir zu sechs oder sieben Mann den Kerl nicht schnappen würden.
Tja, Jungs, wenn wir den Spanner erstmal in unserer Gewalt haben, beweisen wir ihm, was wir von Typen wie ihm halten. Und zwar so, dass ihm ein für alle Mal die Lust am Spannen vergeht“.
So saß ich am kommenden Samstag mit meinem besten Freund in meinem Wagen. Eng umschlungen!! Er mit Perücke seiner Schwester. Ich mit naturgegebener Haarpracht. Verständlich, dass der ungewohnte Partner Scherze herausforderte.
„Falls du mich küssen willst, bitte ohne Zunge. Ich habe heute schon gekotzt“. Und
„Wenn du daran denkst, deine Hände wandern zu lassen, vergiss es. Ich habe meine Tage“.
Und
„Du willst Sex mit mir? Wo denkst du hin? Ich bin streng katholisch erzogen worden. Vor der Ehe läuft bei mir gar nichts“.
So gut der eine oder andere Scherz auch war, lachen durften weder er noch ich. Es sei denn, albern kichern. Das aber auch nur in weiblicher Tonlage. Nach viel zu langer Zeit wurden wir erlöst.
„Da schleicht der Scheißhaufen“, hatte mein Freund den Spanner erspäht.
Rechtzeitig genug, um sein Gesicht in meinem Schoß zu verbergen. Um nun nicht einem harmlosen Spaziergänger Unrecht zu tun, warteten wir den Lichtstrahl der Taschenlampe ab. Der auch nicht lange auf sich warten ließ.
Dann ging alles blitzschnell. Bremspedal betätigen. Mit lautem Gebrüll „Schnappt euch den Kerl“, stürmten aus allen Richtungen sechs Racheengel aus ihren Verstecken.
Überrascht von der anstürmenden Horde leistete der Spanner keine Gegenwehr. Detaillierte Schilderungen, was danach ablief, erübrigen sich. Nur so viel. Falls der Spanner je wieder auf Jagd gegangen ist, muss er Freude an Schmerzen haben.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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