Störenfried

Man sitzt irgendwo. Denkt an nichts Böses. Freut sich, dass man weder Karl noch Friedrich der Große ist, also noch lebt. Und mitten in diesem friedlichen Idyll setzt sich irgendwer neben einen. Dann legt dieser Irgendwer ungefragt los.
Philosophiert etwas Sinnloses oder Banales vor sich hin. Natürlich so laut, dass man jedes Wort verstehen muss. Nun zündet der unerwünschte Nachbar Stufe 2. Er zieht aus einer Tasche ein Buch ans Sonnenlicht. Ein erschreckend dickes Buch. Mit der rechten Hand schlägt er die erste Seite auf. Mit der linken schlägt er sich stolz auf die Brust. Des Schlagens nicht genug schlägt er im Ton eines Fremdenführers vor „Ich muss Ihnen einmal zeigen, woher ich komme“.
Ich – es mag sein, Sie nicht – ich aber bin ab sofort dazu verdonnert, mir vergilbte Fotos aus der Welt des Irgendwer betrachten zu müssen. Jedes Foto begleitet von erläuternden, hochinteressanten Kommentaren.
„In diesem Reihenhaus bin ich aufgewachsen“.
„Das ist Tante Anna. Ein richtiges Biest“.
„Das ist mein Großvater mütterlicherseits. Der andere, der väterlicherseits, der kommt noch“.
„Der kleine Nackedei hier, das bin ich. Zwei Jahre nach dieser Aufnahme bin ich von einem Baum, der hinter unserem Haus stand, gefallen. Und nun raten Sie mal, wo ich gelandet bin? In Kuhmist. Ja, Sie haben richtig gehört, ich bin tatsächlich in Kuhmist gelandet“.
„Und das ist, der Teufel hol sie, meine Lieblingsschwester Anna. Sie hat in Kanada einen Ingenieur geheiratet … da ist er … ein toller Schläger … 32 Meilen hinter Quebec … einfach nur wunderschön“.
Mit Entsetzen registriere ich, wir sind erst auf Seite 11. Da lauern noch, über den Daumen gepeilt, weitere 300 Seiten. Mit 3 Millionen wichtigen und aufschlussreichen Schnappschüssen. Von denen ich – „die müssen Sie unbedingt sehen“ – keine verpassen darf. Mancher bekommt Ausschlag oder Fieber, wenn er Erdbeeren isst oder Tulpen riecht oder Steuerformulare sieht. Ich werde von einer Zitterpanik astronomischen Ausmaßes befallen, sobald ich eine ausgebeulte Tasche erspähe.
In aller Bescheidenheit kann ich von mir sagen, dass mich im Verlauf meiner sechs Jahrzehnte Lebensalter, wenig erschüttert hat. Sei es ein geladener Revolver. Sei es ein eigenhändig verfasstes Gedichtbuch meines Freundes, dessen Rezitieren ich stundenlang lauschen musste. Lediglich das Aufblitzen eines Familienalbums zwingt mich in die Knie. Lässt mein Herz zwei Gänge höher schalten.
Mein Nervenarzt spendete mir Trost. Es wäre eine allgemeine Krankheit. Ich sollte Pillen schlucken und die Pickel, die mich jedes Mal verunstalten, wie ein Mann ertragen. Ein anderer Spezialist riet mir, was schon Hunderte Leidensgenossen vor mir geholfen haben soll.
„Schauen Sie hin, aber sehen Sie nichts. Und denken dabei an etwas ganz anderes“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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