Stripperin

Es gibt Frauen, die sind für Otto Normalverbraucher einfach eine Nummer zu groß. Schuld dafür sind vielfältige Gründe. Dennoch ist der häufigste Grund wohl fehlende Barmittel. Zum Glück für die Männer beschränkt sich dieses Denken auf eine Kategorie Frauen, die menschliche Werte nicht zu schätzen wissen.
Damit bin ich auch bereits bei Ursula angelangt.
Professionelle Stripperin. Geldgeil. Leeres Hirn. Aber – ein ganz dickes Aber – von der Natur mit einem Body gesegnet, der gebrechliche Greise munter macht. Der bei treuesten Ehemännern verbotene Wünsche weckt. Der schlaflose Nächte bereitet. Der Millionäre zu Bettlern und Missionare zu Mördern macht.
Kurz gesagt, Ursula war 1,65 Meter pure Erotik. Wie geschaffen zur Sünde. Und wenn dann noch über diesem Body ein unschuldiges, engelhaftes Antlitz thront,
dann, ja dann hat selbst der Papst Mühe, seinem Gelübde Folge zu leisten.
Nun zählte ich zu jener Zeit mit meinen zwanzig Lenzen nicht zu den Männern, die ein neues Fahrzeug aus der Portokasse bezahlen. Ebenso wenig hatte ich jemals mit der Möglichkeit geliebäugelt, meinen Wohnsitz in den Vatikan zu verlegen.
Ich war, wie man so sagt, ein Durchschnittsbürger. Mit Wünschen, Träumen – und Gelüsten. Letztere überfielen mich beim Anblick von Ursula. Und zwar so stark, dass ich befürchtete, meine Augen würden hervorquellen. Würden ihren angestammten Platz verlassen und herrenlos dorthin wandern, was aus der Nähe betrachtet werden musste.
30 Minuten zuvor.
Trübsal blasen bei einem Glas Bier in einer Kneipe? Samstagabend in einer simplen Kneipe? Nein, am Wochenende musste mehr laufen. Da musste Spaß, Prickelndes oder Aufregendes her.
„Was hältst du davon, wenn wir noch einen Stripschuppen aufsuchen? Hier ist doch heute der Hund begraben“, wandte ich mich an meinen Freund Bodo.
Gemeinsam standen wir zwanzig Minuten später am Tresen des von mir vorgeschlagenen Schuppens. Den ersten Schluck Bier im Mund fiel mein Blick auf die Stripperin. Die sich aufreizend langsam entblätterte.
Begeistert, überrascht und weiß-ich-was-sonst-noch von ihrem Anblick schlug der Blitz bei mir ein. Mit dem Erfolg, dass der Schluck Bier auf Bodos Pulli landete.
Ohne ihn zu beachten, stierte ich wie gebannt auf die Stripperin. Die gerade ihre Vorführung beendete und sich einen glitzernden Bademantel überwarf.
Unter meinen neidischen Blicken steuerte sie auf einen Tisch zu, an dem ein einsamer Gast sie bereits wartete.
„Was will der alte Knacker denn mit so einer Granate? Der Methusalem weiß doch gar nicht mehr, wie es geht. Wenn er Glück hat, erinnert er sich noch daran“, degradierte ich den etwa 40jährigen Gast kurzerhand zum Methusalem.
Aufklärung, warum und weshalb die Granate dort saß und nicht an meiner Seite stand, lieferte der Kellner. Der gerade eine imponierend große Flasche Sekt auf den Tisch stellte.
„Irgendwie muss ich an die Frau rankommen“, vertraute ich Bodo an. „Die Mutter sieht ja umwerfend aus“.
„Das schaffst du nie. Oder willst du auch für eine Pulle Sekt blechen?“ entmutigte mich nicht.
„Es muss auch ohne Sekt möglich sein. Wenn ich es nicht versuche, werde ich nie
erfahren, ob ich Glück gehabt hätte“.
Ich hatte mich in die Vorstellung verrannt. Schon der Gedanke, mit ihr nackt in einem Bett zu liegen, ließ meine Hormone Rock´n Roll tanzen.
Kurz entschlossen steuerte ich das Ziel meiner Begierde an. Ungewiss was mich erwartete, ein wenig mulmig, ein wenig mit zitternden Knien. Den Kloß im Hals schickte ein verhaltenes Räuspern auf die Reise.
Ausgesucht höflich wandte ich mich an den Sektzahler. Der mit gierigen Augen das musterte, was hoffentlich bald mir offeriert wurde.
„Entschuldigen Sie bitte die Störung, mein Herr. Dürfte ich um einen Tanz mit dieser Dame bitten?“ wies ich dezent auf die Stripperin.
Erstaunte Blicke von ihr. Unwillige von ihm. Bevor er ablehnen konnte, wandte ich mich an sie.
„Selbstverständlich nur, wenn auch Sie tanzen möchten. Sie würden mir eine große Freude bereiten. Einen einzigen Tanz nur, bitte“, gelang es mir tatsächlich meinen Wunsch errötend vorzutragen.
Halleluja, ein dreifaches Hoch. Sie erhob sich. Die halbe Miete war eingefahren.
„Ich bin gleich zurück“, tröstete sie Methusalem und ging voraus zur Tanzfläche.
Dort angekommen legte sie ihren Arm um meine Schulter. Ich um ihre Taille. Der erste Körperkontakt. Ungeduldige Hormone schrien nach mehr. Verlangten lauthals nach Zugaben.
Nun hatte ich drei Minuten Zeit, sie davon zu überzeugen, dass es, verdammt noch mal, eine lohnende Sache wäre, sich mit mir zu treffen. Keine leichte Aufgabe. Die mir aber gefiel und mich reizte.
‚Nicht zu sicher auftreten. Verlegenheit kommt gut an. Komplimente dosieren und stockend verteilen‘, zügelte ich mich.
„Ich möchte mich zuerst auch einmal bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Sie zum Tanz aufgefordert habe. Schließlich sind Sie in Begleitung“, sondierte ich vorsichtig das Terrain.
„Der alte Knabe ist nur ein zahlender Gast. Nicht mein Begleiter“, stellte sie nüchtern fest.
Der Punkt war abgehakt. Auf zum nächsten Schritt. Drei Minuten vergehen schnell.
„Ich konnte einfach nicht anders. Seit ich das Lokal betreten habe, bewundere ich Sie. Wenn ich eines in aller Bescheidenheit sagen darf, dann ist das die Tatsache, dass Sie die schönste Frau sind, die ich in meinen 25 Jahren gesehen habe. Sogar ein Engel würde neben Ihnen verblassen“.
Meine angeblichen 25 Jahre wurden problemlos geschluckt. Das andere Gesülze war zwar dick aufgetragen. Kam aber gut an. Wie sie mir unmittelbar bewies.
„Das ist aber sehr nettes Kompliment. So etwas hat mir noch niemand gesagt“.
„Noch niemand? Unglaublich. Entweder sind Ihre Bekannten und Freunde blind oder aber sehbehindert“.
Zum ersten Mal sah ich ein Lächeln und aufkommendes Interesse in ihrem Gesicht. Na bitte, ging doch. Ich schien die richtigen Worte zu wählen. Die Zeit drängte. Ich musste mich kürzerfassen. Mein Ziel auf direktem Weg ansteuern.
„Vielleicht lachen Sie jetzt, wenn ich Ihnen eine Frage stelle, die mir auf der Seele liegt. Aber bitte tun Sie das nicht. Es würde mich sehr verletzen. Antworten Sie einfach nur mit ja oder nein. Versprochen?“
„Was willst du denn wissen?“
Verdammt war ich gut. Ihre Neugier war geweckt. Außerdem war sie bereits beim Du angelangt.
„Ich wollte … ich möchte … also, ich habe, ich …. nein, ich schaff es nicht“, war ich offenbar nicht in der Lage, die ominöse Frage zu artikulieren.
„Nun sag schon. Was liegt dir auf dem Herzen?“
Was mir wirklich auf dem Herzen lag, bot genug Stoff für einen dreiteiligen Roman. Zu lang und zu viel für die kurze Zeit, die mir noch blieb. So beschränkte ich mich aufs Wesentliche. Auf den Kern des ganzen Gelabers. In den nächsten Sekunden würde sich entscheiden, wie gut ich den braven Bubi gespielt hatte.
„Ich bin so dreist“, holte ich gaaaanz tief Luft, „und bitte Sie um ein privates Treffen“.
Obwohl ihre Lippen schon das Wort ja zu formen schienen, schob ich schnell etwas nach. Etwas, dass nur für mich von Bedeutung war.
„Vorab muss ich aber leider ein ehrliches Geständnis machen. Ich bin ein armer Student. Sekt oder Ähnliches könnte ich Ihnen nicht bieten. Falls Sie trotzdem zustimmen, würden Sie mich zum glücklichsten Mann in der westlichen Hemisphäre machen“.
Zum Schluss versagte meine Stimme. Konnte nur noch flüstern. Die Augen verschämt auf den Boden gerichtet, wartete ich auf ihre Antwort. Die auf sich warten ließ. Also schnell noch etwas nachschieben, um ihre Entscheidung zu beeinflussen.
„Ich kann Ihr Zögern durchaus verstehen. Eine Frau wie Sie hat es verdient, dass sie verwöhnt wird. Trotzdem vielen Dank, dass Sie mich nicht ausgelacht haben. Ich möchte nur noch einmal betonen, dass Sie reizend und bezaubernd sind“.
Mein enttäuschtes Abdrehen als aufgeben deutend, hielt sie mich am Arm zurück.
„Warte. Bleib hier. Ich habe doch nicht Nein gesagt. Im Gegenteil. Du hast mich neugierig gemacht, was du für ein Typ bist. Einen Studenten hatte ich nämlich noch nie. Wäre mal ne interessante Abwechslung“.
Dankbar bot ich ihr zum Schluss noch eine perfekte Schau. Überglücklich, strahlend wie ein Kleinkind beim ersten Geburtstag, kullerten zwei Freudentränen über meine Wangen.

Die Musik war zu Ende. Wir vereinbarten Zeit und Ort des Treffens. Stellten uns gegenseitig namentlich vor. Und schon erhielt ich einen kleinen Vorgeschmack von dem, was mich in ihrer Gegenwart erwarten würde.
„Hubert heißt du? Gefällt mir nicht. Ich werde dich Umberto nennen. So lautet dein Name in Italien. Ich bin Ursula. Ich weiß, ein Scheißname. Deshalb lasse ich mich nur Sula nennen. Klingt doch geil? Oder?“
„Zu einer so schönen Frau, wie du es bist, passt jeder Name. Und Sula klingt irgendwie romantisch. Da kommt man direkt ins Träumen. Darf ich heute Nacht von dir träumen, Sula?“
„Man kann doch nicht selber wählen, was man träumen will. Ein Traum kommt doch einfach so ganz automatisch. Oder ist das falsch?“
Allein die Frage, ob das falsch sei, sagte mir genug. Die schöne Sula musste einen IQ haben, der an einem Fieberthermometer abzulesen wäre. Um zu testen, ob dem so sei, setzte ich noch einen obendrauf.
„Das stimmt nur zum Teil. Wenn man aber so stark beeindruckt ist, wie ich es von dir bin, kann man auch bestimmen, was man träumen will. Deshalb frage ich noch einmal. Darf ich von dir träumen?“
„Ich habe nichts dagegen, Umberto“, erteilte sie mir gnädigerweise die Erlaubnis. Ehrlich, wäre da nicht die Vorstellung gewesen, was man mit diesem Body erleben konnte, ich hätte schreiend die Flucht ergriffen.
Dafür, dass ich nach diesem lächerlichen Traumgelaber ernst blieb, hätte man mir einen Orden verleihen müssen.
Allen unhöflichen Gedanken zum Trotz begleitete ich sie galant zurück zu Methusalem. Bedankte mich für den Tanz und ging zurück zu Bodo.
„Und? Glück gehabt?“
„Überflüssige Frage. Du kennst mich doch. Wir sind verabredet“, prahlte ich.
„Schieb beim ersten Mal einen Gruß von mir mit rein“, grinste Bodo vielsagend. Drei Tage später.
Sula führte auf ihre Kosten Umberto in ein schickes Restaurant. Während des Aufenthaltes dort mutierte ich zum Entertainer der Güteklasse 1 a. Ein Gag jagte den anderen. Sula lachte viel – und viel zu laut.
Schnell lieferte sie erneut den Beweis, dass der tiefe Teller nicht von ihr erfunden
worden war. So blöd der Witz war, sie lachte über jeden Mist.
Egal. Ich wollte sie schließlich nicht heiraten. Ich wollte mit ihr ins Bett. Und das möglichst noch vorgestern.
Nach einem exzellenten Mahl ging es auf direktem Weg zu ihrem Domizil. Dort auf direkten Weg ins Schlafzimmer. Die puffähnliche Dekoration störte mich nicht. Mein Ziel war das Bett. Wo wir auch umgehend landeten.
Ich könnte nun mit der Beschreibung ihres nackten Körpers Seiten füllen. Oder über ihre sexuellen Fähigkeiten. Die mich ausgiebig verwöhnten. Oder über ihre Erfindungskunst. Die mich verblüffte. Oder über ihr Temperament. Das von zärtlich bis wild wechselte.
Nur so viel sei gesagt, meine bisherigen sexuellen Erfahrungen verblassten im Vergleich zu dem, was sie aufführte. Zum Glück ließ mich mein bestes Stück nicht im Stich und hielt den Anforderungen stand. Es bedurfte von meiner Seite schon
mehr Mühe als bisher, doch letztendlich erreichte auch Sula ihren Höhepunkt. Den
sie mit einem trompetengleichen Schrei ankündigte.
Der Ablauf unserer wöchentlichen Treffen verlief stets gleich. Speiselokal. Sie zahlte. Ab in ihre Wohnung. Ab ins Bett. Ausschweifenden Sex. Auf Wiedersehen. Irgendwann hatten wir beide genug. Der Reiz des Neuen war verflogen. Uns und unsere Körper kannten wir zur Genüge in- und auswendig.
Mit einer Einschränkung.
Nie hat sie mich richtig kennengelernt. Ich blieb stets der arme Student. Der ihr das Gefühl der Überlegenheit ließ. Sie war diejenige, die mich gnädigerweise in ihr Bett nahm.
Bei mir war der Punkt erreicht, an dem ich mich wieder nach einer Freundin sehnte, mit der ich auch reden konnte. Vernünftig reden.
Der logische Schritt hieß Trennung. Die dann auch erfolgte. Nach einem letzten, heißen Sexmarathon.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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