Telefonat der besonderen Art

An jenem Tag hatte ich das Gefühl, als gehörte mir die ganze Welt. Ich wusstenicht warum. Vielleicht hatte ich einfach nurgut geschlafen. Oder der Feuchtigkeitsgehalt in der Luft hatte nachgelassen. Oder mein Blutdruck wollte mir eine Freude bereiten. Stieg auf Werte, die keinen Grund zur Klage gaben. Wie auch immer. Jedenfalls fühlte ich mich am Morgen großartig. Die Sonne schien, die Bäume blühten. Vögel zwitscherten nicht. Er herrschte angenehme Ruhe. Ich war sowohl mit mir selbst wie auch mit dem Leben sehr zufrieden.
Und dann kam der Anruf von meinem Freund Dieter. Ich hob den Hörer ab und sagte „Hallo“.
„Hubert“, antwortete Dieter, „was ist los mit dir?“
„Mit mir? Gar nichts. Was soll mit mir los sein?“
„Hubert“, wiederholte Dieter, „ich kenne dich.Ich kenne dich in- und auswendig. Ich brauche am Telefon nur deine Stimme zu hören und weiß sofort, dass irgendetwas bei dir nicht stimmt. Was ist also los?“
„Es ist alles in bester Ordnung“.
„Hubert!!!“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Was willst du?“
„Du klingst, als ob du schrecklich nervös bist“.
„Ich bin nicht nervös. Aber wenn du mich noch lange fragst, warum ich nervös bin, dann werde ich es“.
„Ich dachte, es würde dir guttun, dich mit jemandem über deinen Kummer auszusprechen“.
„Ich habe keinen Kummer, verdammt noch mal“.
„Gut für dich, dass du deine Stimme nicht hören kannst. Du hast die Stimme eines Hysterikers. Ich hoffe nur, dass es nichts Ernstes ist“.
„Bitte reden wir von etwas anderem“.
„Du glaubst, damit wäre das Problem gelöst?“
„Ja“.
„Also schön. Was machst du heute Abend? Willst du auf einen Sprung vorbeikommen?“
„Gerne, Dieter“.
„Hör zu, Hubert“, schwang in der Stimme meines Freundes ein Unterton Gekränktheit mit. „Das kann jetzt endlos so weitergehen, dieser Austausch von Ausreden. Ich war immer der Meinung, dass wir unter uns keine Ausreden nötig hätten. Und jetzt sag schon endlich, was dir über die Leber gekrochen ist“.
„Wenn du mich noch einmal fragst, wem ich über die Leber gekrochen bin, lege ich auf“.
„Weißt du, was du jetzt gesagt hast? Habe ich dich gefragt, wem du über die Leber gekrochen bist? Nein, ich habe gefragt, was dir …“.
„Das habe ich ja auch gemeint“.
„Gemeint, aber nicht gesagt. Du weißt nicht mehr, was du sprichst. Du bist völlig durcheinander“.
Damit hatte Dieter nicht ganz unrecht. Er sprach ruhig, gelassen, gesammelt – ich hingegen stotterte herum wie ein verängstigtes Kind.
„Nimm´s nicht zu schwer“, fuhr Dieter fort. „Glaub mir, solange du gesund bist und atmen kannst, besteht kein Grund zur Verzweiflung. Scher dich nicht drum. Manchmal geht es hinauf, manchmal hinunter. So ist das Leben. Ich kenne dich. Du wirst schon wieder in Ordnung kommen. Kopf hoch, alter Junge“.
„Aber ich schwöre dir …“.
„Hubert!“
Außer der Frage was ist los mit dir macht mich nichts so rasend, wie wenn jemand mit tiefer Stimme und tiefer Anteilnahme meinen Namen ruft. Es macht mich rasend, und zugleich lähmt es mich. Ich schwieg.
„Vor allem“, nahm Dieter wieder das Wort, „musst du dir selbst gegenüber
ehrlich sein. Du musst dir einfach sagen, das und das ist geschehen. Das und das könnte geschehen. Das und das muss ich jetzt tun“.
„Das und das und das“, hörte ich mich leise murmeln. Mein Blick fiel in den Spiegel. Ein aschgraues, von Falten durchzogenes Gesicht glotzte mir entgegen. Und da kam schon wieder Dieters Stimme.
„Warst du schon beim Arzt?“
„Wieso? Bei welchem Arzt?“
„Ich bitte dich, Hubert, nimm dich zusammen. Für einen Freund ist es schrecklich, beobachten zu müssen, wie du aus dem Leim gehst“.
„Aber ich hab dir doch schon gesagt, dass bei mir alles in Ordnung ist. Das habe ich dir doch schon gesagt. Oder?“
Dieter antwortete nicht. Wahrscheinlich musste er seine Tränen bekämpfen. Wir sind sehr gute Freunde.
„Hubert, was ist los mit dir?“ sagte er endlich.
Jetzt war es an mir, nicht zu antworten.

„Hubert, lass dich um Himmels willen zu keinen übereilten Schritten hinreißen. Du bist noch jung, wenigstens geistig, das Leben liegt noch vor dir. Verscheuch finstere Gedanken, frag nicht viel warum, wozu, für wen. Das Leben ist schön. Wirf es nicht weg“.
Ich erhob mich und überlegte, ob ich mich aufhängen sollte. Entschloss mich aber, ins Kino zu gehen. Noch an der Tür glaubte ich, Dieters Stimme zu hören.
„Hubert, Hubert! Warum antwortest du nicht?
H-u-b-e-r-t …!“
Dieses Gespräch hat vor ungefähr einer Woche stattgefunden. Gestern Abend läutete das Telefon. Ich hob ab.
„Hallo“.
„Hubert“, sagte Dieter, „deine Stimme klingt sehr merkwürdig“.
„Kein Wunder“, antwortete ich, „Mein Haus ist abgebrannt“.
„Wie bitte?“
„Außerdem wurde ich von einem Dreirad überfahren“.
„Wirklich?“
„Wirklich. Und meine Frau ist mit dem jugendlichen Seiltänzer vom japanischen Zirkus durchgebrannt“.
„Macht nichts“, sagte Dieter. „Das geht vorbei. Willst du heute Abend auf einen Sprung vorbeikommen? Wiedersehen“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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