Übär

Alexandra. Hübsches Gesicht, strahlende Augen. Geschmackvoll gekleidet. Schlank. Sicheres Auftreten. Sie gefiel mir. Wir wurden ein Paar.
Sie war mit Schwester, Mama und Papa vor einigen Monaten von irgendwo nach Köln gezogen. Als sie hörte, dass sich mein Elternhaus im Kölner Vorort Ehrenfeld befand, verblüffte mich ihre Reaktion auf diese Information.
„In Ehrenfeld? Dort soll nur Pack wohnen. Wurde uns jedenfalls erzählt“.
„In Ehrenfeld leben etwa hunderttausend Menschen. Die sollen alle Pack sein? So einen Mist kann doch niemand glauben“, überzeugte ich sie vom Gegenteil.
„Wenn du aber meine Eltern kennenlernen solltest, sag bitte nicht, wo du wohnst. Besser ist besser“.
‚Sie plant schon voraus, das kann ja gut werden’, dachte ich.
Bereits nach wenigen Tagen betätigten wir uns sexuell. Sie war unerfahren. Zum Glück keine Jungfrau mehr. Mein Vorgänger hatte sie entjungfert. Schmerzhaft entjungfert, wie ich kopfschüttelnd vernahm. Offenbar hatte er noch nichts vom legendären Ohrbiss gehört. Anfänger!!
Aufgrund fehlender, eigener vier Wänden gelangte mein Wagen in den Status eines Schlafzimmers. Die Rückbank zum Bett.
Eines Tages, noch in der Anfangsphase des Liebesspiels, wurden wir von einem neugierigen Zuschauer überrascht. Nein.
Nicht wir, ich.
Während Alexandra das kundige Spiel meiner Hände mit geschlossenen Augen genoss, fühlte ich, dass wir nicht mehr alleine waren. Ist so nicht ganz richtig. Streng genommen waren wir noch ohne direkte Gesellschaft.
Die gierigen Augen, die dem Spiel meiner Hände folgten, vermittelten dennoch das Gefühl, das dem nicht so war. Und das die Augen dem Kerl gehörten, der sich – gebeugt über die Motorhaube – an dem erregte, was seine Augen sahen, machte die Sache im Prinzip nicht besser.
Was nun? Den Kerl mit Gebrüll verscheuchen? Aussteigen? Motor starten, wegfahren?
Nein. Wahrscheinlich war die behütete Alexandra nie zuvor mit solch einer Situation konfrontiert worden. Würde vielleicht in Zukunft ablehnen, je wieder auf der Rückbank verwöhnt zu werden. Und nicht zuletzt waren da meine Hormone. Die lautstark darauf drängten, dass ich endlich das zu Ende brachte, was so vielversprechend begonnen hatte.
Kurz entschlossen startete ich vom Innenraum des Wagens mit dem, was der Kerl von außerhalb des Wagens abzog. Starren. Wie gebannt starren. Ich in sein Gesicht, er auf meine Hände.
Ein stummer Wettstreit, von dem Alexandra nichts bemerken durfte. Irgendwann hatten meine Augen in der Form gesiegt, dass der Unbekannte seinen Blick von meinen Händen zu meinen Augen schweifen ließ. Eine Sekunde lang starrte ich in ein blaues, er in ein braunes Augenpaar. Danach war der Logenplatz in der ersten Reihe verwaist. Gelegenheit für mich und meine Hormone, zur ursprünglichen Aktion zurückzukehren. Leider nur für etwa zehn Minuten. Unglaublich aber wahr. Der Logenplatz war erneut belegt worden. Sollte das Spielchen etwa von vorn beginnen?
Nein. Unsicher, ob ich ihn bemerkt hätte, vergewisserte er sich mit einem Blick in mein Gesicht. Was er da lesen konnte – von Entrüstung bis Mordgedanken war alles vorhanden – veranlasste ihn, endgültig die Platte zu putzen.
Da ich kein notariell beglaubigtes Schreiben in der Hand hielt, das sein endgültiges Verschwinden bescheinigte, ließ ich es für diesen Tag gut sein.
„Irgendwie hab ich das Gefühl, hier schleicht jemand rum“, weckte ich Alexandra aus Trance ähnlichem Zustand.
„Wir fahren besser und holen morgen nach, was wir heute versäumt haben“, schob ich schnell nach, als ich in ihr enttäuschtes Gesicht sah.
Meine Vorstellung bei ihren Eltern wurde zur Pflicht erhoben. Die gnädigen Herrschaften wollten den Knaben begutachten, der dem behüteten Töchterchen den Kopf verdreht hatte.
Gelassen sah ich der Musterung entgegen. Selbstsicher fühlte ich mich jeder Situation gewachsen. Kritische Eltern konnten mir keine Angst einjagen.
Hand in Hand betraten wir den Bungalow in einem exklusiven Wohnviertel. Im Wohnzimmer traute ich meinen Augen nicht. Überall offen präsentierter, protzender Reichtum. Reihum alles vom Feinsten.
Und da standen sie. Die Eltern.
Eine dünne, vertrocknete Frau. Alexandras Mutter. Und ein korpulenter, Respekt ausstrahlender, weißhaariger Papa. Der Herr des Hauses.
„Das ist Hubert, mein Freund“, erfuhr zuerst die Mama den Namen des Wüstlings. Mamas erste, an mich gerichteten Worte war eine Frage. Ebenso ungewöhnlich wie unhöflich.
„Dürfte ich sie Übär nennen? Französisch klingt Ihr Name so schön“.
Ich bejahte zwar höflich, dachte aber unhöflich ‚Ist die Alte etwa bescheuert?‟ Alexandras Vater zeigte sich freundlich und aufgeschlossen. Der alte Herr war mir auf Anhieb sympathisch.
Allerdings enttäuschte mich seine Reaktion auf einen Vorwurf der Vertrockneten. Das dürre Weib war anscheinend wirklich nicht klar im Kopf. Ich kannte sie seit ungefähr zwanzig Minuten. Und sie? Sie stellte sich in Positur, fuhr mit den Händen an ihrem dürren Körper entlang und bat um mein Urteil.
„Sehen Sie mal, wie schlank ich bin, Übär. Und das bei zwei Töchtern. Schauen sie mal auf Papa. Auf seinen dicken Bauch. So gefällt er mir gar nicht. Was sagen Sie denn dazu?“
Das konnte, das durfte nicht wahr sein. Nach wenigen Minuten eine derart persön-
liche, peinliche Frage. Zudem erwartete sie ein Urteil von einem nahezu Fremden.
Anscheinend war ihrem Mann die peinliche Art seiner Frau nicht unbekannt. Ohne eine Miene zu verziehen, hatte er ihren Worten gelauscht.
Hätte ich die Frage ehrlich beantwortet, hätte sie gehört „Besser einen Bauch als
vertrocknet“.
So wandte ich mich nur fragend an ihren Mann.
„Sie nehmen solch eine Beleidigung so ruhig hin? Stört sie das denn nicht?“
„Die Mami hat doch recht. Ich bin nun mal zu dick“, winkte er ab.
Memme, Feigling. Pantoffelheld.
„Ich würde mir das jedenfalls nicht bieten lassen“, konnte ich einfach nicht vermeiden.
Alexandra fühlte sich herausgefordert.
„Du bist übrigens auch zu dick“, vernahm ich trotzig.
„Wenn du das so siehst. Okay. Dann war es das mit uns“.
Ich stand auf. Zog meinen Mantel an. Und ging. Kaum hatte ich die Haustür zugeworfen, stand sie neben mir. Hielt mich fest und bat mich zu bleiben.
„Ich habe es doch nicht so gemeint. Bitte sei nicht böse. Verzeih bitte“.
Zwei Tränen flossen über ihre Wangen.
„Ich verzeihe dir, wenn du dich in Gegenwart deiner Eltern entschuldigst. Wenn nicht, ist Schluss“, entgegnete ich resolut.
„Das schaffe ich nicht. Und will ich auch nicht“, trotzte sie immer noch.
„Dann wünsche ich dir alles Gute“, drehte ich mich um und wollte weitergehen.
„Bitte bleib. Ich mach es“, schluchzte sie.
Sie entschuldigte sich. In Gegenwart der
Eltern. Alles war vergeben. Anscheinend musste ich ihr zeigen, dass sie keinen Hampelmann zum Freund hatte. Die nächsten Monate verliefen harmonisch. Bei jedem Treffen liebten wir uns ausgiebig. Sie erfuhr bei mir, was ihr bisher verborgen geblieben war. Alles schien gut.
Bis Karneval. Bis zu einem Karnevalsball. In Begleitung ihrer
Eltern.
Die Dörrpflaume wurde zum Tanz aufgefordert. Von einem Türken. Der mit ihr eine halbe Stunde auf der Tanzfläche blieb. Und in einer Art mit ihr tanzte, die man getrost als Vorspiel bezeichnen konnte. Ihr Mann sah zu. Und lächelte gönnerhaft!!!!!
Entweder hatte er eine Geliebte. Oder die Dürre hatte die Hosen an. Ich erfuhr es nie. Nun wurde auch Alexandra aufgefordert. Sie zog mit einem Fremden los!! Ohne zu fragen, ob es okay wäre. Und blieb lange fort. Sehr lange. Zu lange.
Aber hallo. Nicht mit mir.
Ich hatte bereits vor Minuten Augenkontakt mit einer attraktiven Frau am Nebentisch aufgenommen. Des Wartens auf Alexandra überdrüssig, forderte ich die Schöne auf. Auf der Tanzfläche.
„Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen“, verblüffte sie mich schon mit den ersten Worten.
Na, ja. Es war Karneval. Die Zeit der lockeren Moral.
„Auf Dauer kann man sich einer schönen Frau nicht entziehen. Besonders dir nicht. Ich konnte deine magische Anziehungskraft fast körperlich spüren. Deshalb halten wir uns jetzt auch in den Armen“.
„Aber, aber. Du kannst ja richtig charmant sein. Ich liebe charmante Männer“, lachte sie.
„Und ich liebe schöne Frauen. Habe sie aber lieber näher bei mir“.
Mit diesen Worten zog ich sie eng an mich. Ohne Widerstand zu spüren. Im Gegenteil, sie presste sich an mich.
Kurze Zeit später standen wir an der Bar. Küssten uns. Flüsterten albernes Zeug. Plötzlich zupfte mich jemand am Arm. Ich drehte mich um. Alexandra stand vor mir.
„Ich bin auch noch da“, blitzte sie mich an.
„Stimmt“, tat ich überrascht, „dich gibt es ja auch noch. Wie du siehst, habe ich keine Zeit. Bin beschäftigt. Aber hattest du nicht irgendeinen Verehrer in der letzten Stunde? Wo ist er denn geblieben?“ blickte ich provozierend umher.
Wortlos drehte sich Alexandra um. Und rauschte wütend davon. Für mich war klar,
wir hatten Schluss. Das war´s.
Hingebungsvoll widmete ich mich ihrer
Nachfolgerin. Und wechselte an ihren Tisch. Alexandra war abgehakt. Grund, den weiteren Abend zu genießen. Mit der Schönen an meiner Seite. Wir lachten viel. Schmusten heftig. Küssten heiß. Der würdige Abschluss fand in ihrem Bett statt. Wie gesagt: Karneval: lockere Moral.
Eine Woche später. Das Telefon meldete sich. Alexandra. „Ich bin‟s“, begann sie vorsichtig.
„Du? Da staune ich aber. Was kann ich für dich tun, Süße?“
Ihr Anruf überraschte mich wirklich.
„Ich wollte nur hören, wie es mit uns steht“.
„Was heißt, wie es mit uns steht?“
Ich wusste genau, was sie sagen wollte, wollte es aber genauer hören.
„Nun ja. Ob es aus ist“. Pause. Dann leise„du fehlst mir, Schatz“.
Ihr Geständnis berührte mich. Wusste ich doch, wie schwer ihr es fallen musste. Ich hatte zwar bereits gedanklich mit ihr abgeschlossen, doch ihre Verzweiflung machte mich schwach.
„Jetzt pass gut auf, was ich nun sage. Zuerst einmal kannst du mir glauben, dass ich dich mag und gern mit dir zusammen war. Vielleicht auch wieder werde. Doch so, wie du dich verhältst, hast du dir den Falschen ausgesucht. So etwas kann man mit mir nicht veranstalten. Mich lässt man nicht ewig lange allein am Tisch sitzen und tanzt mit einem Fremden. Ich kann und werde dir nie etwas vorschreiben. Die Reaktion auf dein Verhalten ist aber dann meine Sache!“ Luft holen. „Wenn du glaubst, du könntest dich ändern, können wir es noch mal versuchen“. Gespannt erwartete ich ihre Antwort.
„Ich ändere mich. Bestimmt. Ich ändere mich. Gib mir nur die Chance, es dir zu beweisen. Bitte Hubert, mein Schatz!“
Nach einer ausgiebigen Versöhnung versuchten wir es erneut miteinander. Für wenige Wochen. Dann hatte sie erneut Mist gebaut.
Leider weiß ich heute nicht mehr, was es war. Muss aber so verletzend gewesen sein, dass ich die Nase voll hatte. Ich machte Schluss. Diesmal endgültig.
Monate später. Zufällig begegnete mir Elke, Alexandras jüngere Schwester. Schnell kam das Gespräch auf Alexandra.
„Du bist der Richtige für sie gewesen. Leider hat das meine Schwester erst gemerkt, als ihr euch endgültig getrennt habt. Ich kann dich gut verstehen. Alexandra hat schon immer versucht, ihren Willen durchzusetzen. Sie sah nie ein, wenn sie Scheiße gebaut hatte. Immer lag die Schuld bei ihren Freunden. Du warst der Einzige, mit dem sie ihre Spielchen nicht treiben konnte“.
Elke macht eine Pause, sah mich verschmitzt an und fragte „Habt ihr es
übrigens getan, du und meine Schwester? Sie tut nämlich immer so, als ob sie niemand an sich heranlassen würde“.
Ich grinste vielsagend. Schwieg aber. Elke musterte mich eingehend. Und glaubte, die Wahrheit zu wissen.
„Du scheinst mir nicht der Typ zu sein, der mit Händchenhalten zufrieden ist. Sag doch mal. Habt ihr?“
Wieder grinste ich. Wieder schwieg ich.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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