Vorsicht, Kundschaft

Ich komme auf Empfehlung eines Freundes, der Ihre Bilder sehr bewundert“, erklärte der Besucher. Und ließ gleichzeitig seinen Blick über die Gemälde am Boden, an den Wänden und auf den Staffeleien des Ateliers schweifen.
„Ich weiß gar nicht“, fuhr er zögernd fort, „ob ein offenbar so überbeschäftigter Künstler wie Sie noch Zeit finden wird, meinen unwichtigen Auftrag auszuführen“.
„Es wird mir ein ganz besonderes Vergnügen sein, Ihnen helfen zu dürfen, mein Herr“, entgegnete der Maler und bot dem Fremden einen Platz in dem schäbigen Sessel an.
Er selbst blieb stehen. Da sich im ganzen Atelier keine zusätzliche Sitzgelegenheit mehr befand.
„Ich will bei Ihnen keine falschen Hoffnungen wecken“, fuhr der Kunde unentschlossen fort, „ich bin kein reicher Mann. Kann mir nicht viel leisten. Es handelt sich auch nur um ein ganz, ganz kleines Bild. Ein Gemälde meines Hündchens“.
„Wir Maler sind bescheiden. Wir verdienen nur in Romanen und Filmen viel Geld. Die Wirklichkeit sieht leider anders aus. Da hungern wir oft am laufenden Band. Da ist jeder noch so kleine Auftrag willkommen“.
„Aber ich sehe doch hier eine ganze Ahnengalerie von Berühmtheiten herumstehen. Diese Herrschaften zahlen doch sicherlich eine Menge für Ihre Dienste“, meinte der Herr. „Da kann ich leider nicht mithalten“.
„Ich bin überglücklich, wenn Sie mir etwas zu verdienen geben. Ich brauche jeden Pfennig. Und wenn ich sagen jeden Pfennig, so ist das leider auch so. Die ollen Schinken, die Sie hier sehen, sind zwar alle bestellt, aber die hohen Herrschaften haben mich so heruntergehandelt, dass mir nicht mehr viel bleibt“.
Dem Maler gelang es sogar, in Erinnerung an die bitteren Verhandlungen, sein sowieso nicht gut genährtes Gesicht noch schmaler zu präsentieren.
„Also, wie viel würde nun ein Gemälde meines Hündchens kosten?“
„Sagen wir, äh, so in etwa 25 Mark. Oder ist das noch zu viel für Sie?“ schien der Maler bereit, den Preis herabsetzen zu wollen.
Der Kunde rieb sich verlegen die Nasenspitze. Offensichtlich hatte er einen höheren Preis erwartet.
„25 Mark?“ murmelte er. „Das ist in der Tat nicht viel. Ich werde … ich muss vorher mit meiner Frau darüber sprechen. Es war nur eine unverbindliche Anfrage. Ich gebe Ihnen noch Bescheid. Was würde denn ein größeres Bild kosten?“
„Auch nicht viel mehr. Die Arbeit ist ja die gleiche. Nur das Rohmaterial … ja, das ist mittlerweile unerschwinglich geworden. Zum Schluss bleibt für uns Künstler noch nicht einmal genug Geld für ein anständiges Mittagessen übrig. Schreckliche Zeiten, in denen ein unbedeutendes Starlet beim Film in einem Tag mehr verdient als wir im ganzen Jahr“.
Der Kunde erhob sich. Versprach, sich die Geschichte mit seiner Gattin durch den Kopf gehen zu lassen. Reichte dem vor dem Hungertod stehenden Maler wie bei einem Kondolenzbesuch die Hand und verließ das Atelier.
„Bitte, bitte, mein Herr“, schärfte ihm der Maler noch im Treppenflur ein, „vergessen Sie mich nicht. Sie tun ein gutes Werk, wenn Sie das Bild Ihres bezaubernden Hündchens von mir anfertigen lassen“.
Der Maler eilte zurück in sein Atelier. Schloss die Tür ab und griff zum Telefon. Verwählte sich in seiner Aufregung zwei Mal. Erst nach dem dritten Mal hatte er den gewünschten Gesprächspartner am Rohr.
„Er war eben bei mir, Walter“, flüsterte er verschwörerisch in die Sprechmuschel.
„Ja, das habe ich mir schon gedacht. Deshalb habe ich dich ja auch sofort angerufen, nachdem er sich vorhin bei mir verabschiedet hat. Und wie ist es gelaufen?“
„Ich habe eine perfekte Nummer abgezogen. Habe ihm die Hucke vollgelogen, Walter. Ich wurde sogar hungrig, als ich ihm …“.
„Großartig. Du bist ja immer schon ein verkannter Schauspieler gewesen. Sei nicht böse. Wir müssen das Telefonat jetzt beenden. Ich muss nämlich noch alle Kollegen in der Gegend vor dem Kerl warnen. Schließlich wollen wir doch dem Finanzamt die Arbeit nicht zu leicht machen“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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