Zwischenbilanz

An dieser Stelle meiner persönlichen Reise durch die erotische Welt angelangt, wird es Zeit, einen eventuellen Irrtum richtigzustellen.
Die Vielzahl der erotischen Abenteuer mag den Eindruck vermitteln, dass mein Leben aus der Jagd nach Sex bestand. Dem ist nicht so. Absolut nicht. Ich vernachlässigte weder schulische Pflichten noch Beruf, Freunde oder meine Haustiere. Lediglich an den Wochenenden war Spaß angesagt.
Spaß muss nicht unbedingt gleich Sex sein? Einverstanden. Doch – wie man so sagt – erst einmal Blut geleckt, war das Verlangen nach mehr, kaum oder nicht zu stillen.
Nun hatte ich das große Glück, dass mein Blutlecken darin bestand, in zufälliger Folge Janni und Bärbel zu begegnen. Beide weckten in mir Gefühle, die nur mit Liebe bezeichnet werden können. Und wer einmal dieses wunderbare, tiefe Gefühl erfahren durfte, will es nie mehr missen. So war ich wahrscheinlich unbewusst und unermüdlich auf der Suche nach Liebe. Versuchte die Lücke, die Janni und Bärbel hinterlassen hatten, zu schließen. Warum ich dabei viel zu oft an falsche weibliche Geschöpfe geriet, mag wissen, wer will. Ich wusste es nicht.
Nun mag ein neutraler Beobachter die Frage aufwerfen, warum ich nicht in dem Augenblick schreiend die Flucht ergriff, in dem offensichtlich war, mit wem ich ins Bett stieg.
Eine gute Frage. Die aber nicht mit zwei oder drei Worten beantwortet werden kann.
Zum einen kann mein jugendliches Alter als Entschuldigung herhalten. Zum anderen wurde mir viel zu spät klar, dass ich mich auf dem absteigenden Ast befand. Von dem es in rasantem Tempo immer schneller bergab ging.
Ein gehöriger Teil Schuld daran hatte auch das weibliche Geschlecht. Sorry, meine Damen, es war nun mal so.
Warum wurde es mir häufig viel zu leicht gemacht? Warum genügte viel zu oft nur ein Wort? Warum nur ein eindeutiger Blick? Warum nur eine Geste? Wo waren die Zeiten geblieben, in denen man mit Charme, Höflichkeit und unaufdringlichen Komplimenten ans Ziel gelangte? Irgendwann, so etwa 24 Jahre jung, zog ich eine persönliche Bilanz. Und kam zu einem erschütternden Ergebnis.
„Schmink dir die Vorstellung ab, noch mal geliebt zu werden. Das mit Janni und Bärbel wirst du nie mehr finden. Die heutigen Frauen sind anders. Entweder wollen sie nur einen guten Liebhaber oder einen Knaben, der reichlich Knete hat“.
Die bittere Analyse vor Augen verabschiedete ich mich von dem Gedanken, jemals eine Familie zu gründen.
Ein Jahr später verlobte ich mich. Zwei Jahre darauf stand ich vor dem Standesbeamten. Gab mein Jawort einer Frau, die ich nicht liebte!!!! Bestenfalls mochte.
Nach 18 Jahren – zehn zufriedene, acht unzufriedene – stand ich vorm Scheidungsrichter. Meine Ehe war den Bach runtergegangen.
Über Ehe und Scheidung gibt´s nichts zu berichten, was in den Rahmen dieses
Buches gehört. Nur so viel vielleicht.
Ich war treu. Ehelicher Sex war mehr oder weniger wie der bei den Nachbarn von links und rechts nebenan. Nicht aufregend, nicht langweilig. Regelmäßig getreu dem Motto „zwei Mal in der Woche macht im Jahr hundertvier. Das schadet weder ihr noch mir“.
Nach der Scheidung.
Da stand ich nun mit meinen fast 47 Jahren. Geschieden. Alleinerziehender Vater einer Tochter und eines Sohnes. Viel älter, wenig reifer geworden. Hilflos wie ein Kind, das noch an der Mutterbrust nuckelt.
Zu all dem bestrafte mich das Leben für 28 Jahre im Hotel Mama und 18 Jahren Ehe. Jahre, in denen ich alles, was nach Haushalt roch, wie die Pest mied.
Hilflos stand ich nun vor einem Berg Fragen, die genau diesen, den Haushalt betrafen. Ein Berg von der Größe, dass der Himalaja im Vergleich zu einem lächerlichen Hügel schrumpfte.
Wie funktioniert die Spülmaschine? Wie die Waschmaschine? Wie der dreimal verflixte Trockner? Wie der Elektroherd? Warum ist diese Pfanne kleiner als jene? Wozu braucht man so einen großen Topf?
Allen, wie, warum, wozu zum Trotz ließ ich den Kopf nicht hängen. Brachte mich eh nicht weiter. Von jeher mit einer lebensbejahenden Mentalität gesegnet verscheuchte ich düstere Gedanken. Blickte stattdessen einer ungewissen Zukunft positiv entgegen.
„Okay Junge“, baute ich mich auf, „du weißt nicht, was noch alles auf dich zukommt. Du weißt aber auch aus Erfahrung, dass man mit ein bisschen Grips in der Birne alles regeln kann. Du bist bald ein halbes Jahrhundert alt. Alt genug, um die Finger von den Frauen zu lassen. Bringt sowieso nichts. Konzentrier dich auf die Dinge, die dir und den Kindern ein vernünftiges Leben erleichtern“.
So aufgebaut nahm ich den ersten Punkt in Angriff. Einkaufen. Der Kühlschrank war mehr als leer. Ratzeputz leer. Selbst eine verirrte Maus wäre dort dem Hungertod preisgegeben. Einkäufe tätigen bereiten sicherlich keiner Hausfrau Probleme. Anders sah das bei mir aus. Ich stand vor einem Mammutproblem. Zum ersten Mal in meinem Leben beehrte ich einen Supermarkt mit meiner Anwesenheit.
Was sage ich? Supermarkt?
Ich stand in einem Irrgarten. Regale, so weit das Auge reichte. Gänge, die an unbekannten Zielen endeten. Oder auch nicht. Menschen, die zielsicher Einkaufswagen füllten. Verkäuferinnen, die umher hasteten und Regale füllten.
Unsicher nahm ich die lange Einkaufsliste in die Hand. Die mir unbarmherzig bewusst machte, dass mich bereits ein simpler Einkauf überforderte.
Resignation machte sich breit. All die schönen Worte, mit denen ich mich aufgebaut hatte, wurden Geschichte. Mit einem dicken, feuchten Schwamm weggewischt.
Nein, bis ich den ganzen Kram gefunden hätte, würde Weihnachten vor der Tür stehen. Immerhin war das Fest der Liebe nur noch drei Monate entfernt.
Bevor ich irgendeine Entscheidung treffen konnte, erklangen hinter meinem Rücken zwei Fragen.
„Suchen Sie etwas? Kann ich Ihnen helfen?“
Vor mir stand das Mitleid in Person. Stimme und Miene strahlten unverhüllt meinen Anblick wider. Hilflos bis zum geht nicht mehr.
„Etwas ist gut. Den ganzen Mist hier suche ich“, hielt ich einer Frau die Liste hin.
Richtig, einer Frau. Etwa 50 Jahre alt, korpulent, bieder.
Der sich nun anbahnende Verlauf endete genau mit dem, was vorerst nicht mehr sein sollte.
Maria, so der Name des hilfreichen Engels, half mir beim Einkauf. Ich bedankte mich. Lud sie zum Dank automatisch ein. Sie stimmte zu. Zwei Tage nach meiner Scheidung war damit das erste Treffen mit einer neuen Frau perfekt.
In der Zeit vor meinem ehelichen Fiasko wäre ich achtlos an ihr vorübergegangen. Bieder und korpulent war eine Kombination, die …, nun ja, die etwas für andere Männer war. Keinesfalls etwas für meinen Geschmack.
Diese Zeit war nun Geschichte. Jetzt brach eine andere Zeit an. In der Frauen, die ich früher verächtlich mit Scheintote oder Omas bezeichnet hatte, einen anderen Status erhielten. Der in die Richtung attraktiv ging.
Natürlich nicht jede Frau. Dennoch, wie früher, zu viele.
Realistisch genug, mich der Wahrheit zu stellen, gestand ich mir ein, dass auch ich nicht mehr der Mann der Vergangenheit war. Der Zahn der Zeit hatte nicht zu knapp an mir geknabbert. Diese Erkenntnis, verbunden mit dem Vorsatz, den Pfad der Tugend nicht mehr bei jeder Gelegenheit zu verlassen, führte dazu, mich fürs Einsiedlerdasein zu entscheiden. Nicht für immer. Auf jeden Fall länger als für zwei, drei Tage.
Dennoch geriet ich mit diesem ersten Treffen erneut in einen Strudel, in den ich nie mehr geraten wollte.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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