Altkleidersammlung des Chefs

Ein Männlein von geringer Größe. Großzügig geschätzt ein Meter achtundsechzig.
Dieses Gardemaß steckte in den Schuhen meines ersten Chefs bei den Ford Werken.
Wie mich das Leben inzwischen gelehrt hatte, sind kleine Männer oft mit Komplexen behaftet. Sie waren, sind und werden es zumeist bleiben – unangenehme Zeitgenossen. Ein Paradebeispiel dafür bot Herr W. Er wollte – und tat dies gründlich – die Komplexe mit seiner Chefposition kompensieren. Hinsichtlich Chef hatte ich also wieder voll daneben gegriffen.
So ziemlich vom ersten Tag an meckerte er an mir herum. Arbeitsmäßig hatte er keinen Anlass. Demzufolge konzentrierte er sich auf private Angriffspunkte.
Leider wusste ich damals nichts von der Macht des Betriebsrates. War als Frischling nicht mit den Gepflogenheiten vertraut. Ließ mir Dinge bieten, die ich später müde belächelt hätte.
Die Kampagne „mach den Plug fertig“ begann.
„Sie haben morgens so früh zu erscheinen, dass Sie vor acht Uhr Ihren Schreibtisch ausgepackt haben. Um acht beginnt Ihre Arbeitszeit. Das gleiche gilt für den Feierabend!“
Später erfuhr ich, diese Aussage war falsch. Schreibtisch ein- und auspacken zählte zurArbeitszeit.
Der nächste lachhafte Versuch.
„Gewöhnen Sie sich einen anderen Gang an! Sie gehen zu lässig“. Kleine Männer!! Komplexe bis unter die Haarspitzen.
Das Beste wartete noch.
Sofern es der Geldbeutel zuließ, folgte ich gerne dem aktuellen Modetrend. Zu jener Zeit waren Blazer in. Zum ersten Mal auf der Arbeit darin angetanzt, beorderte mich Herr W. in sein Büro.
„Was denken Sie eigentlich, welche Jahreszeit gerade ist“, begann er zusammenhanglos.
Verständnislos sah ich ihn an.
„Ich verstehe nicht, was diese Frage soll?“ brachte ich zögernd hervor.
„Meinen Sie etwa, es wäre schon Karneval. Für einen Kölner wie Sie soll das ja die fünfte Jahreszeit sein“.
„Ich verstehe immer noch nicht, was Sie mir sagen wollen“.
Was wollte der Zwerg mir vermitteln?
„Na, Sie laufen doch hier in einem Kostüm herum“, wies er auf den Blazer. „So etwas ziehen Sie hier nicht mehr an. Klar?“
‚Und das von jemandem, der regelmäßig die Altkleidersammlung durchstöbert’, war mein erster Gedanke.
Wortlos verließ ich sein Büro. Mit dickem Hals. Wie gesagt, ich war ein ahnungsloser, wehrloser Frischling. Vorerst noch.
Herr W. hatte eine hübsche Sekretärin. Obwohl verheiratet – wer mag wohl solch einem Kerl das Jawort gegeben haben? – startete er Annäherungsversuche. Die ich nur müde belächeln konnte.
Nahm die Sekretärin die Türklinke zu seinem Büro in die Hand, legte er seine Hand darüber – mit rotem Kopf.
Wortlos stellte er eine Schachtel Pralinen auf ihren Schreibtisch. – mit rotem Kopf.
Er brachte ihr Blumen mit – mit rotem Kopf.
Er machte unbeholfene Komplimente – mit rotem Kopf.
Dies alles erzählte mir die Sekretärin.
Inzwischen war auch mein Interesse an ihr geweckt worden.
Natürlich ging ich die Sache anders, sprich gekonnter, an. Wir wurden ein Paar.
Eine Tatsache, die die Gefühle meines Chefs hinsichtlich meiner Person nicht verbesserten. So hatte er mit Argusaugen wahrgenommen, dass die Sekretärin mir jeden Morgen einen kleinen Zettel in die Schreibtischschublade legte. Nettigkeiten wie „ich liebe dich“ oder „es war toll gestern Abend“ oder „ich brauche
dich“, sollten mir wohl den Arbeitsbeginn erleichtern.
Der unbekannte Inhalt der Zettel weckte Herrn W.s Neugier. Die über seinen Anstand siegte. Auf der Rückkehr von der Kantine erwischte ich ihn, wie er meine Schublade öffnete und hastig einen Zettel hervorholte. Unfassbar diese Dreistigkeit.
„Soll ich Ihnen lesen helfen?“ fragte ich ironisch.
Erschrocken knallte er die Schublade zu. Wieder mit dem obligatorischen roten Kopf ließ er den Zettel fallen.

„Werden Sie nicht frech“.
Weg war er. Nun, wo er Bescheid wusste, war Ende mit Pralinen, Blumen und Komplimenten.

Zum großen Knall, der mit der Aufforderung endete, die Abteilung zu wechseln, kam es beim Abteilungskegelabend.
Ein fehlender Stuhl auf der Kegelbahn sollte zum Auslöser werden.
„Plug, holen Sie mal einen Stuhl!“ befahl mir der Altkleiderhaufen.
Mir stieg die Galle hoch. Hörte der Idiot nie auf? Ich hatte genug.
„Erstens Herr Plug, zweitens bitte und drittens holen Sie sich ihren Scheißstuhl selbst. Wir sind hier auf der Kegelbahn und nicht im Büro. War das deutlich?“ sah ich ihn herausfordernd an.
„Warten Sie nur ab“, knurrte er verkniffen – wieder mit obligatorisch rotem Kopf.
Erstaunte Blicke der Kollegen. Sie hatten bisher nur erlebt, dass ich alle Schikanen hinnahm. Wenn auch murrend.
Die Stimmung war hin. Und ich hatte, ehrlich gesagt, Bammel vor dem nächsten Tag.
Was bedeutete „warten Sie nur ab?“
Eklig, wie er war, kam mit Sicherheit eine Menge Ärger auf mich zu. Na ja, ich war Ärger gewohnt. So schnell warf mich nichts mehr um. Übung macht eben den Meister!!
Meine Ahnung trog nicht.
Kaum hatte ich am nächsten Morgen meine Utensilien ausgepackt, klingelte das Telefon. Er, wie ich vermutete. Es war er.
„Kommen Sie in mein Büro!“
Kein bitte, keine Erwähnung meines Namens. Kurzer, militärischer Befehl. Das konnte ja gut werden. Also auf in die Höhle des Löwen.
Ohne „Guten Morgen“ oder andere Floskel legte er sofort los.
„Ihr Verhalten auf der Kegelbahn ist unentschuldbar. Ich dulde keine weitere Mitarbeit in meiner Abteilung. Sehen Sie sich kurzfristig nach einer neuen Abteilung um“.
Dann führte er noch einen weiteren Grund für den Abteilungswechsel an. Der wahrscheinlich das wirkliche Motiv gewesen war.
„Außerdem ist es laut Fordrichtlinien untragbar, dass ein liiertes Paar in derselben Abteilung beschäftigt ist. Das stört den Arbeitsfrieden! Das war’s. Und jetzt raus aus meinem Büro“.
Später, Fordrichtlinien und Gepflogenheiten verinnerlicht, stellte ich mit dickem Hals fest, alles war Humbug, was er gemacht und gesagt hatte.
Er hätte mich nicht aus der Abteilung werfen können, ohne den Betriebsrat hinzuzuziehen. Liierte Paare, ebenso wie Ehepaare, waren in fast jeder Abteilung zu finden. Er hatte damals schlicht auf meine Unwissenheit gebaut.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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