Bittere Erkenntnis

Wir trafen uns in Siegburg. Vor einem Speise- und Tanzlokal.
Das erste Treffen mit einer Frau nach der Scheidung. Ein wenig nervös sah ich dem Abend entgegen. All das, was ich früher aus dem Effeff beherrschte, lag eine Ewigkeit zurück. War teilweise sogar entfallen.
Dann trudelte Maria ein. Wer oder was war das denn da? Wo war die biedere Frau aus dem Supermarkt geblieben?
Was da strahlend auf mich zuschwebte, war alles andere als bieder. Hätte jeder gestandenen Puffmutter Konkurrenz machen können. Gelöste Haare fielen bis zum Po. Ketten, Armreife, Ringe in ungezählten Massen. Schminke zentimeterdick. Provozierende Kleidung. Die 50-jährige präsentierte sich in einem Outfit, das oberpeinlich war.
Was auch ein bekanntes Ehepaar bestätigte. Das uns zu meinem Leidwesen im Tanzlokal an ihren Tisch bat.
Bei der erstbesten Gelegenheit – Maria war auf der Toilette – musste ich mir die
vorwurfsvolle Frage gefallen lassen „Hast du so etwas nötig? Das ist doch wahrhaftig unter deinem Niveau“.
„Weiß ich. Das wird mit Sicherheit eine kurze Angelegenheit“, konnte ich soeben antworten, bevor Madame anrauschte.
Der Abend verlief leidlich gut. Maria zeigte unverhohlen, dass sie Gefallen an mir gefunden hatte.
„Du bist der erste Mann, den ich nach meiner Scheidung vor drei Jahren getroffen habe“.
Ich sehnte das Ende des Abends herbei. Der nach einer Ewigkeit endlich erreicht war. Endlich konnte ich neugierigen Blicken entrinnen. Zu peinlich war ihr Outfit.
Wie selbstverständlich bat sie mich, die Nacht bei ihr zu verbringen. Obwohl mir wahrhaftig nicht danach war, stimmte ich zu. Zögernd. Konnte mich nicht zu einem entschiedenen Nein durchringen. Hatte einfach Mitleid mit einer Frau, die drei Jahre nach ihrer Scheidung in mir einen Hoffnungsstreif am Horizont sah.
Die Zustimmung erteilte ich allerdings mit Einschränkung.
„Die ganze Nacht auf keinen Fall. Ich habe mir fest vorgenommen, dass meine Kinder morgens nie ein leeres Haus vorfinden. Sie sollen sich auf ihren Vater verlassen können. Ich will jederzeit für sie erreichbar sein“.
Nach sexueller Betätigung war ich um vier Uhr nachts wieder zurück. Aber was war das für ein Sex? Bin sogar unsicher, ob die Bezeichnung Sex zutreffend ist.
Wie eine Ertrinkende, wie nach Sex hungernd, fiel sie über mich her. Kein Kuss, keine Zärtlichkeit, kein stimulierendes Vorspiel. Maria steuerte ohne Umweg, ohne Zeitverschwendung auf die Vereinigung zu. Da wir beide annähernd in der gleichen Gewichtsklasse kämpften, befürchtete ich tatsächlich, nicht ungeschoren aus den Fängen der Bestie zu entkommen.
Trotz allem vermittelte mir der Sex mit ihr zwei neue, bittere Erkenntnisse. Ich war schneller wieder dort gelandet, wo ich vorerst nicht sein wollte. Ich machte dort weiter, wo ich vor der Ehe aufgehört hatte. Darüber hinaus musste ich mich mit der Tatsache abfinden, dass die Zeit der jugendlich straffen Körper vorüber war. In Zukunft warteten Orangenhaut, erschlaffte Busen und Pobacken. Dass dies alles von der unbarmherzigen Mutter Natur so gewollt, war ein schwacher Trost.
Selbst nicht mehr der Mann meiner Jugendzeit konnte ich mich trotzdem schwerlich mit dieser Tatsache anfreunden. Glücklicherweise trafen meine Befürchtungen einige Male nicht zu.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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