Blutentnahme

Arzttermin. Alarmierende Darmsignale. Zwei Tatsachen, die an und für sich nichts
Peinliches bewirken können.
Kritischer wird es, wenn hinter dem Arzttermin Blutentnahme steht. Wenn dann noch aufgrund Zeitnot die Darmsignale auf später vertröstet werden, heißt es höchste Alarmstufe.
All dies verschaffte mir eine Erfahrung, auf die ich leichten Herzens verzichtet hätte.
Der Reihe nach.
An jenem unglückseligen Tag rumorte es verdächtig in meiner Darmregion. Zwei
Besuche auf der Keramikschüssel wurden bereits ergebnislos abgebrochen. Sogar der Verdauungsglimmstängel versagte die übliche Hilfe.
Blick auf die Armbanduhr. Verdammt. In 15 Minuten war mein Auftritt beim Arzt fällig. Blut abzapfen stand auf dem Programm. Mein Blut.
Erneutes Rumoren, verbunden mit Überdruck, trieb mich im Galopp zum dritten Mal aufs Keramik.
„Endlich. Wurde auch langsam Zeit“, jubelte ich auf dem Weg ins Bad.
Pfft, pfft. Leere Luft. Noch 10 Minuten Zeit, bis mein Arm als Zapfsäule missbraucht werden sollte.
„Okay, alter Freund“, informierte ich mein Spiegelbild, „dann muss das Zeug drin bleiben, bis ich zurück bin“.
In der Praxis.
„Machen Sie bitte Ihren Arm frei“, stand die junge Sprechstundenhilfe vor mir. Ausgerüstet mit einer Spritze.
„Das wird aber nicht leicht werden“, blickte die Sprechstundenhilfe unsicher auf den entblößten Arm. „Ihre Venen sind ja kaum zu sehen“.
„Ja, ja, das habe ich schon häufig gehört“, bestätigte ich ihre fundierte Aussage.
Bis zu diesem Zeitpunkt zählte ich zu der heldenhaften Kategorie Mann, für die der Einstich der Spritze ein Pieks war. Nicht mehr und nicht weniger.
Das sollte sich ändern. Gründlich ändern.
„Ach, daneben“, schlug Zapfversuch Nummer eins fehl.
„Leider wieder nicht getroffen“, verfehlte Versuch Nummer zwei meine unschuldige Vene.
Nummer drei bis fünf verfolgte ich noch mäßig interessiert. Bei Nummer sechs zogen Nebelschwaden vor meinen Augen auf. Spritze und Hand der Sprechstundenhilfe verschwommen zu einem undefinierbaren Etwas.
„Ich glaube, ich hole lieber den Doktor. Soll der mal sein Glück versuchen“, waren die letzten Worte, die unklar meine Ohren erreichten.
Danach schickte mich eine gnädige Ohnmacht in eine andere Welt. Wo es keine Spritzen gab, die aus Armen Siebe machten. In der es aber eine Keramikschüssel gab. Auf der man sich nach Herzenslust in aller Gemütsruhe entleeren konnte. Was ich auch ausgiebig tat.
„Aufwachen, bitte aufwachen“, riss mich eine männliche Stimme unbarmherzig von der Schüssel runter.
Zurück in der rauen Wirklichkeit. Ratlos wanderten meine Augen umher. Wieso lag ich auf einer Liege? Vorhin saß ich doch noch auf einem viel zu harten Stuhl. Warum stierte der Mann im weißen Kittel mit besorgter Miene in mein Gesicht?
„Was ist denn los? Was ist mit mir geschehen?“ nuschelte ich fragend.
„Sie sind ohnmächtig geworden. Deshalb haben wir Sie vorsichtshalber auf die Liege befördert“.
„Ohnmächtig? Ich? Aus welchem Grund. Das kann unmöglich sein“, weigerte ich mich, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.
An diesem Punkt hatte ich die Ohnmacht mit allem Drum und Dran überwunden. Und kehrte vor Schreck beinahe dorthin zurück. Das angenehme Gefühl in meinem Rücken – weich und warm – hatte ich der komfortablen Liege zugeschrieben. Jetzt, wieder bei klarem Verstand, wäre ich vor Scham am liebsten in ein Mauseloch verschwunden.
Ich lag in meiner eigenen Scheiße!!!! Die sich dank Liegeposition auf dem ganzen Rücken verteilt hatte.
Vorsichtig linste ich in jedes Gesicht im Raum. Forschte nach Schadenfreude. Oder etwas in dieser Richtung. Bei der Ladung, die ich mit in die Praxis geschleppt hatte, war wohl nichts ohne Begleitmusik abgelaufen. Peinlich, peinlich.
„Ich empfehle Ihnen, noch einige Minuten liegen zu bleiben. Dann dürfte Ihr Kreislauf wieder normal sein“, verschwand der Arzt im Behandlungszimmer.
Einige Minuten? Ich war bereits jetzt von einer Duftwolke umhüllt. Die stark an einen Tigerkäfig erinnerte.
Bevor Widerspruch ertönen konnte, war ich mit Worten „Ich muss dringend weg“ auf der Flucht. Rein ins Auto. Mit durchdrehenden Reifen abbrausen. Heimatliche Gefilde ansteuern.
Geschwindigkeitsbegrenzung? Gab es in dieser Situation für mich nicht. Rein ins Bad. Klamotten mit spitzen Fingern – „Pfui, das ist ja die reinste Sauerei“ – wegschleudern. Im Spiegel bewundern, was einst ein gepflegter Rücken gewesen war.
„Das hättest du wohl nicht gedacht“, sprach ich mangels Anwesender zum Spiegelbild, „als du vorhin losgefahren bist“.
Eine braune Schicht, die bereits hart wurde, bedeckte meine Rückfront. Völlig. Von oben bis unten. Von unten bis oben. Von links bis rechts. Von rechts bis links.
Das, was mir jetzt half, hatte ich bisher gedankenlos als etwas Selbstverständliches angesehen. Eine Dusche.
Nie zuvor habe ich diese Errungenschaft der Zivilisation gepriesen. Anders an diesem Tag. Endlose Loblieder auf den mir unbekannten Erfinder lenkten vom Ekel ab, der beim Abschaben der breiigen Masse aufzog.
Mit zeitlichem Abstand zu dem Missgeschick gab ich die Story im Freundeskreis zum Besten. Die lange Zeit Lacherfolge erzielte. Apropos Spritze.
Das Martyrium Spritze mit sechs Fehlversuchen hinterließ Spuren. Ich wechselte ruhigen Gewissens in den Kreis derer, die in Spritzen Mordinstrumente sahen.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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