Camillo

Nein, Camillo war keine Frau. Sein Name steht stellvertretend für eine Zeit in meinem Leben, in der ich den Glauben an das weibliche Geschlecht total verlor.
Zum ersten Mal begegneten wir uns in einer Tanzschule. Erkannten gemeinsame Inte- ressen und freundeten uns an. Er führte mich in seinen Kreis ein. Ein Kreis, der absolut nicht meiner Mentalität entsprach. Keiner der Jungs nannte sich bei bürgerlichem Namen. Jeder hatte sich einen Künstlernamen zugelegt. Othello, Prinz, Meister oder ähnliche Idiotien.
Der große Mädchenkreis, der bei ihnen verkehrte, ließ mich verbleiben. Zu jener
Zeit behielten die Hormone zumeist noch die Oberhand über meine Vernunft. So veranstalteten Camillo und Genossen regelmäßig Partys mit unterschiedlichstem Motto.
Wie zum Beispiel Bikini- oder Pyjamaparty.
Dem Motto folgend mussten die
Partyteilnehmer entsprechend gekleidet erscheinen. Der Grund für die spärliche Bekleidung war sowohl Männlein wie auch Weiblein bewusst. Sex. Schnellen Sex. Mit wechselnden Partnern. Häufig lief das sogar fast wortlos ab.
Ein Blick von ihm zu ihr – oder umgekehrt – eine kurze Frage. „Du? Okay?“
Ein Nicken. Schon war alles klar. War der für diesen Zweck vorgesehene Raum belegt, egal. Dann eben in dem Raum, wo sich alle aufhielten. In irgendeiner Ecke.
Niemand nahm Notiz davon. Allen war diese Praxis geläufig. Mir als Neuling verständlicherweise nicht. Fasziniert, mit großen Augen nahm ich alles wahr. Mädchen, die wahllos jedem willig waren. Zum Teil vor aller Augen. Ich konnte es nicht fassen. Ich war im Paradies. Sexy Girls ohne Ende. Aufregende Körper, die nicht verweigert wurden. Gab es das wirklich?
Camillo trat zu mir. Seine offene Hose zuknöpfend.
„Na, was sagst du? Gefällt es dir? Warum stehst du noch hier rum? Such dir eine, und bums sie. Keine Hemmungen, die sagen alle ja“.
Ohne seine Frage zu beantworten, folgte ich der Aufforderung. Eine hübsche Rothaarige hatte meine Aufmerksamkeit gewonnen. So setzte ich mich zu ihr. Bevor ich etwas sagen konnte, fragte sie unverblümt „Willst du mich?“
Das war es zwar, was ich wollte. Eine weniger direkte Frage wäre mir angenehmer gewesen. Sie schaute zu dem ominösen Raum, sah die offene Tür.
„Wir haben Glück, der Raum ist frei“.
„Fein“, war das erste Wort, das ich bis dahin vorbrachte.
Sie stand auf. Ich folgte. Wir betraten den Raum, musterten das zerwühlte Bett. Ein Bett, in dem die Rothaarige sich schon befand.
„Du bist neu“.
Keine Frage, eine Feststellung.
„Wie kommst du darauf?“, hoffte ich, eine Unterredung beginnen zu können.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen. Doch egal, komm. Irgendwie gefällt mir deine Schüchternheit“, deutete sie mein Zögern richtig.
Schnell hatte ich mich den Gepflogenheiten angepasst. Unzählig oft frequentierte ich den ominösen Raum. In der Zeit, die ich in dem sündigen Kreis verbrachte, fanden häufig Partys statt. Alle liefen nach dem gleichen Muster ab.
Was auf keiner Party fehlen durfte, war das Spiel ‚Bananen-Otto‟.
Kein Spiel im herkömmlichen Sinne wurde es zu vorgeschrittener Stunde auf jeder
Party lauthals verlangt und durchgezogen. Als ich zum ersten Mal Zeuge dieses Spiels wurde, konnte und wollte ich nicht glauben, was sich vor mir meinen Augen abspielte. Selbst zu jener Zeit, als ich den moralischen Tiefpunkt in meinem Leben erreicht hatte, spürte ich Mitleid mit der jeweiligen Hauptdarstellerin.
Das Spiel – vielleicht ist Schauspiel die treffendere Bezeichnung – lief wie folgt ab.
Ein leerer Bierkasten wurde in die Mitte eines Tisches platziert. Ein vereinbarter Geldbetrag wanderte nun aus den Geldbörsen in die leeren Fächer des Bierkastens. Mit dem finanziellen Einsatz hatte man sich für die Teilnahme qualifiziert. Waren alle Fächer mit Einsätzen belegt, fiel unter Grölen, Zurufen und unflätigen Anfeuerungen der Startschuss.
Eine nackte Frau stellte sich mit weit gespreizten Beinen über den Bierkasten. Der Spielleiter nahm eine Banane in die Hand. Schob sie der nackten Frau dort rein, wo im Normalfall anderes reingeschoben wird. Ein kräftiger Klaps auf den Po der Frau war für diese das Signal, die Banane fallen zu lassen.
Gebannt verfolgten die Teilnehmer den Fall der Banane. Jeder einzelne in der Hoffnung, dass der Fall in dem Fach enden würde, wo sein Einsatz platziert war. Der Rest erklärt sich von selbst. Gewinner des ganzen Geldes wurde der Glückliche, in dessen Fach die Südfrucht gelandet war.
War ich schon ungläubiger Zeuge des Bananenspiels geworden, so wurde ein
anderer Wettstreit zur absoluten Krönung. Jeder brave Mitbürger hätte entsetzt das Weite gesucht. Nicht so die Partyteilnehmer. Irgendein krankes Gehirn muss sich das ausgedacht haben, was begeistert angenommen und auch ausgeführt wurde.
Per Los wurde ein männlicher und weiblicher Partyteilnehmer festgelegt. Das willkürlich ermittelte Paar legte sich nackt auf den Tisch. Umringt von Partygästen. Jetzt wurde gewettet, wie oft der männliche Teil nach Einführen seines besten Stückes das Auf und Ab schaffen würde. Ein Schiedsrichter zählte laut bis zum Ende mit. Das Ende war dann erreicht, sobald er oder sie zum Höhepunkt gelangten.
Ich war nun wahrlich kein Moralapostel. Aber was da alles ablief, war einfach zu viel. Nicht nur die geschilderten ???? – ich weiß nicht, wie ich sie treffend bezeichnen soll – auch die unbegreifliche Selbstverständlichkeit, mit der es zum Akt kam, war nicht meine Welt.
Gefühlsmäßig nahm ich Abstand. Entfernte mich aus einer Welt, die nicht meine Welt war. Ich wollte zurück in mein altes Leben. Mir fehlten die reizvollen Schritte der Verführung. Ich wollte wieder mit Reden und Komplimenten ans Ziel gelangen. Ich wollte wieder ein ausgiebiges Vorspiel. Wollte wieder einen Orgasmus bereiten. Wollte wieder dankbare Blicke sehen.
Und besonders wollte ich – zu meinem eigenen Erstaunen – Zwischenmenschlichkeit. Ich wollte in Frauen wieder Frauen sehen können. Nicht nur Sexobjekte.
Aber vor allem wollte ich raus. Raus aus diesem Kreis. Das war nicht meine Welt. Das war nicht mein Denken. Wie gesagt, ich war nie ein Moralprediger gewesen. Doch die hier vorherrschende Moral war überhaupt keine Moral.
Ich sprach mit Camillo über meine Gedanken. Verständnislos hörte er zu.
„Was willst du denn? Es läuft doch sowieso immer alles auf das raus, was du bei uns leicht und reichlich bekommen kannst.“
Er wollte oder konnte mich nicht verstehen.
„Versprich mir, noch zwei, drei Partys abzuwarten. Ich glaube fest, dass du dann
alles so siehst wie ich“, nahm er mir ein Versprechen ab.
Zweifelnd stimmte ich zu. Obwohl schon jetzt von meinem richtigen Entschluss überzeugt. Das kommende Ereignis gab den endgültigen Ausschlag, in mein altes Leben zurückzukehren.
Zu fünft verabredet. Othello, Prinz, Meister, Camillo und ich. Unschlüssig, was wir unternehmen sollten, rückte Othello mit einem Vorschlag raus. Der durchaus vor einem strengen Richter hätte landen können.
„Ich kenne da ein Mädel, von der hätten wir alle was. Ein Freund von mir hat in Frechen ein Haus. Er ist in Urlaub und hat mir erlaubt, das Haus zu benutzen. Wir holen die Mutter jetzt ab, fahren nach Frechen und haben Spaß“.
In dieser Reihenfolge geschah es. Am Haus des Freundes angekommen, trafen wir auf das erste Hindernis. Abgeschlossen. Othello hatte keinen Schlüssel. Ohne Zögern schlug er eine Scheibe ein und öffnete das Fenster.
„Ich darf das“, baute er eventuellen Fragen vor.
Wir stiegen durch das aufgebrochene Fenster ins Haus. Othello suchte das Schlafzimmer. Nachdem er fündig wurde, rief er uns.
Im Schlafzimmer begann, was ich nie vergaß – und es wohl auch nie werde. Vier junge Männer zogen sich schweigend aus. Das weibliche Wesen tat es ihnen gleich.
So weit, so gut.
Sie wusste offenbar bestens, was nun abgehen sollte. Sie legte sich rücklings aufs Bett. Und ich – immer noch angezogen – bekam Gelegenheit nie Gesehenes bestaunen zu müssen. Müssen, nicht dürfen. Die Akteure übertrafen jeden Hardcore Porno. Das weibliche Wesen – das Wort Frau vermeide ich absichtlich – bediente vier Kerle gleichzeitig.
Nummer eins lag auf ihr. Nummer zwei und drei, standen links und rechts neben dem Bett. Wurden von eifrigen Händen bereitgehalten, Nummer eins abzulösen. Nummer vier wurde oral verwöhnt.
Ein Anblick, den ich so nicht länger ertragen wollte. Das ging über mein Fassungsvermögen. Angeekelt verließ ich den Raum. Bevor ich die Tür schloss, hörte ich noch „Du bist gleich dran“.
Nicht für Geld und gute Worte wäre ich tätig geworden. Im Schlamm eines Vorgängers wühlen? Nein, nicht mit mir.
Zum Glück für alle startete ich aus Langeweile eine Hausbesichtigung. Dabei gelangte ich in die Nähe der Haustür. Erschrocken belauschte ich zwei Frauen, die sich außen vor der Tür befanden.
„Habe ich doch richtig gehört. Das Fenster ist aufgebrochen. Da sind Einbrecher im Haus. Wir verständigen sofort die Polizei“.
Glücklicherweise existierten in jenen Jahren Handys noch in den Köpfen kluger Erfinder. Die Frauen hatten somit noch den Weg bis zum nächsten Telefon zu bewältigen. Unheil ahnend rannte ich ins Schlafzimmer.

Aufgeregt fuhr ich auf Othello los.
„Dürfen wir wirklich hier sein? Draußen stehen zwei Frauen, die die Polizei alarmieren wollen. Sie haben die zerbrochene Fensterscheibe entdeckt“.
Nie kleidete sich jemand schneller an. Das letzte Wort war noch nicht verklungen, da sprang Othello schon von der menschlichen Matratze runter.
„Wir müssen raus hier“, brüllte er und warf sich in seine Kleidung.
Mit dem Notwendigsten bekleidet, den Rest unter den Armen, stürmten die Pornodarsteller halb nackt zu den Fahrzeugen. Der einzige, der sich in der Öffentlichkeit blicken lassen konnte, war meine Wenigkeit. Ohne einen Ordnungshüter zu sehen, war Aufatmen angesagt.
Dieser Abend gab den Ausschlag.
Ich zog mich zurück. Froh, dem Albtraum entronnen zu sein, purzelten Felsbrocken von meiner reinen Seele. Neue, vor allem andere, Abenteuer warteten auf mich. Später habe ich mich oft über meine Naivität gewundert. Nichts hatte ich hinterfragt. Alles hatte ich akzeptiert, was ganz offensichtlich diffus gewesen war. Wieso hatte Othello keinen Schlüssel, wenn er angeblich das Haus benutzen durfte? Wer erlaubt schon, dass ein Fenster eingeschlagen wird? Wieso musste er das Schlafzimmer suchen? Angeblich war es doch das Haus seines Freundes.
Mir wurde bewusst, es war schlicht ein Einbruch gewesen. Der zumindest nicht für mich ohne Folgen geblieben wäre. Ich glaube nicht, dass mein Arbeitgeber einen vorbestraften Einbrecher weiterhin beschäftigt hätte.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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