Die Welt mit den Augen eines Hundes

Das ist eine Leseprobe aus “Die Welt mit den Augen eines Hundes“

Zwei Wochen später.
Halleluja, ich kann seit ein paar Tagen sehen. Nicht nur das. Ich habe inzwischen viel gelernt. Mein Lehrmeister, die kluge Mama, hat mich derart mit Informationen vollgestopft, dass ich völlig verwirrt bin. Das ging so weit, dass ich anfangs sehr viel verwechselt habe.
Ich versuche einfach mal an dieser Stelle zu berichten, was die Mama mich alles gelehrt hatte.
„Hör gut zu, mein Sohn“, hat die Mama gesagt, „du bist ein Hund, der zu der vornehmen Familie der Golden Retriever zählt. Wenn du groß geworden bist, wirst du ein schöner Hund mit langem, glänzenden Fell sein.
Du wirst dich vielleicht schon gefragt haben, was das für komische Hunde sind, die hier auf zwei Beinen herumlaufen. Nein, mein Sohn, das sind keine Hunde. Das sind Menschen.
Wie mir andere Hunde berichtet haben, soll es böse und liebe Menschen geben. Da ich nur die beiden kenne, die hier herumlaufen, kann ich mir kein Urteil erlauben, ob das stimmt. Auf jeden Fall gehören unsere Menschen zu den lieben.
So mein Sohn, jetzt sage ich dir noch, wie dein richtiger Name ist. Damit soll es für heute auch genug sein. Verarbeite erstmal in deinem süßen Köpfchen, was die Mama dir erzählt hat. Falls du dann Fragen hast, kann ich dir immer noch weiterhelfen.
Ach ja, hab fast vergessen, dir deinen Namen zu sagen. Dein vollständiger Name lautet Vinicius von der Traubenfurche an der Quelle. Ich werde dich aber nur Vini nennen. Frag mich nicht warum. Einfach nur so“.
Klar, mit vielem, was die Mama mir erzählt hatte, konnte ich nichts anfangen. Konnte das aber so nach und nach klären.
Was ich überhaupt nicht verstand, war, dass es noch andere Hunde als Golden Retriever geben soll. Inzwischen habe ich erfahren, dass es Dackel, Schäferhunde, Pudel, Bassets und …, schade, die anderen Namen habe ich schon wieder vergessen.
Zum Glück weiß ich aber noch genau, wie die Mama gesagt hat, „alle anderen Hunde sind nicht so hübsch wie Golden Retriever“. Da war ich so stolz, dass ich gar nicht wusste, was ich sagen sollte.
Ein bisschen Angst macht mir der Hinweis, dass die anderen Hunde manchmal gefährlich sein sollen. Besonders die, die, die, die …, verflixt, jetzt habe ich auch diese Namen vergessen.
Was die Menschen angeht, bin ich mittlerweile auch klüger geworden. Genau wie bei uns Hunden soll es auch böse und liebe Menschen geben. Allerdings hat die Mama mir noch nicht verraten, woran man böse Menschen erkennt.
„Wenn du Glück hast, wirst du nie einen bösen Menschen kennenlernen“, hat die Mama gesagt und dabei so eigenartig geschnüffelt.
„Das versteh ich nicht, Mama. Du hast doch gesagt, dass unsere Menschen hier lieb sind. Wieso soll ich dann andere Menschen kennenlernen? Bleiben wir denn nicht immer hier?“
Muss wohl eine dumme Frage von mir gewesen sein. Anstatt mir zu antworten, kullerten dicke Tränen aus Mamas Augen.
„Bist du traurig, Mama?“ forschte ich sofort nach.
„Nein, mein Kleiner. Der Mama ist irgendetwas ins Auge geflogen“, hat sie so leise geflüstert, dass ich es kaum hören konnte.
Ach ja, hätte ich fast vergessen.
Die Mama hat mir auch die Namen meiner Brüder und meiner Schwester genannt. Bei der Gelegenheit habe ich auch erfahren, dass die Menschen Hunde, wie meine Brüder und ich es sind, Rüden nennen. Und meine doofe Schwester soll eine Hündin sein.
„Dann bist du bestimmt auch ein Rüde“, verblüffte ich die Mama mit einer logischen Schlussfolgerung.
„Wie kommst du denn auf diese Idee, kleiner Vini?“
„Na, das liegt doch auf der Hand“, trumpfte ich auf, „wenn meine Schwester eine Hündin sein soll, dann kannst du doch unmöglich auch eine sein. Schwesterchen ist schließlich ganz anders als du. Sie ist zickig, doof und überhaupt …, du weißt schon, was ich sagen will“.
Tja, dann musste ich eine Riesenenttäuschung verdauen. Mama bestand darauf, dass sie eine Hündin sei. Warum eigentlich?
Als ich dann bettelte, „Wenn du eine Hündin bist, will ich auch eine Hündin sein. Bitte, bitte, liebste Mama“, musste sie so viel lachen, dass sie am Ende nach Luft japste.
Eines weiß ich jetzt schon: In der Angelegenheit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Irgendwann habe ich die Mama weich geklopft. Und dann bin ich auch eine Hündin.
Übrigens, die Namen meiner Geschwister klingen ähnlich verrückt wie Vinicius. Darum habe ich auch gar nicht erst versucht, mir die Namen zu merken. Kann ich später immer noch nachholen. Dann, wenn ich so schlau wie meine Mama bin.
Bis es soweit ist, sage ich einfach Schwesterchen, Bruder Nummer eins, Bruder Nummer zwei und Bruder Nummer drei.
Ganz schön clever. Oder???

Format: Kindle Edition

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Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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