Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben

Auf Janni folgte nach gebührend langer Trauerphase Bärbel. Zwei, drei Fehlgriffe im Verlauf der Trauerphase überzeugten mich, dass in Germany kein annähernd süßes Meisje wie Janni zu finden sei. Immer wieder zogen Bilder mit Janni vor meinen Augen auf. Grund genug, dass die Fehlgriffe nie von langer Dauer waren. Dennoch war die Zeit mit ihnen keine verlorene Zeit. Ich hatte gelernt, wie und wann Komplimente angebracht waren. Ein erklecklicher Vorrat an Witzen und Anekdoten brach bei Bedarf das Eis. Ich war sozusagen auf Abruf in der Lage, zum Entertainer zu mutieren.
Ja, und dann sah ich sie. Sah Bärbel. Wir verdienten beim selben Arbeitgeber, der Deutschen Bank, unsere Brötchen. Sie als Bankkauffrau. Ich als Lehrling. Das zierliche, attraktive Modepüppchen kreuzte zur Arbeit im eigenen Porsche auf!! Ich mit der guten, alten Straßenbahn.

Auf meterhohen Absätzen stöckelte sie, den süßen Po schwenkend, durch die Büros. Geschlechtsreife Männer hechelten bei ihrem Anblick. Ob jung, ob alt. Sich ihrer Wirkung bewusst, lächelte sie nur. Natürlich war sie auch mir aufgefallen. Und ebenso natürlich gefiel sie mir. Doch immer schon störte mich das Getue von Vertretern des weiblichen Geschlechts, die sich ihrer Wirkung bewusst sind. Überheblich und arrogant ist meist die Folge. Nicht immer, doch immer öfter. Dennoch ließ ich mich nicht abschrecken. Versuchte selbstbewusst mein Glück. Die Gelegenheit ergab sich, nachdem ich als Lehrling einen Einblick in ihre Arbeit gewinnen und ihr dabei zur Hand gehen sollte. Gehaltsabrechnungen. Natürlich erhielt sie als Bankkauffrau ein Mehrfaches als der kleine Lehrling. Das war der ideale Ansatzpunkt.
„Ich verrichtete den Großteil Ihrer Arbeit, und Sie bekommen das dicke Gehalt“, fing ich scherzend an.
„Jeder bekommt, was er verdient“, konterte sie kühl.
„Sie könnten mich zur Entschädigung auf ein Eis einladen. Nach der Arbeit“, schlug ich kess vor.
Sie überlegte kurz. Musterte mich herablassend.
„Warum nicht?“
So landeten wir in einer Eisdiele. Nun wurde der Entertainer aus der Kiste geholt. Der lässig sein Programm abspulte. Komplimente und Witze wechselten in berechnender Folge. Die Eisbecher waren geleert. Es ging ans Bezahlen.
„Geben Sie mir das Geld“, verlangte ich, „es sieht besser aus, wenn der Mann bezahlt“. Ungläubig starrte sie auf meine ausgestreckte Hand.
„Sie wollen wahrhaftig Geld von mir, um bezahlen zu können?“
„Klar. Sie haben mich doch eingeladen. Wer einlädt, der zahlt. So jedenfalls läuft das in meinen Kreisen“, klärte ich sie ernst auf.
Kopfschüttelnd kramte sie das Geld aus ihrem Portemonnaie. Warf mir herablassend ein Schein hin.
„So etwas habe ich noch nie erlebt“, murmelte sie verärgert.
„Darf ich von Ihrem Geld auch Trinkgeld geben?“
„Wenn Sie möchten. Tun Sie sich keinen Zwang an“, zischte sie giftig.
Pure Provokation verleitete mich, die Rechnung mit einem üppigen Trinkgeld zu begleichen. Auf dem Weg zum Parkplatz brachte ich das Gespräch auf die Einladung.
„Ich habe Sie nicht ohne Hintergedanken zu der Einladung animiert. Ich will ehrlich sein und sage es direkt und offen. Ich möchte Sie näher kennenlernen. Sie gefallen mir. So einfach ist das“.
Abwartend blickte ich sie an. Bewusst war ich direkt und offen gewesen. Schleimer kannte sie sicherlich zur Genüge. Herablassend musterte sie mich. Überlegte.
„Finden Sie Ihr Vorgehen etwa Erfolg versprechend? Haben Sie so Ihre bisherigen Freundinnen rumgekriegt?“
„Geben Sie mir die Chance, mich für Ihre Einladung zu revanchieren“, ignorierte ich die Frage nach meinen Verflossenen. „Sie werden mich dann von einer anderen Seite erleben. Ich kann und werde sehr nett sein. Ich habe viele liebenswerte Eigenschaften. Finden Sie die heraus und bilden sich dann ein Urteil.
Sie werden überrascht sein. Ich bin zwar kein Sechser im Lotto, aber auf jeden Fall ein Fünfer mit Zusatzzahl“, pries ich mich lachend an.
„Eines erkenne ich jetzt schon. Bescheiden sind Sie nicht!“ erhellte sich ihre Miene. Immerhin. Für den Anfang gar nicht übel.
„Treffen wir uns doch am Samstag. Wir gehen essen, anschließend tanzen. Ich verspreche Ihnen einen netten Abend. Nur ja müssen Sie noch sagen“.
Bärbel sagte ja. Wie versprochen suchten wir ein Tanzlokal auf. Dort ging alles überraschend schnell. Wir besiegelten das Du mit einem Kuss, der über den üblichen Du–Kuss hinausging. Er war heiß und innig. Wir tanzten eng umschlungen. Sehr eng. Sie presste ihren Körper fest an mich. Wie sie mir später gestand, spürte sie dabei meine Erregung. Den ganzen Abend über war ich nicht nur ein perfekter Entertainer. Auch der Gentleman wurde aus der Versenkung geholt. Mit allem, was dazugehörte. Tür aufhalten, Mantel abnehmen. Wein nachfüllen, Stuhl zurechtrücken. Als dann noch ein Rosenverkäufer im Lokal die Runde machte, wurde die Sache perfekt. Ich kaufte eine einzelne Rose und überreichte sie ihr.
„Ich weiß, eine einzelne Rose ist das Zeichen der Liebe. Und bitte lache nicht, wenn ich jetzt sage, dass der heutige Abend mich verzaubert hat. Ich würde übertreiben, wenn ich gestehe, dich zu lieben. Aber ein undefinierbares Gefühl, das ich bisher nicht kannte, empfinde ich schon. Vielleicht wird Liebe daraus“.
Mit großen Augen sah ich sie ernst an. Versuchte mit treuem Dackelblick, Eindruck zu schinden.Gespannt wartete ich auf ihre Reaktion. Hatte sie mein Geständnis beeindruckt? Das ganze Gerede war zwar überwiegend nur Schau. Doch ein Körnchen Wahrheit war schon dabei.
Sie gefiel mir wirklich. Sie hatte ein süßes Lachen. Gespräche bewegten sich auf einem angenehmen Niveau. Zu keiner Minute kam Langeweile auf. Endlich erwiderte sie etwas auf meine lange Rede.
„Wenn du so offen zu mir sprichst, will ich auch offen sein. Zuerst einmal muss ich gestehen, dass ich mich sehr in dir getäuscht habe. Du bist wirklich ein netter Kerl. Du bist aufmerksam, lustig und klug. Unterhaltungen mit dir machen Spaß. Wenn ich an den unverschämten Kerl in der Eisdiele denke! Na, ja. Da sitzt jetzt hier ein völlig anderer Mensch. Gleichgültig bist du mir schon nach diesem Abend nicht mehr. Wenn wir uns länger kennen, könnte wirklich etwas aus uns werden. Sollen wir es versuchen? Übrigens, küssen kannst du auch nicht übel“, endete sie feixend.
Der Abend neigte sich zu Ende. Da ich ihr offenbart hatte, kein eigenes Fahrzeug zu besitzen, kam ich zum ersten Mal in den Genuss, in einem Porsche Platz zu nehmen. Wow. Was für ein Gefährt. Ich wusste nicht, ob es an dem Porsche, dem netten Abend oder an Bärbel lag. Jedenfalls fühlte ich mich pudelwohl.
‚Daran könntest du dich gewöhnen, Junge. Eine schicke Puppe, eine tolle Karre. Was will Mamas Lieblingssohn noch mehr‘, ging mir durch den Kopf.
Auf der Heimfahrt bat ich sie, in einer Grünanlage zu parken.
„Wir müssen den schönen Abend doch gebührend beenden“, sagte ich mit unbewegter Miene.
„Selbstverständlich“, stimmte sie ernst zu.
Nachdem sie abgelegen geparkt hatte, nahm ich sie in meine Arme. Rief mir all das ins Gedächtnis, was Frauen schwach werden lässt. Zärtlich verführen. Keine direkten Küsse. Nein, langsames Vorgehen war angesagt. Gehauchte Küsse auf die Augen, auf die Nasenspitze. Kurzes Berühren der Lippen. Wieder auf die Augen. Knabbern an den Ohrläppchen. Wieder kurzes Berühren der Lippen. Wirres Zeug stammeln. Schwer atmen. Erregung demonstrieren. Alles bedächtig langsam und in Ruhe. Mehr oder weniger in dieser Reihenfolge führte bei Bärbel dazu, dass sie mit geschlossenen Augen die Liebkosungen genoss. Und bald schon willig lockend die Lippen öffnete. Klar, dass ich gar nicht erst versuchte, der Lockung Widerstand zu leisten. Die Intensität des Kusses signalisierte, dass sie bereits sehr erregt war. Nun streifte ich ihre langen Haare zurück.
Widmete mich der erogenen Halszone. Während die Zunge diese Zone verwöhnte, wanderte meine Hand zum Busen. Bärbel erhob keinen Protest. Also weiter. Geschickt – nicht mehr mit zitternden Fingern wie vor Jahren – knöpfte ich die Bluse auf. Inzwischen meldeten sich lautstark meine Hormone. Feuerten mich zu mehr an. Bärbel, die heftig stöhnte, schien kurz vorm Orgasmus zu stehen. So blieb ich noch in der oberen, sehr reizvollen Region. Gekonnt umspielte meine Zunge ihren Busen. Und wirklich, ich hatte mich nicht getäuscht, sie bekam einen Orgasmus. Jetzt schon? dachte ich erstaunt. War sie so leicht zu erregen?
Ich hatte vermutet, sie hätte schon etliches erlebt. So wie sie auftrat, musste sie doch schon einige Jungs verschlissen haben. Na ja. Erst als ich begann, ihre Jeans aufzuknüpfen, hielt sie meine Hand fest.
„Nicht“, flüsterte sie, „ich bin noch Jungfrau“.
Verschämt blickte sie mir in die Augen. So ein Mist! Noch Jungfrau. Wieder das Theater mit der Jungfernhaut. Was bei vielen Männern Freude hervorruft, verursachte bei mir Ärger. Den ich natürlich nicht zeigen durfte.
„Entschuldige, dass ich so weit gegangen bin. Du hast mich so verrückt gemacht, ich wusste nicht mehr, was ich tue. Ist ja auch kein Wunder. Schließlich bist du das aufregendste Mädchen, das ich je in meinen Armen hielt“, besänftigte ich sie. Die Sache mit der Unschuld wollte ich dennoch geklärt haben.
„Wäre es denn schlimm, wenn du deine Unschuld verlierst. Bei mir. Natürlich erst, wenn wir uns länger und besser kennen?“ fragte ich direkt und unverblümt.
„Nein, das wäre nicht schlimm. Und du könntest auch der Richtige sein. Hoffe ich“, flüsterte sie kaum hörbar.
„Glaube mir, meine Süße, ich werde dich nicht dazu drängen. Ich kann warten. Ich genieße deine Gegenwart auch so“.
Wieder nur leere Worte. In der Art, wie sie auf meine Liebkosungen reagiert hatte – bis hin zum Orgasmus – würde es ein Kinderspiel sein, sie zum Beischlaf zu bewegen. Wir wurden ein Paar.
Zur Verwunderung der männlichen Belegschaft. Zumindest jene, die selbst ein Auge – oder auch zwei – auf Bärbel geworfen hatten. Viele gleichaltrige Kollegen wollten es einfach nicht glauben. Wieso ich? Mein Auto war die Straßenbahn. Die Autos der Kollegen waren in einer Preisklasse angesiedelt, von der ich nur träumen konnte. Meine Kleidung war von der Stange. Ihre vom Schneider. Im Gegensatz zu mir hatte Geld für sie keine Bedeutung. Papa sorgte für reichlichen Nachschub. Vielleicht war ihnen nicht bewusst, dass all dies für Bärbel bedeutungslos war. Sie besaß diese Dinge ebenfalls im Überfluss. Für sie war das nichts Besonderes.
Ich wurde für sie etwas Besonderes. Ich unterschied mich sehr zu meinen Vorgängern. Wie sie mir später gestand, hatte noch nie jemand sie so massiv zu verführen versucht, wie sie es bei mir erfahren hat.
„Du warst von Anfang an ein Mann. Die anderen verhielten sich oft wie unmündige Kinder“.
Zwei lange Wochen beschränkten wir uns auf Petting. Sie bei mir, ich bei ihr. Dann war die günstige Gelegenheit da. Endlich da. Bärbel, die zu Hause viele Freiheiten genoss, teilte ihren Eltern mit, sie würde bei einer Freundin übernachten. Dank Überredungskunst gelang es mir, meinen alten Herrn von der Notwendigkeit zu überzeugen, unsere Schrebergartenlaube in ein Schlafzimmer zu verwandeln. Ohne meine Frau Mama einzuweihen. Sie legte nämlich hinsichtlich Moral Maßstäbe an, die sogar dem Papst Freudengesänge entlockt hätten. Da war mein alter Herr schon von anderem Kaliber. Er bewies Verständnis für die Bitte seines Sohnes. Der in vollem Saft stand. Heimlich still und leise schleppte er Bettlaken, Kopfkissen, Zudecken und Kerzen in die Laube. In weiser Voraussicht auch Streichhölzer.
Nach einem peinlich verlegenen Schweigemarsch zum Liebesnest fanden wir dort einen liebevoll dekorierten Tisch vor. Neben einer gut gefüllten Obstschale lag ein Zettel mit einer Botschaft. „Viel Glück“, entzifferten wir im flackernden Kerzenlicht. Typisch Vater. Nachträglich noch ‚danke‘. Die Übernachtung in der Laube war das Ergebnis eines erfolgreichen Gespräches, das ich vor Tagen mit Bärbel geführt hatte. Irgendwann – nach gebührend langem Lechzen nach mehr – sagte ich mir ‚Du hast lange genug gewartet, Junge. Es wird Zeit, dass wir es endlich tun. Bärbel ist schließlich neunzehn Jahre alt. Alt genug, dem Jungfrauenzeitalter Lebewohl zu sagen‘.
„Hör mal mein Engel.Du weißt, dass ich dich sehr liebe“, begann ich schleimend. „Verstehe mich jetzt nicht falsch. Ich möchte dich absolut zu nichts drängen. Aber ich habe eine tolle Idee“.
Absichtlich schwieg ich an dieser Stelle. Ihre Neugier sollte geweckt werden. Und sie wurde es!
„Nun sag schon, was hat sich mein Liebling denn ausgedacht?“
„So einfach ist das nicht“, holte ich den Verlegenen aus der Schauspielkiste. „Wieso fällt es dir schwer, etwas zu sagen? Ausgerechnet dir! Du findest doch sonst für alles die richtigen Worte“, lachte sie, ahnungslos worauf ich hinaus wollte.
„Okay. Ich versuche es“. Wieder eine künstliche Pause. Wollte damit unterstreichen, wie schwierig es für mich sei.
„Nun sprich endlich!“ konnte sie ihre Neugier kaum zügeln.
„Nun ja. Du hast doch zu Hause kein Problem, eine Nacht auswärts zu übernachten. Zum Beispiel bei deiner Freundin. Und da habe ich mir ausgemalt, wie wunderbar es wäre, gemeinsam eine Nacht zu verbringen. Eine Nacht, die nur uns gehört. Nur dir und mir. Könntest du dir das auch vorstellen?“ Pause. Bevor ich den wichtigsten Punkt anschnitt, wollte ich ihre Einstellung zu einer gemeinsamen Nacht hören.
„Und wo würden wir übernachten? In ein Hotel möchte ich nicht. Das sieht mir zu offiziell aus“. Sie war also grundsätzlich einverstanden. Gut so.
„Natürlich nicht ins Hotel. Das wäre ja total unromantisch. Ich dachte da an die Gartenlaube meiner Eltern.Die kennst du doch bereits. Rundum nur Natur. Und wir. Keine Menschenseele, die unser Idyll stören könnte“.
Ihre positive Miene drückte Zustimmung aus. Jetzt musste ich ihr noch das Letzte schmackhaft machen. Den Verlust ihrer Jungfräulichkeit. Wurde sowieso langsam Zeit!
„In dieser romantischen Umgebung könnten wir dann auch den letzten Schritt wagen. Wir kennen uns sooo gut und lieben uns wirklich sehr. Da ist es doch ganz normal, wenn ich dich richtig glücklich machen möchte. Anschließend könnten wir Arm in Arm einschlafen und gemeinsam den neuen Tag begrüßen. Ich stelle mir das wirklich wunderbar vor. Ehrlich“.
Gespannt wartete ich auf ihre Antwort. Doch was tat sie? Sie lachte.
„Das fiel dir schwer zu sagen? Es wird endlich mal Zeit. Klar will ich mit dir eine Nacht verbringen. Klar will ich endlich zur Frau werden. Bei wem wäre das besser, als bei dir? Du bist meine erste Liebe, also sollst du es auch sein. Ich habe selbst schon häufig überlegt, wann und wo es geschehen könnte. Deine Idee mit der Laube ist super. Für das kommende Wochenende melde ich mich zu Hause ab. Ich freue mich schon“.
„Du Luder“, lachte ich befreit, „warum lässt du mich so lange herumstottern, wenn du es auch willst. Dir war doch bestimmt direkt klar gewesen, worauf ich hinauswollte“.
„Ich höre dich eben gerne reden. Außerdem gefiel mir dein Herumdrucksen“. Umarmen. Küssen. Drücken. „Dann ist Samstag also der große Tag“. So landeten wir – wie bereits erwähnt – in der Gartenlaube. Ohne elektrischen Strom.Kerzenlicht war für den außergewöhnlichen Anlass sowieso romantischer. Schnell entkleideten wir uns gegenseitig. Noch schneller lagen wir – aneinander gekuschelt – unter der Bettdecke. Ein ausgiebiges Vorspiel von der Art, wie ich es liebte, zeigte, dass sie bereit war.
„Soll ich es jetzt tun?“ beugte mich liebevoll flüsternd über sie..
„Ja, mein Liebster“, hauchte sie leise. „Aber bitte, bitte sei vorsichtig“.
Immer die gleiche Leier! Natürlich war ich vorsichtig. Ich war doch kein Berserker. Alles verlief, wie schon erlebt. Wie bei Janni erlebt. Wieder griff ich zum gleichen Trick. Ein dosierter Biss ins Ohrläppchen, gleichzeitig aktiv werden, fertig. Und wieder bekam ich den gleichen Vorwurf zu hören. „Warum beißt du mich denn in mein Ohr. Das tat weh“.
Der Grund für den kannibalischen Biss verblüffte sie. „Du hast recht, ich habe wirklich nichts gespürt. Du hast das wohl schon häufiger gemacht“, klang ein wenig Eifersucht aus ihrer Stimme.
„Was denkst du von mir? Das war das erste Mal. Ich habe das irgendwo gelesen“, rechtfertigte ich mich. Selber noch nicht zum Ende gekommen, schrien meine Hormone nach mehr. „Tut es dir zu weh, wenn ich weitermache?“ fragte ich, Besorgnis zeigend.

„Versuch es mal“.
Ich versuchte es. „Und?“
„Mach ruhig weiter. Es fühlt sich gut an!“
Im Vergleich zu meinen anfänglichen Sexaktivitäten hatte ich die Kunst der Beherrschung erlernt. Und ich beherrschte mich.Ich hielt meine Jungs so lange im Zaum, bis Bärbel einen Orgasmus bekam. Den ich in diesem Ausmaß noch nicht erlebt hatte.
Sie schrie laut und bäumte sich so stark auf, dass sie mich fast von sich runter warf. Schreie gingen nach einigen Wiederholungen in lautes Stöhnen über. Zum Glück waren wir nicht in einem Hotel. Langsam kam sie zur Ruhe. Stoßweises Atmen belegte ihr aufgewühltes Inneres. Ich streichelte sie fortwährend und flüsterte ihr Zärtlichkeiten ins Ohr. Selbstlos – noch immer sichtbar erregt – hatte ich den Liebesakt ein zweites Mal unterbrochen. Stolz und glücklich betrachtete ich sie. Stolz über die nahezu perfekte Entjungferung. Glücklich über das Ausmaß des von mir bereiteten Orgasmus! Wieder halbwegs beruhigt schlug sie ihre Augen auf. Ein strahlender Blick belohnte mich.
„Das war traumhaft. Das war unbeschreiblich. Warum haben wir bloß so lange damit gewartet?“ fehlten ihr sichtlich die Worte. Sie beugte sich zu mir, spürte dabei meine Erregung. „Du bist ja noch gar nicht so weit“, wies sie auf meinen Freudenspender.
„Du bist wichtiger. Ich wollte nicht, dass du eine schlechte Erinnerung an den Schritt zur Frau zurückbehalten solltest. Das da“, zeigte ich auf mein gutes Stück, „lässt sich noch in Ordnung bringen“.
„Und zwar jetzt sofort“, antwortete sie forsch, „ich habe nämlich schon wieder Lust“.
Gerne kam ich der Aufforderung zur Wiederholung nach. Jetzt erst – wo kein langsames Eindringen mehr gefragt war – konnte ich den Akt richtig genießen.
„Ist es zu tief? Tut es weh?“
„Nein, nein, mach weiter“.
Ich machte weiter. Und wie!! Endlich konnte ich meinem Verlangen ungehemmt nachgeben. Meine Hormone jubelten. Ihr zierlicher, fester Körper, ihr heftiges Verlangen, ihr Temperament. All das erregte mich ungemein. Fast gleichzeitig erreichten wir den Höhepunkt. Unter zärtlichen Küssen, Streicheln, begleitet von Liebesbeteuerungen schliefen wir erschöpft ein. Wie versprochen Arm in Arm. Am nächsten Morgen, erholt und munter, wiederholten wir die Aktivitäten des Vorabends.
Zur Frau geworden, brachen alle Dämme bei Bärbel. Sie war auf dem besten Weg, sexsüchtig zu werden. Beinahe täglich ergab sich fortan eine Gelegenheit, ihrem Verlangen nachzugeben. An Orten, die mir manchmal peinlich waren. Schließlich ist eine Registratur nicht immer menschenleer. In der Nähe unserer Arbeitsstätte befand sich ein Kino. Nach Feierabend besuchten wir regelmäßig die Nachmittagsvorstellung. Zu dieser Zeit war der Zuschauerraum mehr oder weniger leer.
Weit entfernt von den wenigen Besuchern nahmen wir Platz. Sobald Dunkelheit das Licht verdrängte, legte sie los. Mit Aktivitäten bis hin zum Orgasmus. Meist verließen wir anschließend das Kino. Der Film interessierte uns nie. Dunkelheit war es, die uns angelockt hatte. In ihrer Gegenwart war meine Hose häufiger geöffnet als geschlossen. Ihre Erfindungskunst schien unerschöpflich. Noch jung und stark hielt ich den Anforderungen glücklicherweise stand!! Zwei Jahre lang waren wir ein Paar. Im Verlauf dieser Zeit stellte ich sie meinen Eltern vor. Sie verstand es meisterlich, die Herzen meiner Eltern im Sturm zu erobern. Sie half meiner Mutter beim Abwasch, setzte sich meinem Vater auf den Schoß.Immer begleitet von kleinen Komplimenten.
„Du hast aber einen lieben Papa. Den nehme ich mit zu mir nach Hause“ oder „deine fleißige Mutter soll die Arbeit nicht alleine machen. Ich helfe gerne“.
Das verwöhnte Modepüppchen beim Abwasch zu sehen, war ein ungewohnter Anblick. Dank des guten Eindrucks, den Bärbel bei meinen Eltern hinterließ, durfte sie – wann immer wir wollten – bei mir übernachten. Und wir wollten oft! Inzwischen gut aufeinander eingespielt wurde jedes sexuelle Treffen zu einem Erlebnis. Bärbels Gefühle für mich waren so stark geworden, dass ich ihr bei jedem Treffen mehrfach versichern musste, sie zu lieben. Vergaß ich es, flossen Tränen. Ihre, nicht meine. Ich war mir ihrer so sicher – so glaubte ich – ich hätte sie mit einem anderen Mann ins Bett gelassen. Ohne befürchten zu müssen, betrogen zu werden. Inzwischen war ich stolzer Besitzer eines Führerscheins und eines alten, gebrauchten Wagens. Ebenso verdiente ich meine Brötchen bei einem neuen Arbeitgeber. Wir hatten beide die Bank verlassen. Bärbel wechselte zu einer kleinen Privatfirma. Ich zu Ford. Somit endeten unsere täglichen Kinobesuche. Verabredungen beschränkten sich auf die Wochenenden und den Mittwoch. Nun wollte ich ihr eines Tages eine Freude damit bereiten, überraschend an einem anderen Wochentag aufzutauchen. Ich parkte meinen Wagen abseits. Stellte mich hinter einen Baum. Wartete ungeduldig auf ihr Erscheinen. Freute mich auf ihr überraschtes Gesicht. Endlich erschien mein Liebling. Das überraschte Gesicht aber machte ich. Was war das denn da? Was sahen meine müden Augen? Bärbel Hand in Hand mit einem ihrer neuen Arbeitskollegen?? Ein junger Bursche. Gepflegtes Outfit. Gepflegte Erscheinung.

Zur Salzsäule erstarrt nahm ich das Bild in mir auf. Unfähig zu denken. Jetzt entdeckte sie meinen Wagen. Sofort löste sich ihre Hand. Ihr Blick schweifte umher. Sah mich. Mit aufgesetztem Lächeln kam sie auf mich zu.
„Schatz, du? Das ist aber lieb von dir, mich überraschend abzuholen“. Unsicherheit in der Stimme. Gekünsteltes Lächeln. Geheuchelte Freude. Ich konnte nicht anders. Eine schallende Ohrfeige warf sie gegen die Hauswand.
„Du falsches Luder“, überschlug sich wutentbrannt meine Stimme. Der Händchenhalter wollte ihr zu Hilfe eilen. Bevor er etwas sagen konnte, brüllte ich wie von Sinnen los.
„Kein Wort. Sag kein einziges Wort. Verschwinde. Oder ich stampfe dich in den Boden“.
Mein Gesichtsausdruck war wohl ein Spiegel meiner grenzenlosen Wut. Der Händchenhalter verschwand wortlos. Bärbel hatte sich inzwischen weinend aufgerappelt. Schluchzend setzte sie sich in meinen Wagen.
„Das war nicht so, ich …“, hob sie zu einer Erklärung an.
„Lüg jetzt bloß nicht. Mach es nicht noch schlimmer“, unterbrach ich sie.
Aufgeregt begann sie, in ihrer Handtasche zu wühlen. In diesem Augenblick hätte eine harmlose Fliege an der Wand meinen Zorn erregt. Umso mehr war dies bei dem in meinen Augen sinnlosen Wühlen der Fall.
„Was suchst du denn?“ fuhr ich sie wütend an.
„Tabletten. Ich suche meine Tabletten. Ich will mir das Leben nehmen. Du liebst mich ja nicht mehr!“
„Das kannst du einfacher haben“, schlug ich barsch vor, „leg dich vor meinen Wagen. Ich rolle drüber. Wenn du noch atmest, setze ich noch einmal zurück“. Natürlich kam es nicht dazu. Es kam aber zum Ende unserer Beziehung. Mein Vertrauen war weg. Ohne Vertrauen konnte ich keine Partnerschaft aufrechterhalten. Obwohl die Trennung von mir vollzogen worden war, litt ich wie …. Ich weiß nicht wie. Auf jeden Fall so unsagbar, dass jeder Vergleich mit was-auch-immer meinen Gefühlen nicht gerecht werden konnte.
Was zu Anfang von meiner Seite als ein reizvolles Spiel betrachtet wurde, endete zum Schluss in einem Emotionschaos. In dem alles vorhanden war. Enttäuschung, Wut, Zweifel an meiner Person, Trauer um die verlorene Liebe. Ja, Liebe. Das, was ich vehement bestritten hätte, hatte sich tatsächlich mit der Zeit entwickelt. Liebe zu Bärbel. Vielleicht hatte ich mich zu spät der Wahrheit gestellt. Vielleicht war ich zu stolz, meine Gefühle offen und ehrlich zu gestehen. Vielleicht war ich mir ihrer zu sicher gewesen. Vielleicht, vielleicht. Nun war es zu spät. Ich hatte mich in meiner Wut zu etwas Unverzeihlichem hinreißen lassen. Ich hatte die Frau geschlagen, die ich liebte!!!!!! Gepeinigt von Trauer und Fragen, die nie beantwortet werden würden, kämpfte ich Abend für Abend mit den Tränen. Abend für Abend vergeblich. Ich hatte mit allem abgeschlossen. Verstand die Welt nicht mehr.Was war mit Bärbels Liebesbeteuerungen gewesen? Hatte sie mich belogen? Etwa schon betrogen? Wie lange lief das bereits mit dem verteufelten Händchenhalter? Wie heißt es so schön im Volksmund? Die Zeit heilt alle Wunden. Meine Heilung dauerte zwei endlose Monate. Dann war alles halbwegs verkraftet. Na ja, beinahe. Die komplette Heilung erstreckte sich über ein Jahr. In späteren Jahren fand ich sogar Positives an Bärbels Verhalten. Kein Fehltritt einer Frau konnte mich je wieder erschüttern. Oder gar verletzen. Auf eine gewisse Art war ich Bärbel sogar dankbar. Obwohl unsere Beziehung unschön endete, empfand ich für keine zukünftige Partnerin, was ich für Bärbel oder Janni empfunden hatte. Vielleicht weil ich mich unbewusst dagegen wehrte???

Ihr Hubert Plug

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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