‚Freude‘ im Freudenhaus

Alles fing bei einem richtigen Männerabend an. Inszeniert von Freund Hans-Dieter. Dem es gelungen war, beinahe den gesamten Freundeskreis in eine Kneipe zu locken. Vollmundige Sprüche wie zum Beispiel „Es wird Zeit, dass wir uns mal wieder ohne die Frauen treffen“, verfehlten ihre Wirkung nicht. Lediglich zwei Kumpel glänzten durch Abwesenheit.
„War mir von vornherein klar, dass die beiden nicht kommen. Die Pantoffelhelden haben wahrscheinlich von ihrer Alten keine Ausgangserlaubnis erhalten, ha, ha, ha“, hatte Wortführer Hans-Dieter schnell eine Erklärung bereit.
Dass die Pantoffelhelden gemeinsam mit ihren Frauen einen Urlaub auf Mallorca genossen, entzog sich dabei seiner Kenntnis.
„Da sind wir doch von anderem Kaliber“, schaute er stolz in die Runde der vier anwesenden Freunde. „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wann und wohin wir gehen“.
Obwohl rundum zustimmendes Nicken, war es nirgendwo problemlos abgelaufen. Hier heftig, da weniger heftig.
Besonders ärgerlich verlief es bei Hans-Dieter. Dennoch verschwieg er tunlichst den Streit mit seiner Verlobten. Die für den heutigen Abend bereits Theaterkarten reserviert hatte.
Nur Fritz war zu jener Zeit solo. Ihm waren bisher unangenehme Szenarien erspart geblieben. Die sich hier und da abspielten, wenn der weibliche oder männliche Part Lust verspürte, ohne den Partner um die Häuser zu ziehen.
Zu später Stunde.

Etliche geleerte Gläser Gerstensaft zeigten deutliche Wirkung. Wiederum war es Hans-Dieter, der mit einem genialen Einfall die Freunde überraschte.
„Jungs, wir fahren nach Düsseldorf in den Puff“.
Ein Vorschlag, der für gestandene Kölner einem Verrat an ihrer geliebten Heimatstadt gleichkam. So war es kein Wunder, dass sofort vielstimmiger Protest erhoben wurde.
„Puff ist okay. Düsseldorf nicht. Auch in Köln gibt es Puffs. Warum unser Geld nach Düsseldorf schleppen?“
„Ruhe Leute. Lasst mich erst mal erklären, warum ich an Düsseldorf denke“, ergriff Hans-Dieter wieder das Wort. „Der Grund liegt doch auf der Hand. In Düsseldorf wird uns niemand über den Weg laufen, der uns kennt. Schließlich wollen wir doch alle nicht, dass unsere besseren Hälften erfahren, was ihre lieben Männer so alles treiben. Außerdem musst du dort weniger Knete auf den Tisch des Hauses blättern als hier in Köln“.
„Und warum? Sind die Frauen vielleicht nicht so gut wie hier bei uns?“ erklang eine berechtigte Frage aus der Runde.
„Warum weiß ich auch nicht. Die Puppen sollen aber wirklich Klasse sein. Um euch die Entscheidung leicht zu machen, stelle ich meine Karre zur Verfügung. Alles klar, Jungs? Oder hat noch jemand eine Frage?“ wanderten seine Augen auffordernd in die Runde.
Allgemeines Schweigen als Zustimmung deutend befanden sich kurz darauf fünf alkoholisierte junge Männer auf dem Weg nach Düsseldorf. Voller Tatendrang, den Hormonen gegen Bezahlung Arbeit zu verschaffen.
Unter ihnen auch Fritz. Der noch nicht wissen konnte, was der weitere Verlauf des Abends speziell für ihn bereithielt.
Die erste peinliche Überraschung betraf jedoch die Freunde gemeinsam. Unkundig, wo das Freudenhaus zu finden war, landeten sie irrtümlich in einem Bordell der gehobenen Preisklasse. Ein Glas Sekt, serviert in einem luxuriösen Empfangsraum, sagte mehr als genug.
Die von der Leiterin des Bordells – „das ist die Puffmutter“, klärte Hans-Dieter Fritz auf – offerierten Preise für die Liebesdienste überstiegen die finanziellen Mittel der Freunde. Im Begriff das noble Etablissement zu verlassen, hielt eine Frage der Leiterin sie zurück.
„Möchten die Herren zuvor einmal einen Blick auf die Damen werfen?“
Obwohl in allen Gesichtern ein Nein stand, war es erneut Hans-Dieter, der sich zum Leithammel aufschwang.
„Na klar, die Herren möchten. Nichts wie her mit den Puppen“, hatte zum Erfolg, dass kurz darauf fünf Damen auf der Bildfläche erschienen.
Beim Anblick der Schönheiten – jede einzelne attraktiv genug, um auf Titelbilder einschlägiger Illustrierten zu gelangen – verschlug es selbst Hans-Dieter den Atem. Lediglich die zweihundert Märker für die Liebesdienste jeder einzelnen Prostituierten veranlassten die Freunde schweren Herzens, ihre Hormone auf später zu vertrösten. Und später war in ihrem Fall das Bordell fürs gemeine Volk. Wo sie sich nach 20-minütiger Irrfahrt durch Düsseldorf bald befanden.
„Oh Mann, welch ein Unterschied“, meldete sich Volker, der Jüngste im Freundeskreis, „nicht für Geld und gute Worte steige ich mit so einer Frau ins Bett“.
In der Tat, es war wirklich ein erheblicher Unterschied zu den Schönheiten des Bordells, das sie vor zwanzig Minuten verlassen hatten. Okay, auf eine gewisse Art waren die Liebesdienerinnen attraktiv, die da auf dem Kontakthof offen ihre Reize präsentierten.
Nicht nur die Art und Weise, in der sie ihre Körper darboten, war es, die Volker zu der spontanen Äußerung veranlasste. Auch die Wortwahl, mit der sie Freier lockten, war für sein zartes Gemüt nicht dazu angetan, schwach zu werden.
„Nur damit jeder Bescheid weiß, wer hier rausgeht, ohne gebumst zu haben, kann mit dem Zug nach Köln zurückfahren“, schob Hans-Dieter weiteren Absagen einen Riegel vor. „Und du erkundigst dich am besten schon einmal, wo hier der Zug nach Köln abfährt“, wandte er sich Volker zu.
Klar, aufgrund Hans-Dieters Machtposition als Einziger ein Fahrzeug zur Verfügung zu haben, verschwand einer nach dem anderen mit einer Prostituierten. Der eine gerne, der andere weniger gerne. Zu Letzteren zählte Volker. Der sich zähneknirschend Diktator Hans-Dieter beugte.
So zog auch Fritz bald mit einer Liebesdienerin ab. Die sich verführerisch lächelnd an ihn schmiegte. Auf dem Weg in ihr Separee legte sie seine Hand auf ihren üppigen Busen. Auf die Frage „Na Kleiner, gefällt dir, was dich gleich erwartet?“ erübrigte sich seine Antwort.
Zum ersten Mal in der Welt der käuflichen Liebe war er über die Maßen erregt. Nicht nur das. Er war aufgeregt, unsicher und ein wenig ängstlich. War er es in der Vergangenheit selbst gewesen, der den Verführer spielte, wusste er mit der direkten Art der Dame nichts anzufangen.
Mit den Gepflogenheiten in einem Bordell nicht vertraut – erst Geld, dann Liebe –
stand er bereits nackt im Raum. Bevor geklärt werden konnte, wie der weitere Verlauf vonstattengehen sollte.
„Nicht so hastig, Kleiner. Erst wollen wir zwei Hübschen uns einigen, was dort abgehen soll“, wies die Liebesdienerin auf eine breite Liege.
„Ist das denn nicht klar?“ stotterte er nach viel zu langer Pause verlegen.
„Im Prinzip schon“, erhielt er nun ungewollt eine Lehrstunde. „Aber ich kann mir gut vorstellen, dass dir die eine oder andere Option ein paar Mark mehr wert ist“.
Option? Was hatte der Begriff Option im Sexbereich zu suchen? Dieses Wort war ihm bisher nur in Verbindung mit der Ausstattung eines Autos geläufig.
„Bis du dir überlegt hast, was du willst, lass schon mal die Kröten für das Basisprogramm rüberwachsen, Kleiner“, streckte die Prostituierte Fritz ihre geöffnete Hand entgegen.
In diesem Augenblick durchfuhr ihn ein glühend heißer Schreck. Die Brieftasche!! Er hatte die Brieftasche im Handschuhfach liegen lassen. Was nun?
Sein Zögern falsch deutend, übernahm die Dame des horizontalen Gewerbes die Initiative. Griff seine Hose, die er achtlos auf den Boden geworfen hatte. Durchwühlte die Taschen und fuhr wie eine Furie auf ihn los.
„Was ziehst du hier ab? Keine Brieftasche dabei. Keine müde Mark in den Taschen und stehst hier nackt herum. Versuchst du etwa, auf diese Tour eine Gratisnummer zu landen? Da bist du an die Falsche geraten, Jungchen“.
Mit diesen Worten stürmte sie zur Tür, riss diese auf und schrie blindlings in den Flur „Max, es gibt Arbeit in Zimmer vierzehn“.
Bevor Fritz etwas sagen oder nach einer Erklärung suchen konnte, erschien er. Erschien Max. Ein wandelnder Muskel. Mit listigen, bösartigen Augen. Nackt bis auf den Tigerslip.
„Was läuft ab, Lilly?“
Dass aus der Natascha vom Kontakthof eine biedere Lilly geworden war, nahm Fritz nur nebenbei wahr. Zu sehr war er damit beschäftigt, gebührenden Abstand zu Max zu halten.
Dieser, kein Freund von vielen Worten, wurde aktiv. Ohne Lillys Antwort abzuwarten, fuhr seine Hand blitzschnell in den Haarschopf des verdutzten Fritz. Zerrte ihn zu sich heran und schlug mal eben so mit der freien Hand zu.
„Der Knabe erscheint hier ohne Knete. Warwohl auf eine kostenlose Nummer aus“, bemühte sich Lilly, alias Natascha, endlich, Max die geforderte Aufklärung zu geben.
„Na, dann wollen wir dem Porzellanpüppchen mal zeigen, dass bei uns so etwas nicht läuft. Hör gut zu, Söhnchen, meine Lilly arbeitet hart für ihr Geld. Da geht es überhaupt nicht, dass so Typen wie du ohne Moos anrücken“.
„Nein, nein, ich, äh, ich habe …“, versuchte Fritz, sich zu rechtfertigen.
Vergeblich.

„Du schweigst, bis ich dir erlaube, zu reden“, unterbrach der wandelnde Muskel rigoros.
„Mach ihn schon fertig“, kreischte Lilly, begierig Blut zu sehen.
„Da hast du gehört, was die Dame von mir verlangt“, war Max wieder an der Reihe.
„Und ehrlich gesagt, sie hat recht. Ich rede schon viel zu lange herum. Ich hoffe, du wirst für jeden ein abschreckendes Beispiel sein, wenn sie dich gleich finden“.
Übermannt aus Furcht vor dem, was ein abschreckendes Beispiel sein sollte, verlor Fritz das Bewusstsein. Fiel in eine gnädige Ohnmacht. Aus der er erst erwachte, als Max ihn über die Schulter warf und mit seiner Last die Treppe hinabstieg.
Auf dem Kontakthof angekommen ließ er Fritz achtlos auf den harten Betonboden fallen. Der, immer noch nackt wie Gott ihn schuf, die Aufmerksamkeit der Kontakthofbesucher auf sich zog.
„Schaut euch den Knaben genau an“, blickte Max provozierend in die Runde, „so endet es für jeden geilen Bock, der versucht, meine Mädchen um ihren wohlverdienten Lohn zu betrügen“.
Mit vielem hatte Fritz bei Antritt der Fahrt nach Düsseldorf gerechnet. Nur nicht, dass er jetzt nackt auf dem Boden liegen würde. Nur nicht, dass ihn ein brutaler Zuhälter achtlos auf den Kontakthof warf. Nur nicht, dass er seine Klamotten abschreiben konnte.
Noch nicht in der Lage aufzustehen, war er neugierigen Blicken umstehender Gaffer wehrlos ausgesetzt. Seine verzweifelte Situation vor Augen kämpfte er vergeblich gegen Tränen an.
Entgegen jeglicher Vernunft hoffte er, dass niemand aus dem Freundeskreis auftauchen würde. Okay, Hilfe war im Augenblick mehr als willkommen. Doch erst dann, wenn die Tränen getrocknet und versiegt sein würden. Im jetzigen Zustand wäre er für immer Häme ausgesetzt.
Irgendwie sogar verständlich gestand er sich ehrlich ein.
‚Ich ziehe mit einer Nutte los und komme nackt zurück. Das Ganze, ohne gebumst zu haben. Das ist wirklich eine Lachnummer’, vollzog er gedanklich in Kurzform den Ablauf der letzten Minuten nach.
Die Hoffnung, dass zuerst Volker hilfsbereit auftauchen würde, konnte er schnell begraben. Die Stimme, die sich durch die Gaffer zwängte, gehörte zu Hans-Dieter.
„Verdammt Leute, macht Platz. Das ist mein Freund, der da liegt. Er braucht meine Hilfe“.
In der ersten Reihe angelangt, mit freiem Blick auf Fritz, wurde die versprochene
Hilfe von Spott verdrängt.
„Das muss ja ne wilde Nummer gewesen sein, mein Freund. Unglaublich, bumst der Kerl, bis der Arzt kommt. Hast du dir den letzten Rest Verstand weggevögelt? Oder warum sonst liegst du nackt auf dem Boden? Oder hast du vielleicht nicht genug Knete dabeigehabt und dafür mit deinen Klamotten bezahlt?“
„Du Idiot, lass deine Sprüche und hilf mir. Gib mir irgendetwas zum Anziehen. Alles andere erzähle ich auf der Heimfahrt“, bat Fritz verzweifelt.
Jetzt bewies Hans-Dieter, dass er nicht nur Sprüche klopfen konnte. Dass er in der Not ein Freund war, auf den man zählen konnte.
Ohne Zögern zog er Hose und Jackett aus und reichte sie Fritz. Dass er nun selber im Slip dastand, störte ihn nicht. Im Gegenteil. Die grinsenden Gesichter reihum verleiteten ihn nur zu einem provozierenden Scherz.
„Nur nicht neidisch werden, Leute“, schaute er in die Runde und wies auf den ausgebeulten Slip, „nicht jeder kann so gut bestückt sein wie ich“.
Wieder auf der Heimfahrt gab Fritz die unglücklich verlaufene Episode zum Besten. An den entsprechenden Stellen ein wenig modifiziert, gestaltete er seine Rolle dahingehend, dass er sogar Bewunderung für seinen Mut erntete.
„Du hast dich wirklich mit dem Zuhälter geprügelt?“ hakte Hans-Dieter nach.
„Klar, glaubst du etwa, ich hätte meine Klamotten kampflos zurückgelassen? Erst als die Nutte dem Zuhälter zu Hilfe kam, hatte ich keine Chance mehr“, verteidigte er standhaft seine Story. „Aber eines kann ich euch versichern. Düsseldorf hat mich zum letzten Mal gesehen. Mein nächster Puffbesuch – wenn überhaupt je wieder – spielt sich mit Sicherheit in Köln ab“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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