Hansi, der Spielverderber

Heute sollte der große Tag da sein. Heute sollte es geschehen. Heute, mit sechzehn Jahren, sollte ein lang gehegter Traum in Erfüllung gehen. Dreimal stand ich bereits kurz davor. Dreimal hatte mir Hansi, mein unglaublich zahmer Sittich, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hatte zerstört, was ich mit Komplimenten und Schmeicheln aufgebaut hatte. Zeitsprung. Neun Jahre zurück in die Vergangenheit. Mein sehnlichster Wunsch nach einem Hund wurde von den Eltern standhaft abgelehnt. Versuche, die Eltern umzustimmen, verpufften. Ich gaukelte Depressionen vor. Versprach der liebste Sohn auf Gottes weiter Welt zu werden.

Bettelte und schmeichelte. Drohte sogar, mich nach Adoptiveltern umzusehen. Immer wieder musste ich das verhasste Nein wegstecken. Dass mir am Ende ein grüner Wellensittich als Entschädigung aufgedrängt wurde, war ein schwacher Trost.
Wer ist schon mit einem zwanzig, dreißig Gramm leichten Vogel zufrieden, wenn ihm ein großer, starker Hund vorschwebt? Ich war es auf jeden Fall nicht!! Wie hätte ich auch ahnen können, dass mit Hansi ein Flugkünstler einzog, der ein echter Freund wurde. Mit dem ich spielen konnte. Der immer aufs Neue Verblüffendes auf der Pfanne hatte. Der so zahm wurde, dass ich ihn manchmal zum Teufel wünschte.
Damit bin ich wieder in der Gegenwart angelangt. Stramme sechzehn Jahre alt tanzten meine zur Untätigkeit verdammten Hormone beim Anblick eines hübschen Mädchens Rock ´n roll. Und verlangten schreiend nach Aktivität. In den vergangenen Monaten gelang es mir dreimal, Mädchen davon zu überzeugen, dass eine Stunde – oder auch zwei – Alleinsein in meinem Zimmer, eine lohnende Sache wären.
Dreimal traf ich Vorbereitungen für ein romantisches Tête-à-Tête. Kuschlige Musik auf Tonband (CD-Player waren noch nicht erfunden), Kerzen strategisch im Raum verteilt und versprühter Rosenduft sollte helfen, ans Ziel zu kommen. Nur eines hatte ich nicht bedacht. Mich zu vergewissern, was die jeweilige Auserwählte von einem aufdringlichen Vogel hielt.
Um in das Liebesnest zu gelangen, musste zuvor Hansis Flugbereich, das Wohnzimmer, passiert werden. Und genau das wurde zum Knackpunkt. Kaum sah der gefiederte Knilch ein neues Gesicht, schon war er im Anflug. Und hier nahm das Fiasko seinen Anfang.
Zuvor ein Wort zur anvisierten Landebahn. Haare, nach der damaligen Mode sorgfältig zu einem Turm toupiert, schienen Hansi magisch anzuziehen. Nach der Landung auf der Turmspitze begann er sofort mit Vorbereitungen für einen Nestbau. Er versuchte wahrhaftig, mit Krallen und Schnabel so etwas wie eine Mulde zu bilden. Dass dabei vor lauter Eifer auch hier und da das Ergebnis einer gesunden Verdauung erschien, schien dazuzugehören. Na ja, das Ende vom Lied war jedes Mal das Gleiche.
„Iiiii, was ist denn in den Vogel gefahren? Der hat meine ganze Frisur versaut.
Hier bleibe ich keine Sekunde länger“, rauschten Hansis Opfer mit wehenden Fahnen davon.
Ließen mich mit enttäuschten Hormonen und gebrochenem Herzen zurück. Na ja, Hormone vertröstete ich auf später. Das gebrochene Herz war bald darauf auch wieder geheilt. Warum ich nicht nach dem ersten Reinfall Hansi samt Käfig in ein anderes Zimmer verfrachtete? Keine Ahnung.
Heute aber hatte ich Vorsorge getroffen. Einen vierten Reinfall sollte es nicht mehr geben. Ich ahnungsloser Depp!!!
„Liebst du Vögel?“ erkundigte ich mich bei Bärbel, meiner heutigen Auserwählten. „Ich spreche von einem Wellensittich. Nicht von dem, was du gerade denkst“, schob ich nach.
„Hast du etwa einen Wellensittich?“
„Jjjjaa“, antwortete ich unsicher auf die Frage, die ja und nein bedeuten konnte. „Ist der Vogel etwa auch zahm?“ unterstützten leuchtende Augen die Frage. „Zahm ist gar kein Ausdruck. Hansi kann oft richtig lästig sein“.
„Das ist ja toll.Den Vogel muss ich unbedingt sehen“.
Das war natürlich nicht in meinem Sinn. Jetzt endlos lange Hansi bewundern und mich ins Abseits stellen, war nicht das, was mir vorschwebte. Die Hoffnung, dass der gefiederte Zwerg pennte oder zumindest müde war, zerstörte Hansi höchstpersönlich. Als ich die Wohnungstür aufschloss, ging es bereits los. Lautes Piepsen, gemischt mit noch lauterem Kreischen, sagte genug. Hansi war putzmunter. Bereit für jedes und alles.
„Der Kerl versaut mir den ganzen Abend“, murmelte ich leise in den noch nicht vorhandenen Bart.
Genau so kam es. Fast eine Stunde lang führte der Knilch unermüdlich vor, wie zahm, wie zutraulich er war. Dazu alles aus eigenem Antrieb. Ich war überflüssig geworden. Schien zeitweise sogar unerwünscht. Zaghafte Fragen wie „hast du noch nicht genug gesehen?“ wurden negativ beschieden.
„Nein, nein. Bitte, bitte, zeig mir alles, was der tolle Vogel kann“, bettelten große, weibliche Augen um Zugaben. Verstohlener Blick auf die Armbanduhr. Aufatmen.
Noch blieb Zeit für das, was mir vorschwebte. Wenn da nur nicht der dreimal verdammte Flugkünstler wäre. Herzlos aber wahr, mir kam eine Pfanne in den Sinn. In diesem Augenblick hätte ich den Kleinen lieber dort gesehen, als dort wo er sich gerade befand.
‚Überleg dir endlich etwas, damit es losgehen kann’, jammerten zu allem Überfluss meine Hormone.
Erneutes Aufatmen. Endlich. Der gefiederte Entertainer war müde geworden. Erschöpft von endlos langen Kunststücken. Der Knilch saß mit geschlossenen Augen auf dem Käfig. Die Tatsache, dass es Bärbel schwerfiel, sich von Hansi zu trennen, sagte mir genug. Der Zwerg hatte mich auf der Beliebtheitsskala von Platz eins verdrängt. Verletzter Stolz verleitete mich beinahe dazu, alles abzublasen. Dass es nicht so weit kam, war Bärbel zu verdanken.
„Du scheinst ja ein ganz lieber Kerl zu sein. Das hat doch sicherlich viel Mühe gemacht, deinem Vogel so viel beizubringen“, wurde ich endlich wieder wahrgenommen.
„Na ja, einfach war es nicht“, ließ ich den Bescheidenen raushängen.
„Und dass du jetzt nicht damit prahlst, finde ich ganz besonders süß“, wurde ich zum ersten Mal an diesem Abend umarmt. Zwei Lippen auf meinem Mund versöhnten mich vollends. Gelegenheit, Bärbel in Richtung Liebeshöhle zu lenken. In der die Welt auf dürftige acht Quadratmeter meines Zimmers schrumpfte. Mit Bärbel und mir als einzigen Bewohnern.
Meine Vorbereitungen mit Kerzenlicht, sanfter Musik und Rosenduft hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Bärbel war hin und weg. Sah in mir einen Romantiker. Der ich nicht war. Bald lagen wir nackt, wie Gott uns schuf, im Bett. Bereit, dem Drängen der ungeduldigen Hormone nachzugeben, flüsterten wir sinnloses Zeug. Atmeten schwer. Heuchelten Liebe, wo keine Liebe war. Eben all der Kram, der dazugehört, bevor es zur Sache geht.
Bevor es aber richtig losgehen konnte, war schon alles vorbei. Lautes, entsetztes Quieken aus weiblichem Mund „Iiiii, was ist das denn?“ Nach dem Grad des Entsetzens in der Stimme musste sich ein Alien in mein Zimmer verirrt haben. Wenigstens aber ein Saurier. Kerzen auspusten. Lampe einschalten. Staunen, ärgern, lachen – genau in dieser Reihenfolge. Verärgert war jedoch nur der männliche Part.
Der Saurier entpuppte sich als Hansi. Der in diesem Augenblick in meinen Augen die gleiche Gefahr ausstrahlte wie das Urviech. Allerdings nur bezogen auf das, was der Knilch so erfolgreich unterbrochen hatte. Der gefiederte Entertainer hatte sich anscheinend genug erholt. So weit, so gut.
Was der kleine Kerl dann jedoch vollbrachte, blieb ewig ein Rätsel. War es Langeweile? War er noch nicht genug bewundert worden? Suchte er menschliche Nähe? Oder wollte das kleine Biest einfach nur stören? Gönnte mir nicht, was ihm seit Jahren in seinem Einsiedlerdasein versagt blieb? Was immer es gewesen sein mag. Auf jeden Fall hatte er sich still und leise herangepirscht. Und thronte jetzt dort, wo ich gerne aktiv geworden wäre. Der unverschämte Bursche saß tatsächlich auf Bärbels entblößter Brust. Das ungewohnte Gefühl der Vogelkrallen auf nackter Haut hatte zu dem erschrockenen Ausruf geführt.
Dreist und unerschrocken hockte Hansi auf der Brust. Betrachtete voller Interesse, was er vorher noch nie bewundern durfte und konnte. Stille Vorwürfe an meine Person ‚warum habe ich den verrückten Zwerg nicht in den Käfig gesperrt?’ hatten nun keinen Sinn mehr. Mordlüsterne Gedanken durfte ich auch nicht in die Tat umsetzen. Hansis offensichtliche Zuneigung entlockte Bärbel entzücktes Quieken. „Nein, ist der süß“, belohnte sie sogar Hansis Hopser auf die nachbarliche Zwillingsbrust.
„Jetzt langt`s. Jetzt geht es ab in den Käfig“, wollte ich den Störer dorthin verbannen, wo er von Rechts wegen hingehörte. Ging aber nicht.
„Bitte noch nicht. Es ist doch so lustig zu sehen, was der Vogel noch vorhat“, hielt mich ein Schmollmund zurück. Klar, der Vogel hatte noch einiges vor. Klar auch, dass ich noch einiges vorhatte. Ebenso klar, dass an diesem Abend nichts mehr lief. Meine Hormone, die sich verabschiedet hatten, vertröstete ich auf ein unbestimmtes Später. Vielen Dank, Hansi. Du Aas!!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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