Hummeln

In Episoden, in denen Menschen und Tiere verwickelt sind, spielt der Homosapiens meist die Nebenrolle. Erst recht, wenn der Star der Story eine Hündin mit Namen Gina ist.
Ein Handteller großes Loch im Erdreich einer Böschung. Ein Hund. Summende Hummeln. Zweimaliges Bellen. Vier Dinge, die, solo betrachtet, harmlos sind. In Kombination aber verheerend sein können. Okay, der Hund muss auch als Einzelstück nicht harmlos sein.
Zurück zu der Viererkombination.
Auf Spaziergang unterwegs. Mit der Hündin, die auf den Namen Gina hörte. Um ihrer neugierigen Nase Abwechslung zu bieten, auf unbekanntem Terrain.
Dass das neue Terrain dankbar angenommen wurde, zeigte ihre Unruhe. Sie kam nicht schnell genug von einem Grasbüschel hier, zu einem Busch da oder einem Baumstamm da hinten.
Klar, das neue Kennenlernen musste begossen werden. Wie? Nein, nicht mit einem zünftigen Bier. Eher schon mit dem, was von einem Bier in der Blase geblieben war.
Ob nachfolgende Artgenossen verstanden, was sie damit signalisieren wollte – ‚Pfoten weg. Grasbüschel, Busch und Baum sind vergeben’ – ist bis dato ungeklärt.
Wie auch immer. Mittlerweile waren wir dort angelangt, wo das Drama nicht nur begann. Nein, dort, wo in schneller Abfolge erwähnte Kombination bis zum Ende ablief. Und – ich gestehe – für Ginas beleibtes Herrchen zu schnell ablief. Ich gestehe weiter, das Herrchen hatte beinahe, im wahrsten Sinne des Wortes, die Hosen voll.
Auslöser für all das, was jetzt folgte, war Ginas nicht zu befriedigende Neugier. Ein Loch in der Böschung. Zwanzig Zentimeter hoch vom Boden entfernt. Handteller groß. Tiefe unbekannt, weil nicht beleuchtet. Geräusche aus der Höhle wiesen auf Bewohner hin. Soweit die wenigen Fakten.
Wenig für mich. Genug für Gina. Stets bestrebt, ihr Wissen zu erweitern, erregte das Summen besonderes Interesse. Ihr neugierig in das Loch gesteckter Kopf erschien schneller wieder, als er verschwunden war. Außerdem wusste sie jetzt auch, dass Summen nicht immer Gutes bedeutete.
Zwei Hummeln, die geräuschvoll vor ihrer Nase tanzten, machten ihr unmissverständlich klar, dass eine Hundeschnauze in ihrem Nest unerwünscht war. Was sonst hilfreich war, bewirkte nun das Gegenteil. Bellen. Drohend Bellen. Unbeeindruckt von den Drohgebärden des Vierbeiners, machten sich die Flugkünstler auf, Gina zu zeigen, was eine Harke ist.
Harakiri ähnlich endeten zwei, drei Sturzflüge auf Ginas Stirn. Jaulend räumte sie das Feld. Verkroch sich hinter meinen Beinen. Hoffte auf Herrchens Hilfe.
Okay, mit zwei Hummeln hätte ich den Kampf aufgenommen. Aber nicht mit der zahlreichen Verwandtschaft. Die bereits im Schwarm aus dem Loch herausströmte.
‚Der Klügere gibt nach’. Eine Volksweisheit, der ich in diesem Augenblick schneller als schnell Folge leistete. In der festen Annahme, dass mein IQ den der Hummeln übertraf, gab es nur noch eines. Beine in die Hand nehmen. Mit Vollgas Fersengeld geben.
„Ab durch die Mitte. Jetzt bleibt uns nur die Flucht, Gina“, begann mein mutiger Beitrag.
Nun fiel der Startschuss zu einem Wettrennen der besonderen Art. Bereits die Bedingungen des Rennens waren nicht dazu angetan, auf Wiederholung zu hoffen.
Außentemperaturen um 38 Grad. In der Hand eine Leine, an der ein Hund zerrte. Dicht hinter mir Hummeln im Kampfverband. Die nur darauf warteten, dass mir die Puste ausgehen würde.
Als ob das noch nicht genug wäre, fiepte Gina neben mir vor Freude. Die in der Rennerei wohl ein Spiel sah. Klar, die Kleine hatte gut fiepen. Die verteufelten Hummeln hatten es ausnahmslos auf mein Fell abgesehen. Entweder bot ich eine
größere, viel größere Angriffsfläche. Oder, weil ich ohne Ende Schweiß verströmte. Ein Gemisch aus Angst- und Hitzeschweiß. Wahrscheinlich überwiegend Angstschweiß.
In dem Maße, wie mir die Puste ausging, stieg mein Angstpegel. Hatte ich nicht irgendwo gelesen, dass sieben oder acht Hummelstiche gleichbedeutend mit Löffelabgabe sind? Sollte hier, weit und breit keine Menschenseele in Sicht, mein hoffnungsvolles Dasein sein Ende finden?
Ich schäme mich nicht, zu gestehen, dass nicht viel gefehlt hätte und der tägliche Gang zur Toilette hätte sich für heute erledigt. Näheres zu erwähnen, erübrigt sich wohl!!
Tja, das Ende der Geschichte wäre für einen Slapstick geeignet.
Blind vor Angst ums eigene Leben rannte ich so weit, bis mir alles egal war. Ich war platt. Befürchtete sogar einen Hitzschlag. Nach Luft japsend drehte ich mich um. Bereit, mich in mein Schicksal zu ergeben.
Und was sahen meine trüben Augen? Nichts. Nothing. Die Biester hatten abgedreht. Waren auf dem Weg zu ihrem trauten Heim. Anstatt nun mein Glück zu preisen, wurde ich wütend, unsagbar wütend. Auf mich.
„Da läufst du Idiot mit letzter Kraft vor Hummeln davon. Ohne zu wissen, ob die Viecher noch hinter dir sind, rennst du weiter. Vielleicht haben die Biester bereits nach zehn Metern den Rückweg angetreten. Aber nein, ich renne blindlings weiter, bis ich eventuell tot umfalle. Wie kann man nur so dämlich sein?“ ging ich mit mir ins Gericht.
Dass ich mein eigener Gesprächspartner war, ging mir erst auf, als Gina sich mit einem leisen Wuff meldete. Gelegenheit für mich, ein wenig Dampf auf sie abzuladen.
„Der ganze Mist wäre nicht entstanden, wenn du Kröte nicht überall deine Nase reinstecken würdest“, bekam auch noch die Süße ihr Fett weg.
Der wedelnde Schwanz zeigte mir jedoch, das Luder sah in der Schimpfe ein Lob. War auch besser so.
Na ja, wieder in den eigenen vier Wänden, konnte ich über den ganzen Verlauf sogar lachen. Obwohl es, kritisch betrachtet, nichts zu lachen gab. Allem Ärger zum Trotz nahm ich Ginas Kopf in beide Hände. Schaute tief in ihre Augen und
flüsterte „eins muss ich dir lassen, du süßes Luder, langweilig wird es mit dir nie“.
Damit war unsere gemeinsame Welt wieder in Ordnung. Hummeln hin, Hummeln her!!! Apropos sieben oder acht Hummelstiche. Die Unsicherheit, ob ich dem Sensenmann knapp entronnen war, verlangte nach Klärung.
Was heißt verlangt? Sie schrie regelrecht danach.
„Glauben Sie in Ihrem Alter etwa immer noch an dieses Ammenmärchen?“ klärte mich ein Imker auf, der unweit meines Hauses Bienenstöcke plünderte. Sein verständnisloses Grinsen ignorierte ich geflissentlich!!
Absichtlich wählte ich am nächsten Tag dieselbe Strecke. Zwanzig Meter vom Flughafen des Kampfgeschwaders entfernt.
„Giiina. Her zu mir und aufgepasst. In dem Loch da“ wies ich auf die Behausung der Hummeln, „warten Viecher nur darauf, uns anzugreifen. Jetzt heißt es vorsichtig sein und Schnauze halten. Wehe dir, du bellst“.
Ja, das clevere Mädchen war vorsichtig. Hielt die Schnauze und bellte nicht. Blickrichtung in die hummelfreie Zone, ein kleiner Umweg über die Wiese, schon war die Gefahrenzone überwunden.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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