Ist das wirklich möglich?

Mit 68 wurde es höchste Eisenbahn, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen.
Die für den Rest meines Lebens von Bedeutung sein konnte. Ich stand vor der Wahl, entweder Selbstversorger zu bleiben. Oder mich ernsthaft um eine Lebenspartnerin zu bemühen.
„Nein, mein Junge, den Anblick kannst du keiner Frau mehr zumuten“, informierte ich mein Spiegelbild. Was ich da im Spiegel kritisch musterte, war ein Mann, der von einem ausschweifenden Leben gekennzeichnet worden war. Kratertiefe Falten hier, dort, da hinten. Hängesäcke unter beiden Augen. Keine Spur mehr von dem, was vor Jahren noch Muskeln waren.

1 : 0 für ein Leben als Solist. Einmal einen Gesprächspartner gefunden, der geduldig zuhörte, verharrte ich weiter vorm Spiegel. „Was geschieht, wenn du krank bist? Vielleicht sogar ins Krankenhaus eingeliefert wirst. Wer versorgt deinen Hund? Wer kümmert sich um dich? In solchen Fällen wäre es gar nicht mal übel, wenn hier eine Frau das Kommando übernimmt, Junge“.

1 : 1. An diesem Punkt angekommen hielten sich pro und kontra die Waage. „Aber was ist mit all dem Mist, den du selbst erfahren hast? Du hast bis jetzt 30 Jahre mit drei verschiedenen Frauen unter einem Dach gelebt. Immer gab es Zoff. Meist ging es um Peanuts. Dabei will ich mich erst gar nicht damit befassen, was ich hautnah erfahren habe. Wie viele solide Hausmütterchen haben mit dir den ahnungslosen Trottel von Ehemann betrogen? Fünf, sechs, zehn? Ich weiß es nicht mehr. Ist auch egal. Auf jeden Fall waren es zu viele“.

2 : 1 für den Solisten. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, mein lieber Freund, dass du dein ruhiges Leben weiterführen darfst. Sobald eine Frau die heiligen Hallen hier betritt, ist Schluss damit. Dann heißt es nur noch, warum schläfst du so lange? Warum gehst du nicht früher zu Bett? Du darfst dies nicht essen, du darfst das nicht essen. Dieses ist ungesund. Jenes macht zu dick. Muss der Hund unbedingt im Sessel liegen?
Ein Körbchen in irgendeiner Ecke tut es doch auch. Schon wieder ein Fußballspiel im Fernsehen? Hört das denn nie auf? Hast du schon mal daran gedacht, das Rauchen aufzugeben? Müssen deine Sachen unbedingt im Wohnzimmer herumliegen?“

3 : 1. Die Entscheidung war gefallen. Für ein Leben in Ruhe. Verbunden damit sexuelle Entsagung. Um nun nicht wieder aufgrund eines unverhofften Sexabenteuers schwach zu werden, befahl ich meinen Jungs, in Rente zu gehen. Da die Jungs dem Befehl ihres Herrn und Meister Folge leisteten, war aus der unteren Region keine Rebellion zu erwarten. So genoss ich aus ehrlichem Herzen ein ruhiges Leben. In dem einzig und allein ich der Entscheidungsträger war. In dem nur ich entschied was wann, wo, warum und wie ablief. Kriegsähnliche Zustände, die sich in den heimischen Wänden von Freunden oder Bekannten abspielten, kosteten mich ein müdes Lächeln. Allenfalls – aus Sympathie für den Geschlechtsgenossen – eine Spur Mitleid für den männlichen Partner. Ohne gravierende Höhen oder Tiefen dümpelte ich zufrieden vor mich hin.
Flüchtete hier und da gerne – mit feuchten Augen – in die wilde Jugendzeit.

Alles schien bestens. Ein ruhiger, wohlver- dienter Lebensabend schien vorgezeichnet. Bis … ja, bis Verena wie ein Orkan in mein Leben stürmte. Windstärke 12. So etwa empfand ich das, was unerwartet auf mich einstürmte. Humor, Vertrauen, erfrischende Lebens- freude und Offenheit. All dies verursachte einen emotionalen Aufstand in meiner einsamen Seele. Gegenseitige Sympathiebekundungen führten dazu, Hoffnungen keimen zu lassen. Was beim Knüpfen zarter Bande an und für sich Normalität ist, konnten wir von vornherein abschreiben. Theaterbesuche, Tanzen, Kino, speisen im Restaurant? Simple Spaziergänge? Nein.

Das waren Vergnügungen für Hinz und Kunst. Aber – ein gaaanz, gaaanz dickes Aber – nichts für Mann und Frau, die sich auf Telefonate beschränken mussten. Verrückt aber wahr, Telefonate waren tatsächlich der einzige Weg, miteinander zu kommunizieren. Grund dafür war zum einen die räumliche Distanz. 500 Kilometer auf deutschen Autobahnen sind nun mal kein gemütlicher Spaziergang am Nachmittag. Schwieriger gestaltete sich jedoch das Problem, wohin mit den Tieren. Verena, Tierschützerin und -freund, stellte ihr Leben ohne
Wenn und Aber in den Dienst zwei- und vierbeiniger Geschöpfe. Wohlgemerkt Tiere. Dass dies bis zur Selbstaufgabe der eigenen Person ging, war für die resolute Verena kein Thema. So war es für sie selbstverständlich, dass sie zum Beispiel ihre Wohnung mit vier pflege-

bedürftigen Katzen und einer hilflosen Taube gleichzeitig teilte. Damit nicht genug. Belegten die Katzen alle Sitzmöbel, na und, dann fand man Verena sitzend auf dem Boden. An dieser Stelle muss vorab eine Erläute- rung her. Die klärt, warum und weshalb zwei Menschen, die sich nie zuvor sahen, Telefonate führen.
Ein ihr und mir bekanntes Ehepaar war es, das den Anlass zum ersten Telefonat gab. Aus diesem ersten Telefonat entwickelten sich schnell Gespräche. Die nicht nur den Rahmen üblicher Gespräche sprengten. Nein, bald schon erkannten wir auch gemeinsame Interessen. Entdeckten den gleichen Sinn für Humor und gleiche Einstellung zum Sex. Dass kein Gespräch ohne herzhaftes Lachen verlief, rundete die Sache nur ab.
Zusätzlich empfanden wir es wohltuend, reden zu können, wie der Schnabel gewachsen ist. Die Frage, warum wir im Verlauf der Gespräche Intimes aus der Vergangenheit offenbarten, hätten wir unbeantwortet im

Raum stehen lassen müssen. Oder war es doch die Vertrauensbasis, die von Mal zu Mal wuchs? Obwohl ich nur eine vage Vorstellung von ihrem Erscheinungsbild hatte, keimte in mir ein Gefühl, das ich zu Anfang nicht wahrhaben wollte. Was war eigentlich mit mir los? War ich emotional in die Zeit zurückgekehrt, in der mich bereits die Vorstellung, was sein könnte, erregte? Bei den ungezählten Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gesammelt hatte, eigentlich unvorstellbar. Dennoch war da irgendetwas. Etwas, das Gefühle weckte, die ich längst begraben hatte.

War es Verenas offenes Wesen? Ihr Tempe- rament? Ihr Lachen? Ihre Einstellung zum Leben? Oder war es doch die häufig geäußerte Bewunderung für meine Stimme? Die mir schmeichelte und in ihr etwas berühren sollte. Ich wusste es nicht. Rätselte vergeblich in meiner Gefühlswelt herum. Was ich allerdings wusste und auch klar erkannt hatte, war die Tatsache, dass ich unsicher geworden war. Hatte ich wirklich den richtigen
Weg für mich gewählt? War mein Entschluss, ein Einsiedlerdasein zu führen, verfrüht gefasst worden? Vielleicht war ja ausgerechnet die ungewöhnliche Weise, auf der sich Gefühle entwickelt hatten, ein Fingerzeig. Fragen über Fragen häuften sich zu einem Berg.

Einem unüberwindlichen Berg?? Tausend Telefonate später verwickelte ich aus diesem Grund wieder mein Spiegelbild in ein einseitiges Gespräch. „Butter bei die Fische, Junge. Kannst du dir ein Leben mit dieser Frau vorstellen? Sie ist zwar vollkommen anders als die, mit denen du bisher ins Bett gestiegen bist. Aber vielleicht ist gerade das der springende Punkt. Überlege lange und gut, was du am Ende tust. Und dann, mein lieber Freund, darfst du eins nicht vergessen. Letzten Endes hängt doch alles davon ab, wie Verena sich entscheiden wird“. Da hatte mein Spiegelbild natürlich in jeder Hinsicht recht. Also ging ich in mich.

Überlegte lange und gut. Kam schließlich zu dem Ergebnis, Verena die Verantwortung dafür zuzuschustern, ob und wie es weitergehen würde, konnte oder sollte. Dass sich für eine saubere Lösung nur drei Möglichkeiten boten, gab mir Zeit, mich seelisch vorzubereiten. Erstens Trauerflor tragen, falls sie sich nicht entschließen konnte, ihrem Lebenskreis in der Ferne Lebewohl zu sagen. Zweitens Loblieder anstimmen, falls sie bereit wäre, einen gemeinsamen Lebensweg an meiner Seite zu bestreiten. Drittens zähneknirschend zustimmen, falls sie mit dem Vorschlag rausrückte, eine Freundschaft im Sinne des Wortes Freundschaft zu pflegen.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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