Musiknote

Ach ja, die liebenswerte Musiklehrerin der Höheren Handelsschule darf nicht vergessen werden. Sie war sehr jung, sehr hübsch und sehr unsicher. Als Pädagogin absolut noch untauglich. Ich konnte nie Noten lesen. Meine Sangeskunst hielt sich in sehr engen Grenzen. Löste Fluchtgedanken bei Zuhörern aus. Ich singe und sang zwar gerne, aber schlecht. Ein Instrument beherrschte ich nie. In der ersten Unterrichtsstunde stellte die Lehrerin die Frage, wer ein Instrument spiele. Ausnahmslos alle Finger schnellten in die Höhe. Welch eine musikalische Klasse! Frau Lehrerin strahlte. Detaillierte Nachfragen, welchem Instrument wir musikalische Töne entlocken würden, brachte nicht nur mich in Verlegenheit. Da die gängigen Instrumente wie Klavier, Gitarre, Trompete oder Schlagzeug bereits vergeben waren, fiel mir auf die Schnelle nichts ein.
„Äh, äh, im Moment ist mir der Name leider entfallen“, war natürlich ein jämmerlicher Versuch.
„Sie wissen nicht, wie der Name Ihres Instrumentes lautet?“
kam zum ersten Mal so etwas wie Misstrauen auf.

Das Hüsteln der Klassenkameraden sollte mir wohl sagen, dass ich gefälligst mit einer Antwort rausrücken sollte, die keine weiteren Nachfragen seitens der Lehrerin nach sich ziehen würde.
„Selbstverständlich weiß ich den Namen“, log ich mit treuen Dackelaugen.
„Da ich Kölner bin, fällt mir leider nur der Name ein, den man in Köln dafür verwendet“.
„Und wie lautet diese Bezeichnung?“
„Kwädschebüggel“, antwortete ich in breitem Kölner Dialekt.
„Kwä…. wie?“
„Kwädschebüggel“.
„Vielleicht beschreiben Sie einfach, wie das Instrument gehandhabt wird. Dieses eigenartige Wort kann ja kein Mensch aussprechen“, bat die Lehrerin verzweifelt. Nach den entsprechenden Handbewegungen war das Rätsel schnell gelöst.
„Sie besitzen ein Akkordeon, junger Mann. Ein sehr schönes Instrument“, erhielt ich nun aus berufenem Mund Aufklärung.
Der Clou erwartete mich Ende des Jahres bei der Vergabe der Zeugnisnoten. Sie rief jeden Namen auf. Schaute dem Schüler ins Gesicht. Vergab die Noten.
Ihre einzige Frage bezog sich auf die Art des Instrumentes, das der Schüler beherrschte. Die Noten, die sie dann vergab, schwankten zwischen ‚Sehr gut’ oder ‚Gut’. Schlechter war keine Note.
Ich hatte natürlich das Pech, dass bei mir mal wieder ‚Gut’ an der Reihe war. Obwohl ich angeblich ein begnadeter Akkordeonspieler war.
Mit Gut war mein musikalisches Können zwar bereits völlig überbenotet, doch mehr aus Scherz – keinesfalls ernsthaft – entrüstete ich mich.
„Was heißt hier gut? Ich spiele Akkordeon. Übrigens auch Klarinette. Ich habe nie den Unterricht verpasst und immer interessiert teilgenommen.
Und dann keine Eins? Das kann
ich nicht akzeptieren“.
Ich hatte wirklich Mühe ernst zu bleiben. Vor allem, weil sie mich verlegen ansah. Vielleicht ging ihr durch den Kopf, dass sie mich ungerecht benotet hatte.
Um allem noch die Krone aufzusetzen, fügte ich scherzhaft hinzu „wenn ich keine Eins bekomme, kann ich für nichts garantieren“.
Kurze Pause.
„Dann schmeiße ich Ihr Pult um“.

Wie gesagt, ich meinte alles scherzhaft. Umso mehr erstaunte mich ihre Antwort.
„Ist schon gut, ist schon gut. Bleiben Sie sitzen. Sie bekommen Ihre Eins“.
Tja. So ging’s auch. Frechheit siegte meistens. Klassenlehrer Zepp, zuständig fürs Ausfüllen der Zeugnisse, grinste jovial.
„Die Herren sind ja alle sehr musikalisch. Ich bin erfreut, eine Ansammlung musikalische Talente unterrichten zu dürfen. Kompliment meine Herren“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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