Puder

Zum wiederholten Mal hatte 1964 Italien den Zuschlag erhalten, mir eine angenehme Urlaubszeit bereiten zu dürfen. In diesem Jahr war die Wahl auf Alassio an der Riviera gefallen.
Am gut besuchten Strand erspähte ich Dorothy – eine Engländerin. Eine hübsche, lustige, junge Frau. Ein kurzer Blickwechsel. Ein längerer hinterher. Ein eindeutiger zum Schluss. Okay, sie schien nicht abgeneigt.
Auf Anhieb waren wir uns sympathisch. Schnell kam es zu einem abendlichen Treffen. Ich erschien in Sporthemd und Jeans. Sie in elegantem Abendkleid. Um den Hals drei bis neun Ketten. Drei Dutzend Armreife am Handgelenk.
Meine erstaunten Blicke deutete sie richtig.
„In England zeigen wir so, wie wir für einen Jungen empfinden“, klärte sie mich auf.
„Dann scheinst du mich ja sehr zu mögen“, forderte ich sie heraus.
Die Antwort passte zu ihrer Art. Offen, ehrlich und direkt.
„Das stimmt. Ich mag dich. Du gefällst mir. Du bist lustig. Mit dir gibt es viel Spaß!“ lachte sie.
Bei so vielen Komplimenten war klar, ich war an der Reihe.
„Ich habe zwar nur ein Sporthemd an, aber in Deutschland kennen wir den Brauch mit der Kleidung nicht. Aber eines kann ich dir versichern. Ich finde dich ganz toll. Nicht nur deine Art ist nett. Du bist auch sehr attraktiv. Ich glaube, es kommt noch soweit, dass ich dir einen Heiratsantrag mache. Oder ich wandere nach England aus“.
Schon wieder wartete die Fremde auf mich!! Irgendwann werde ich Europa abgegrast haben, dachte ich.
Nach Austausch der Komplimente verbrachten wir den Abend in einem Tanzlokal der Sonderklasse. Hoch über dem Meer gelegen, Nischen in Fels gehauen. Indirekte Beleuchtung. Und vor allen Dingen Musik. Unübertreffliche, italienische Melodien. In denen Sehnsucht und Romantik zum Greifen nahe schienen.
So war ich auch nicht weiter verwundert, als Dorothy am Ende des Abends eine Bitte vorbrachte, die genau dem entsprach, nach dem mir war.
„Let´s go to the beach, Darling. Don´t ask why. Wait and see, please”.
(Frei übersetzt: Komm mit zum Strand, Liebling. Frag nicht warum. Komm einfach mit. Bitte).
Klar ging ich mit. Klar fragte ich nicht warum. Wusste sowieso, was mich erwartete.
Küsschen, Streicheln und zärtliches Flüstern brachten mich langsam auf Touren. Trieb mich dazu, direkter zu werden. Um Dorothy auf den Endspurt vorzubereiten, liebkoste ich ihren Busen. Leider mit dem Mund.
Warum leider? Abwarten.
Von jetzt auf direkt machte ich Bekannt schaft mit einer Geschmacksrichtung, die
nicht nur neu war. Die gelinde gesagt, ekelhaft war.
Tja, was dann folgte, war kein Ruhmesblatt für mich. Nur damit zu entschuldigen, dass es die automatische Reaktion empfindlicher Geschmacksnerven war. Die gegen das protestierten, was sich da auf meine Zunge verirrt hatte.
Ohne zu überlegen, bemüht meine Mundhöhle zu reinigen, verließ ein Gemisch von Speichel und dem unbekannten Zeug meinen Mund. Und wählte einen Landeplatz, wie er ungünstiger nicht hätte sein können. Dorothys Gesicht!!!
Okay, ihre Reaktion war wahrscheinlich genauso automatisch wie mein Spucken.
„Was soll das denn?“ kreischte sie und verabreichte mir gleichzeitig einen Schlag ins Gesicht.
Klar, der Abend war gelaufen. Jetzt galt es nur noch, Ursachenforschung zu betreiben. Dabei erfuhr ich so Verblüffendes, dass ich Mühe hatte, abwertende Kommentare zu unterdrücken.
„In meiner Heimat pudern sich die Frauen den Busen, wenn sie ihren Darling treffen. Ist das in Germany nicht der Fall?“
Ich hätte nun nach dem Sinn fragen können. Oder ob es nötig wäre, das Zeug meterdick aufzutragen. Ich hätte so manches fragen können. Doch ich schwieg. Schluckte alle Fragen runter.
Überflüssig zu erwähnen, dass am nächsten Abend nachgeholt wurde, was dank Puder jäh unterbrochen worden war.
Ach ja, diesmal offerierte sie ihren Busen ohne das eklige Zeug.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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