Rosenmontag

Rosenmontag. Der Tag, an dem Köln die fünfte Jahreszeit feiert. Wir, meine Freunde und ich, zählten zu der aussterbenden Rasse gebürtiger Kölner. Das hieß gleichzeitig, dass wir mit dem Virus Karneval infiziert waren. Verabreicht mit dem ersten Schluck Muttermilch. Das hieß aber auch, zur Karnevalszeit wurden wir unruhig. Verspürten den unwiderstehlichen Drang, etwas anzustellen. Etwas, das wir uns zu normalen Zeiten nicht getrauten. Kurz gesagt, wir wollten ganz bewusst Mist bauen. War dieser Mist zu Kinderzeiten noch harmlose Streiche, sollte sich das jetzt ändern. Grund dafür war der Glauben, dass wir zu gestandenen Männern gereift wären.
„Männer“ schwang sich aus dem Freundeskreis Jupp zum Wortführer auf, „wir sind jetzt alle fünfzehn Jahre alt.  Alt genug, um der Welt zu beweisen, dass mit uns gerechnet werden muss. Und gibt es einen günstigeren Tag als Rosenmontag, um zu zeigen, was in uns steckt? Ich bitte um Vorschläge Leute, was wir heute unternehmen sollen“, blickte er provozierend in die Runde.
Ratlose Gesichter reihum. In denen aber auch Stolz und Freude standen. Stolz, dass wir von jetzt auf sofort zu Männern befördert worden waren. Freude beim Jüngsten im Kreis. Gestern erst hatte er seinen vierzehnten Geburtstag gefeiert. Und heute wurde er bereits in den erlauchten Kreis der Fünfzehnjährigen aufgenommen.
„Wenn keiner mit einem Vorschlag rausrückt“, ergriff Leader Jupp wieder das Wort, „will ich euch sagen, was mir vorschwebt. Vorab aber noch ne Frage an euch. Was hat jeder richtige Mann schon einmal gemacht?“
Zum besseren Verständnis muss an dieser Stelle etwas geklärt werden. Zu jener Zeit, etwa 1956/1957, war die Welt in vielerlei Hinsicht noch in Ordnung. Rauschmittel jeglicher Art waren weitgehend unbekannt. Alkoholiker waren verpönt, waren Säufer. Nicht wie heute, Kranke. Ledige Mütter mit dreizehn oder vierzehn Jahren? Undenkbar!! Die noch nicht erfundene Pille verhinderte wahllose Sexabenteuer. Nur so war zu erklären, dass niemand die Frage zu beantworten wusste, was ein richtiger Mann schon einmal gemacht hat. Aufklärung von kompetenter Seite ließ nicht lange auf sich warten.
„Ein richtiger Mann hat seinen ersten Stich und ersten Kater hinter sich, ihr Weicheier“.
Mit Kater konnten wir etwas anfangen. Aber Stich? Was hatte ein Stich mit einem richtigen Mann zu tun? Erwartete Jupp vielleicht, dass wir jemand per Messerstich über den Jordan schickten? Zu feige, eine entsprechende Frage zu stellen, herrschte rundum verlegenes Schweigen. Nur der zum Fünfzehnjährigen aufgestiegene, wagte nachzuhaken.
„Entschuldige die Frage, Jupp. Ich bin einfach zu blöd, um Stich und Mann unter einen Hut zu bringen“.
„Du darfst das fragen.Du bist der Jüngste unter uns. Stich bedeutet, einen wegstecken“.
„Wegstecken?“
„Damit auch du es endlich kapierst, hier noch einmal zum Mitschreiben. Stich ist das, was dein Vater bei deiner Mutter macht, wenn die beiden die Nachwelt vergrößern wollen“.
Jetzt fiel bei allen der Groschen. Bei einigen langsam, bei anderen schneller. In Vorfreude leuchtende Augen richteten sich ausnahmslos auf Jupp. In diesem Augenblick sahen wir in ihm den Messias. Der uns zu dem verhelfen konnte, worauf wir insgeheim schon lange hofften. Urplötzlich wurde aus der schweigenden Runde eine Runde, aus der Fragen über Fragen auf Jupp einprasselten.
„Bist du dir da völlig sicher?“
„Wo holst du die ganzen Mädels her?“
„Wissen die Mädels schon von ihrem Glück?“
„Hat jemand Verhüterlis dabei?“
„Wann geht´s endlich los?“
„Wieso stehen wir hier noch rum?“
„Langsam Männer, langsam“ war Jupp wieder breit grinsend an der Reihe, „so einfach, wie ihr euch das vorstellt, läuft die Sache natürlich nicht“.
Schlagartig herrschte Ruhe. Enttäuschte Ruhe.Und wieder gelang es Messias Jupp, aufs Neue Hoffnung zu wecken. Der geniale Plan, der die Welt auf uns aufmerksam machen sollte, war aus heutiger Sicht lächerlich. Damals jedoch – jung, naiv und hormongesteuert – das Non-Plus-Ultra.
„Wir beschaffen uns Alkohol und …“.
„Was heißt beschaffen?“ erscholl es schüchtern aus der Runde.
„Na, was schon? Wir klauen das Zeug“, wurden wir von Jupp ungefragt zu Dieben degradiert.
Wieder bewies sich die Macht der Anonymität in der Gruppe. Obwohl wir beileibe keine Engel waren, gestohlen hatte bis dato niemand. Aber in diesem Augenblick als Einziger gegen den Diebstahl Protest erheben, war reihum jeder zu feige. Den ausgebliebenen Widerspruch deutete Jupp kurzerhand als Zustimmung. Hätte er in unsere Gesichter geschaut, hätte er etwas anderes gesehen. Berauscht von seiner Führerrolle fuhr er generalstabsmäßig fort.
„Du, du und du, ihr verschwindet unter den Tribünen“, wurde ich nebst zwei Freunden zum Diebstahltrupp abgestellt. „Dann schleppt ihr an Schnaps heran, soviel ihr tragen könnt. In der Zwischenzeit besorgen wir die Weiber“, klopfte er den beiden, denen noch keine Aufgabe zugeteilt worden war, jovial auf die Schultern.
„Gemeinsam mit den Weibern saufen wir dann den Stoff“.
Die an dieser Stelle eingelegte Pause sollte wohl unsere Neugier wecken. Denn was wir bis zu diesem Punkt hörten, war unbefriedigend. Was war mit der versprochenen Gelegenheit zum ersten Stich? Bevor sich jemand zu einer entsprechenden Frage aufraffen konnte, gab Jupp Aufklärung.
„Ich sehe an euren dämlichen Gesichtern, dass ihr nicht wisst, warum wir den Stoff gemeinsam mit den Weibern saufen. Obwohl das klar auf der Hand liegt, will der liebe Jupp euch aufklären. Wie wir doch alle schon gehört, gelesen oder gesehen haben, kannst du mit den Tussies anstellen, was du willst, wenn sie reichlich Stoff intus haben“.
Nach der Aufgabenverteilung zogen sechs angehende Männer Richtung Kölner Innenstadt los. Nein, die treffendere Bezeichnung wäre wohl sechs verblendete Kindsköpfe. Niemand hinterfragte, was wir da vorhatten. Von A bis Z bestand bei jedem geplanten Schritt die Gefahr, vor dem Kadi zu landen. Angefangen beim Hochprozentigen, den mein Team heranschleppen sollte. Im Klartext war heranschleppen nichts anderes als Diebstahl.
Mädchen mit Alkohol abfüllen, um sie gefügig zu machen, hätte sicherlich auch nicht den Beifall des Gesetzesgebers gefunden. Wie auch immer. Nun stand ich mit dem Besorgungsteam vor den Tribünen. Unauffällig sondierten wir lässig das Revier. Lässig? Na ja, jedenfalls schlug meine Pumpe wie verrückt.
Apropos Tribünen. Vorab eine Erklärung, warum dort die Möglichkeit bestand, ohne Geld einzukaufen. Der weltweit berühmte Kölner Rosenmontagszug lockte Zuschauer aus aller Herren Länder an. Die gegen einen nicht unerheblichen Obolus den Rosenmontagszug von Tribünen aus genießen durften. Getränke aller Art fanden aufgrund fehlender Tische einen Platz neben Frauenund Männerbeinen. Die nicht gesicherte, offene Rückfront der Tribünen erlaubte geschickten Händen, das, was neben den Beinen stand, in den eigenen Einkaufsbeutel zu befördern. So dauerte es auch nicht lange, und wir trafen hoch beladen am vereinbarten Treffpunkt ein.
Wo wir bereits ungeduldig von Jupp erwartet wurden. Währen er unsere Beute inspizierte, wies er auf sechs Mädels hin, die ein wenig abseitsstanden.
„Wie ihr seht, waren wir auch erfolgreich gewesen. Was sagt ihr zu den Puppen? Gar nicht übel. Oder?“
Hätte ich zu jener Zeit schon die Redewendung „die musst du dir erst schön saufen“, gekannt, hier hätte ich sie vom Stapel gelassen. Eine ausführliche Beschreibung erübrigt sich. Nur so viel sei an dieser Stelle gesagt, bei einem Schönheitswettbewerb wären die sechs Grazien weit abgeschlagen auf den letzten Plätzen gelandet. Dass die anderen Jungs ähnlich empfanden, sagten ihre abweisenden Mienen. Nur Jupp schien zufrieden mit dem, was er da aufgegabelt hatte. Wie auch immer. Jetzt wurde ‚fachmännisch’ begutachtet, was uns zum ersten Kater in unserem Leben verhelfen sollte. Alle Flaschen nebeneinander positioniert bot der Inhalt ein buntes Bild. Von blau, grün, klar, gelb, rot bis zu braun war alles vertreten. Ebenso versprach die Geschmacksrichtung – klebrig-süß, bitter, scharf – für Abwechslung zu sorgen.
„So Leute, ran an die Pullen. Haut das Zeug weg, bis der Arzt kommt“, fiel aus Jupps berufenem Mund der Startschuss.
Und wir hauten das Zeug weg. Wahllos wurde geschluckt, was der Nachbar weiterreichte. Grünes, rotes, blaues, klares Zeug. Klebrig-süß oder bitter. Alles fand in bunter Folge den Weg in unsere Mägen. Bereits nach fünf oder zehn Minuten waren wir jenseits von Gut und Böse. Sprechen wurde von Lallen abgelöst. Lallen von stumpfem Stieren. Weitere zehn Minuten später standen wir am Straßenrand und kotzten uns die Seele aus dem Leib. Wie, wann und warum wir alle im Zelt des Roten Kreuzes gelandet waren, wusste später niemand. Aufklärung erhielten wir von dem Sanitäter, der sich um unser Wohl sorgte.
„Dankt dem Himmel, dass wir von Fußgängern alarmiert wurden. Ihr habt alle besinnungslos in eurer Kotze gelegen. Wir haben eure Mägen ausgepumpt und den Alkoholgehalt in eurem Blut gemessen. Ihr da“ wies er auf die Mädels und vier meiner Freunde, „bleibt zur Sicherheit noch eine halbe Stunde hier liegen.Aber ihr beiden werdet in ein paar Minuten von einem Krankenwagen abgeholt. Bei euch kann man getrost von einer Alkoholvergiftung reden“.
Dass ich zu den beiden zählte, warf mich vom Hocker. Ich hatte die gleiche Menge ‚genossen’ wie die Freunde. Und nun hieß es, ab mit mir ins Krankenhaus? Scheiße, verdammter Mist. Nach zwei Tagen Krankenhausaufenthalt – mit einem Kater astronomischer Größe – folgte zu Hause seitens der Eltern das dicke Ende.
Endlosen Vorhaltungen – „wie konntest du nur? Das hätte ich nie vor dir gedacht. Du wirst noch zum Alkoholiker. Was habe ich nur in meiner Erziehung falsch gemacht?“ – folgten Strafen. Kürzung des Taschengeldes. Stubenarrest. Hilfsdienste im Haushalt. Ach ja, das, was uns zum Mann machen sollte, war mit dem Kater ja nur zur Hälfte erfüllt worden.

Eine Hälfte, auf die ich aber leichten Herzens hätte verzichten können. Was mit der anderen Hälfte, dem Stich, war? An jenem verflixten Rosenmontag, in diesem jämmerlichen Zustand hätte man mir Miss World auf den Bauch binden können. Ich hätte sie zum Teufel gejagt!! Ohne eine Sekunde zu zögern. Übrigens, ähnlich wie mir erging es den Freunden. Aufgrund der bitteren Erfahrungen beschlossen wir – ohne Jupps Anwesenheit –, den Schritt ins Mannesleben auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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