Sag mal hier dahinten

Anfang der Fünfziger Jahre. Im gleichen Monat – September – in dem die Bundesrepublik ins Leben gerufen wurde, erblickte ich acht Jahre früher das Licht der Welt. Beide – Bundesrepublik und ich – litten unter den gleichen Nachwehen des Krieges. Armut. Und genau diese Armut war es, die einen Urlaub in südlichen Gefilden nicht erlaubte. So verbrachte ich zwei Wochen Ferienzeit in einem kleinen, unweit von Köln gelegenen Eifeldorf. Finanziert und organisiert wurde das Ganze vom heimischen Fußballklub 1.FC Köln. Als stolzes Mitglied der Jugendmannschaft erhielt ich die Möglichkeit, gegen einen geringen Obolus 14 Tage fernab des Elternhauses zu verbringen.

Dass mein bester Freund Flüm ebenfalls an der Reise in die große Welt teilnahm, rundete die Sache nur ab. Nicht nur die Unterbringung auf einer Kegelbahn hätte aus heutiger Sicht lautes Protestgeschrei hervorgerufen. Auch die Schlafgelegenheiten waren nicht das, was man unter einladend versteht. Unwillkürlich erinnerte ich mich an Schilderungen meines Vaters, der fünf lange Jahre in einem russischen Gefangenenlager verbringen musste. Strohgefüllte Säcke verteilt auf zehn Reihen, je Reihe sechs Säcke, fertig war das Schlafgemach für 60 jugendliche Feriengäste. Diesem Hühnerhaufen war ein Aufpasser zugeteilt worden. Obwohl humorlos hatte dieser arme Mann eine Angewohnheit, die ihn selber häufig zum Mittelpunkt für Scherze machte. Nahezu jeden Satz begann er mit einer Wortkombination, die in sich widersprüchlich ist. „Sag mal hier dahinten“.
So war es nicht weiter verwunderlich, dass Abend für Abend diese Wortkombination aufs Korn genommen wurde. Sobald das Licht verlöscht war, erklangen von überall her Fragen und Antworten. In denen die widersprüchliche Aussage enthalten war.
„Sag mal hier dahinten, glaubst du Köln gewinnt am Samstag?“
„Sag mal hier dahinten, gegen wen spielen wir denn?“

„Sag mal hier dahinten, wir spielen gegen die Bayern“.
„Sag mal hier dahinten, ich wünsche dir ne gute Nacht“.
Mit zunehmender Dauer wurde jeder Unsinn lauthals belacht. Dass der Urheber dieser skurrilen Wortkombination darüber nicht erfreut war, lag auf der Hand. Dass er aber massive Maßnahmen ergriff, dem Gespött ein Ende zu bereiten, kam unerwartet. Mein Anteil an der Spottorgie beschränkte sich nur auf vereinzelte Lacher, wenn wieder einmal eine originelle Verbindung mit „sag mal hier dahinten“ ertönte. Zu jener Zeit 12 Jahre jung, wagte ich nicht, einen Erwachsenen zu verhöhnen.
Dass ausgerechnet ich dennoch in den zweifelhaften Genuss einer Bestrafung kam, war eine Ungerechtigkeit schlechthin. Bewaffnet mit einer Taschenlampe machte der Verspottete sich auf, den oder die Übeltäter zu suchen. Sein Gedanke, jedem ins Gesicht zu leuchten, um festzustellen, wer noch wach war, konnte nur einem einfältigen Geist entsprungen sein. Schließlich bedarf es keiner besonderen Kunst, den Schlafenden vorzugaukeln. Dass seine Suche dennoch bei mir erfolgreich endete, verdankte er meiner Unfähigkeit, ernst zu bleiben. So sehr ich mich auch bemühte, nicht zu lachen, ich schaffte es nicht. Als sich der Strahl der Taschenlampe auf mein Gesicht richtete, prustete ich los.
„Aha, du bist noch wach.Du bist also der unverschämte Bengel, der sich über mich lustig macht“, war die wütende Einleitung für das, was ich nun hinnehmen musste.
Wahllos schlug ein Mann auf mich ein, der auf unser Wohl achten sollte. Nur der Tatsache, dass er bei der Vergabe der Muskelkraft nicht „hier“ gerufen hatte, verdankte ich, halbwegs unversehrt davongekommen zu sein. Zu allem Übel musste ich am nächsten Tag seitens der Jungs auch noch Vorwürfe verdauen. „Anscheinend bist du zu blöd gewesen, den Schlafenden vorzuspielen“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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