Schade, sie hätte es sein können

Wochen vor meinem Urlaub in Bella Italia begegnete mir Margot. Zimmermädchen eines renommierten Hotels. Im herkömmlichen Sinne nicht hübsch. Dennoch durchaus anziehend. Neben schönen Augen zierten Sommersprossen ihr Gesicht. Ihre Figur war durchschnittlich.
Nicht mehr ganz so unreif wie in der Vergangenheit waren andere Werte wichtig geworden. Ihr Wesen war es, das mich anzog. Sie war bezaubernd. Meist lustig, ein wenig scheu. Nie schlüpfte eine bissige Bemerkung über ihre Lippen.
Bald schon wurde sie eine schüchterne Geliebte. Es dauerte, bis sie ein wenig Initiative beim Liebesspiel ergriff. Doch auch dies wurde von Mal zu Mal besser. Mit der Zeit fielen dann letzte Hemmungen. Manchmal dankte sie sogar für das Gefühl, dass ich ihr bereitet hatte.
Sie konnte noch erröten, wenn ich etwas Nettes zu ihr sagte. Und sie war verliebt in mich. In einem Maße, dass ich manchmal Mitleid mit ihr hatte. Ich fand sie reizend und mochte sie sehr. Leider konnte ich ihre starken Gefühle noch nicht erwidern.
Und diesem Goldstück tat ich weh. Verletzte ihre Gefühle. Der Anlass dazu ergab sich im Urlaub. Einem verfluchten Urlaub, in dem mir meine spätere Frau begegnete. Sie war das totale Gegenteil zu Margot. Temperamentvoll und von Anfang an ohne Scheu beim Sex.
Aus dem Urlaub zurück rief ich Margot an. Wollte sie treffen und ihr bei der Gelegenheit meinen Entschluss für eine Trennung schonend beibringen. Sie hatte Ehrlichkeit verdient.
„Du bist wieder da“, jubelte sie, als sie meine Stimme hörte, „ich habe dich so vermisst. Endlich scheint für mich wieder die Sonne“.
Wie konnte ich diesem Engel eine Trennung klarmachen? Zum ersten Mal verspürte ich Skrupel. Fühlte mich schäbig und verlogen.
Aber irgendwie musste ich da durch.
Der Zeitpunkt unseres Treffens kam. Ich, wie immer, pünktlich. Sie wartete bereits.
Sah mich kommen. Flog mir an den Hals und bedeckte mein Gesicht mit zärtlichen Küssen. Ich hätte aus Scham in den Boden versinken oder in einem Mauseloch verschwinden können.
Ihre Schultern umfassend, hielt ich
sie vor mir.
„Ich muss dir ein Geständnis machen. Ich habe dich im Urlaub betrogen. Ich war mit einem Mädchen mehrmals im Bett“, sagte ich mit schwerer Stimme und ernstem Blick.
Hoffte damit, meine Beichte würde sie wütend machen. So wütend, dass sie mich zum Teufel schicken würde. So würde doch normalerweise jede liebende Frau reagieren. Jedenfalls fast jede.
Nicht Margot. Sie sah mich an. Mit großen Augen. Kein Vorwurf. Nur Schweigen. Schweigen und Enttäuschung.
In diesem Augenblick fühlte ich mich nicht nur schäbig. Ich hätte vor mir selber ausspucken können. Dennoch. Mir blieb keine Wahl. Absichtlich verletzte ich sie weiter. Sie musste wütend werden. Eine Trennung – von ihr ausgesprochen – würde es ihr leichter machen.
„Jetzt weiß ich nicht, bei welcher Frau ich bleiben soll. Bei dir oder bei der anderen. Sie wohnt nämlich auch in Köln“.
Nun musste sie doch wütend werden! Sie vor die Wahl zu stellen, war doch unzumutbar. Irrtum. Ein trauriger Blick traf mich mitten ins Herz.
„Diese Wahl kann ich dir nicht abnehmen. Das musst du schon selbst entscheiden“.
Konnte eine Frau so sehr lieben? Oder hatte sie so ein unglaublich liebes Wesen?
Ich wusste nicht weiter. Ich hätte schlicht sagen können „Es ist aus“. Ich schaffte es nicht. Ich war feige. Dieser Blick, diese traurige Miene und dann verletzende, harte Worte? Nein. Vielleicht am Telefon, kam mir die rettende Idee. Wie gesagt, ich mutierte zum Feigling.
„Mir fällt es ja auch schwer. Du bist so süß und lieb. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Ich überlege in Ruhe und rufe dich in zwei Tagen an“.
Memme, Feigling, schrie alles in mir.
„Zwei Tage? Das sind für mich zwei Tage wie auf dem elektrischen Stuhl“, versagte ihr die Stimme.
Sie trat an mich heran. Umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr.

„Bitte entscheide dich für mich. Ich liebe dich unendlich“.
Sie drehte sich um und rannte davon. Ich fühlte ihre Tränen noch an meiner Wange.
Nun bekam auch ich feuchte Augen. Und Schluckbeschwerden. Ich verstand mich nicht mehr. Sah in mir das größte Charakterschwein, das auf der weiten Welt herumläuft. Ich stellte bei mir menschliche Werte infrage, die ich bisher zu besitzen hoffte. Meine Entscheidung stand fest. Und ich ließ sie zwei lange Tage im Ungewissen!! Nie vorher, nie nachher fühlte ich mich beschissener.
Zwei Tage später. Der Anruf war fällig. Sogar via Telefon befürchtete ich Probleme zu bekommen, ihr meine Entscheidung mitzuteilen. Eine Entscheidung gegen sie. Um stark bleiben zu können, bat ich meinen Freund Peter um seine Anwesenheit. Wer zeigt schon Schwäche, wenn ein anderer Mann in der Nähe ist?
Mit schlechtem Gewissen wählte ich ihre Nummer.
„Jaaaaa“, erklang es leise.
„Ich bin‟s. Bitte sei nicht traurig. Ich habe mich für die andere entschieden. Ich finde, du hast einen Besseren als mich verdient. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute“.
Ohne eine Antwort abzuwarten, legte ich auf. Weinen, Schluchzen oder Ähnliches hätte ich nicht ertragen. Wäre zu viel gewesen.

Oft und lange noch dachte ich an Margot. Und jedes Mal fragte ich mich, warum ich mich gegen sie entschied. Ihr Verhalten hatte mir doch ihren außergewöhnlichen Charakter gezeigt. Und dass sie mich wirklich liebte. Sie bewies in einem Maß menschliche Werte, dass ich ihrer wahrscheinlich wirklich nicht würdig gewesen wäre.
Ewigkeiten später – nach zwei gescheiterten Ehen – fragte ich mich tatsächlich, ob die ehelichen Fehlgriffe Strafen eines höheren Wesens gewesen wären.
Verdient hätte ich es allemal!!!!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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