Scheckabteilung

Unschlüssig welchen Job ich nach Ende der Schulzeit antreten sollte, folgte ich der Berufsberatung.
„Eine Banklehre ist die ideale Basis für jeden kaufmännischen Beruf“.
So beehrte ich die Deutsche Bank mit derAufgabe, aus mir einen Bankkaufmann zu machen. Im Verlauf der zweijährigen Lehrzeit musste ich wiederholt die Erfahrung machen, dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind. Besonders krass wurde mir dies vom Chef der Scheckabteilung demonstriert.
Der erste Zusammenstoß entstand durch ein privates Telefonat. Die Telefone in dieser Abteilung waren dergestalt, dass man an zwei Apparaten gleichzeitig jedes Gespräch führen und hören konnte.
Ein privates Gespräch mit einer Freundin.
Der Chef schloss richtig auf ein Privatgespräch. Die zwar nicht untersagt waren, aber in beschränktem Rahmen geführt werden sollten. Er griff unverfroren den zweiten Hörer. Wolltehören, was und mit wem ich sprach. DieserSpanner! Wütend sah ich zu ihm hin.
„Wir müssen unser Gespräch sofort beenden“,informierte ich meine Freundin, „jemand hört interessiert mit“, feuerte ich wütend den Hörer auf die Gabel.
Fassungslos musterte ich den Kerl. Bevor er lospoltern konnte – denn so deutete ich seinen Gesichtsausdruck – legte ich los.
„Was fällt Ihnen ein. Haben Sie schon einmal etwas von Privatsphäre gehört. Unterlassen Sie zukünftig, meine Telefonate mitzuhören“.
Mehr brachte ich mangels fehlender Luft nicht heraus.
„Wie reden Sie mit mir?“ fauchte er. „Sie sind hier, um zu arbeiten. Nicht, um zu telefonieren. Halten Sie sich immer vor Augen, dass Sie nur Lehrling sind“, fuhr er lauter werdend fort.
„Ein Lehrling, der genau wie Sie von der Bank bezahlt wird“.
Ich konnte einfach meine Klappe nicht halten.Bevor er etwas erwidern konnte, rückte ich mit einem Vorschlag raus.
„Ich gehe gerne mit Ihnen zur Personalabteilung. Dort klären wir die Angelegenheitmit dem Telefonat“.
„Meine Zeit ist zu kostbar, um sie für Sie bei der Personalabteilung zu verschwenden“, kam seine hochnäsige Antwort. „Doch Sie werden mich noch kennenlernen!“
Das tat ich. Ihn kennenlernen. Er hatte sich auf mich eingeschossen. Meckerte permanent über alles und jedes. Zu allem Unglück war die Scheckabteilung die größte Abteilung der Bank. Geschlagene drei Monate musste ich unter diesem Mistkerl leiden.
Zum Glück gab es nur noch eine heftige Konfrontation. Die aber nicht ohne war!
Es begann damit, dass die Naht meiner Hose im Schritt völlig aufriss. Geschehen beim Einsteigen in das Auto eines Kollegen. Der mich morgens mitnahm. Selber fuhr ich immer noch mein treues Moped.
Es war in jenen Jahren undenkbar, ohne Anzug und Krawatte zur Arbeit zu erscheinen. Verrückt aber wahr. Ein Bankkaufmann war in den Augen der Leute etwas Besonderes.
Wieder zur geplatzten Naht. Ich musste zurück in die Wohnung. Den Anzug wechseln. Der Kollege befürchtete, zu spät zur Arbeit zu erscheinen. Wollte nicht warten.
Also benutzte ich nach Anzugwechsel die Straßenbahn. Verständlicherweise erreichte ich sehr unpünktlich meine Arbeitsstelle. Betrat mit ungutem Gefühl in der Magenregion die Scheckabteilung.
Aha. Da stand er. Da stand seine Eminenz. Hinter meinem Schreibtischstuhl. Hände auf die Rückenlehne. Arme gestreckt. Erwartungsvoll blickte er mir entgegen. Mit Vorfreude in den Augen. Freude darauf, einen unbedeutenden Lehrling für eine unangekündigte Verspätung zur Schnecke machen zu können.
Ohne ihn zu beachten, setzte ich mich mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ auf meinen Stuhl.
Dann ging es los.
„Wo kommen Sie her?“ Gespielt höflich.
„Von zu Hause“, gab ich bereitwillig Auskunft.
„Werden Sie nicht unverschämt“. Nicht mehr höflich. Laut.
„Wieso unverschämt? Ich komme von zuHause!“ War ja auch so.
„Und weiß der Herr, wie spät es ist?“ Noch lauter.
Ich hatte natürlich eine Uhr am Arm. Dennoch. Wieder einmal mich ritt der Teufel. Zu verlockend war die Situation.
An der Wand hing eine Uhr. Ich drehte mich um und wollte genau auf diese Uhr schauen. Leider, ha, ha, ha, stand er genau in meiner Blickrichtung.
„Wenn ich Ihnen die Uhrzeit sagen soll, treten Sie bitte einen Schritt zur Seite. So, wie Sie jetzt stehen, kann ich die Uhr nicht sehen“.
Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Ein kräftiges Rot kroch aus dem Hemdkragen bis an die Haarspitzen.
Zu allem Überfluss waren Kollegen aufmerksam geworden. Verfolgten höchst interessiertden Wortwechsel zwischen Chef und Lehrling. Nun wurde der Boss herausgekehrt. Jetzt wollte er dem kleinen Lehrling zeigen, wer der ungekrönte Herrscher in der Abteilung war.
„Wir gehen jetzt zur Personalabteilung. IhreUnverschämtheiten gehen mir einfach zu weit. Das klären wir an anderer Stelle, mein Herr!“
Was bezweckte der Kleingeist bloß mit den ewigen Drohungen, zur Personalabteilung zu pilgern?
Saß dort der böse Mann, der unartige Lehrlinge in den Sack steckt?
„In Ordnung. Gehen wir zur Personalabteilung. Schön, dass Sie heute Zeit dazu haben“,bekundete ich mein Einverständnis.
In der Personalabteilung angekommen. Die Sekretärin bedauerte, dass eine Besprechung noch Stunden dauern würde.
„Dann kommen wir wieder“, knurrte mein Chef.
Auf dem Weg zurück in seine Abteilung.
„Ich hoffe, Sie fallen durch die Prüfung“.
Das war ein starkes Stück! Hätte er diese Hoffnung vor Zeugen kundgetan, hätte er Schwierigkeiten bekommen.
Es war zwar unglaublich schwer, die Antwort, die mir auf der Zunge lag, runterschlucken. Aber ich schaffte es. Manchmal ist es wirklich besser, zu schweigen.
Die Sache mit der Personalabteilung verlief leider im Sand. Schade eigentlich, Zu gerne hätte ich gewusst, wie sein und mein Verhalten beurteilt worden wären. Er Chef und ich Lehrling? Dürfte meines Erachtens keine Rolle gespielt haben.
Ob es so gewesen wäre? Ich habe es nie erfahren.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

Letzte Artikel von Hubert (Posts)

Ein Gedanke zu „Scheckabteilung

  1. Pingback: Kündigung bei der Bank | Hubert Plug

Kommentare sind geschlossen.