Sklavendienst im Supermarkt

Meine erste Erfahrung mit dem Berufsleben war eine bittere Erfahrung. Nicht dazu angetan, diesem Lebensabschnitt optimistisch entgegen zu sehen. Der Schulwechsel von Realschule zur Höheren Handelsschule brachte sechs Wochen Freizeit. Die ich nicht ungenutzt verstreichen lassen durfte. Anstoß dazu kam von meiner geliebten Frau Mama.
„Wie denkt mein Herr Sohn darüber, wenn er sich bis zum Beginn der neuen Schule einen Job sucht? Oder hast du dir vorgestellt, die ganze Zeit faul herumzusitzen?“
Das war es zwar, was mir vorgeschwebt hatte. Aber wenn Muttern mir den Titel Herr Sohn verlieh, war Umdenken angesagt. In diesem Fall war Umdenken gleich lügen.
„Aber Mama, wo denkst du hin? Ist doch klar, dass ich gerne ein paar Mark verdienen möchte. Ich weiß nur noch nicht wo und wann“.
Meine Erziehungsberechtigte belügen war von jeher nicht nur schwer.

War unmöglich. Ich war anscheinend ein offenes Buch für sie. In dem sie nach Belieben lesen konnte. Ihr durchdringender Blick bewies auch hier, sie hatte mich durchschaut. Um nun nicht mit unangenehmen Fragen bombardiert zu werden, schob ich schnell so etwas wie eine Anklage hinterher.
„Das Geld kann ich im Moment nämlich gut gebrauchen. Mit den paar Mark Taschengeld, die ich von euch erhalte, kann ja kein Mensch existieren“.
Dem nun folgenden Vortrag, warum und weshalb für einen Schüler – „der noch keinen Finger krumm gemacht hat“ – das Taschengeld angemessen war, hörte ich nur halbherzig zu. In Gedanken war ich bereits bei all den schönen Dingen, die ein unternehmungslustiger Schüler, der keine Schule besuchen musste, anstellen kann.
„… und deshalb kannst du schon morgen dort erscheinen“, riss mich das Ende der Predigt in die brutale Gegenwart zurück.
„Was soll ich?“
„Anscheinend hat mein Herr Sohn zum x-ten Mal nicht zugehört. Darum wiederhole ich jetzt speziell für dich noch einmal. Der Supermarkt drei Straßen weiter sucht Aushilfskräfte. Ich habe dich gestern angemeldet. Morgen kannst du dort anfangen“, zerplatzten alle Pläne für die nähere Zukunft mit lautem Knall.
Ein letzter Versuch – „woher weißt du überhaupt, dass dort Leute gesucht werden“ – brachte mich nicht weiter. Im Gegenteil. Der nächste Rüffel war fällig.
„Weil ich, anders als mein Herr Sohn, meine Augen offen halte. Neben der Eingangstür des Supermarktes hängt ein Schild. Und genau auf diesem Schild kannst du lesen, was ich dir gesagt habe“.
„Trotzdem möchte ich mich in Zukunft selber bewerben. Schließlich bin ich kein Baby mehr“, musste zum Schluss einfach sein.
So stand ich am nächsten Morgen in aller Frühe vor dem Supermarkt. In der rechten Hand eine Tüte mit Butterbroten. Mutters Vorrat für ihren Herrn Sohn, um ihn nicht dem Hungertod zu opfern. Nach kurzer Identifizierung, dass es sich bei mir um den avisierten Herrn Plug handelte, wurde ich meinem Chef für die nächsten Wochen anvertraut. Dass es sich dabei um einen Mann handelte, bei dessen Anblick ich freiwillig die Straßenseite gewechselt hätte, behielt ich für mich.
Der von Muttern ausgehandelte Stundenlohn von drei Mark war zwar nicht das Gelbe vom Ei. Eine schnelle Hochrechnung – fünf Wochen täglich sechs Stunden – ergab die Summe von 450 Mark. Anno 1957 ein Betrag, der nicht zu verachten war. Die in der Kalkulation vernachlässigte sechste Woche Freizeit gedachte ich, nach eigenem Gutdünken zu nutzen.
Die mir zugewiesene Arbeit bestand aus Tätigkeiten, die jeder Mensch mit einem IQ im Bereich eines Fieberthermometers erledigen konnte. Wasseroder Bierkästen stapeln. Bei Bedarf aufs Fließband befördern. Regale auffüllen. Artikel mit Preisen auszeichnen. Letzteres war am zweiten Arbeitstag meine ‚verantwortungsvolle’ Aufgabe. Natürlich befanden sich alle Artikel in den unteren Regalfächern. Das hieß bücken, bücken, bücken.
Bald schon streikte mein Rücken. Um ihn zu beruhigen, stand ich von Zeit zu Zeit auf. Dehnte und streckte den misshandelten Körperteil. Wieder einmal bei einer Dehnübung. Wie aus dem Nichts tauchte urplötzlich der Boss auf. Sein wütender Anblick weckte Erinnerungen an den unehelichen Sohn von Frankenstein und Godzilla.
„Was veranstalten Sie denn hier? Sie werden nicht fürs Turnen bezahlt“.
„Ich turne doch nicht. Ich dehne nur meinen Rücken. Das ewige Bücken geht ganz schön auf die Knochen“, verteidigte ich mich. Aus Angst vor dem Ungetüm mit piepsiger Stimme.
„Werden Sie nicht frech“, war eine Antwort, die zu seinem Anblick passte.
„Ich bin doch nicht frech geworden. Ich möchte Ihnen nur …“, weiter kam ich nicht. „Gehen Sie ins Büro, und holen Sie Ihren Lohn. Sie sind gefeuert“, machte mir klar, hier war jedes weitere Wort Perlen vor die Säue geworfen.
Mit voller Butterbrottüte auf dem Heimweg suchte ich nach Antworten auf Fragen, die mich bewegten. Sah so das wahre Berufsleben aus? Gab es nur die Möglichkeit, Sklave oder Sklaventreiber zu sein? Wie konnte ich Mutter glaubhaft verklickern, dass ich nach einem Tag und drei Stunden wieder ‚arbeitslos’ war? Wie komme ich mit meinem Lohn von dürftigen 27 Mark über die Runden? Denn dass Muttern zusätzlich etwas rausrücken würde, konnte ich getrost vergessen. Das Wichtigste schlechthin, was fange ich mit dem Rest meiner Freizeit an? Woanders mein Glück versuchen, kam nicht in die Tüte. Ich hatte meinen guten Willen bewiesen. Und aus.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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