Sportlehrer

Eine für alle Generationen nie versprudelnde Quelle für Kurzgeschichten wird wohl der Schulbereich sein. Hierbei können Erlebnisse mit Pädagogen von prägender Bedeutung sein. Je nach Alter und Reife der Schüler üben Pädagogen Vorbildcharakter aus. Vorschriften, in den Fünfzigern, Sechzigern noch nicht vorhanden, bewirken heutzutage sicherlich, dass der eine oder andere Lehrer in der heutigen Zeit seinem pädagogischem Auftrag mit mehr Feingefühl erfüllt. So könnte ich nahezu endlos über all das schreiben, was ich mit dem Lehrkörper erleben durfte – und musste. Ein besonderes Exemplar musste ich auf der Realschule mit dem Sportlehrer ertragen. Pädagogischer Umgang mit Schülern war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Probleme bei Bodenund Geräteturnen ließen mich zum Opfer seiner Sprüche werden. Anlass dazu gab mein Erscheinungsbild.

Das mehr einem Mops denn einem Sportler nahekam. Bemerkungen wie „du bewegst dich wie ein Sandsack“ oder „ein Schwein ist gelenkiger als du“ wurden im Sportunterricht Normalität. Meine Zeugnisnoten waren dementsprechend – ausreichend. Dann aber! Meine große Zeit nahte.
Der Deutsche Sportbund hatte in NRW eine Meisterschaft für Realschulen ausgeschrieben. In den Disziplinen Turnen, Leichtathletik und Schwimmen. Mehrere Jahre Training im Schwimmverein waren nicht vergeblich gewesen. Zeigten Erfolg. Ich war ein guter Schwimmer. Also meldete ich mich für die Schwimmmannschaft. „Du???“ war alles, was mir unser Drillmaster verächtlich ins Gesicht schleuderte. Nach einem Test im Schwimmbad konnte ich ihn von meiner Tauglichkeit überzeugen. Ich wurde stolzes Mitglied der Kraulstaffel.
Eine goldene Zeit brach damit an. Befreit von Tätigkeiten, die Verletzungsgefahr in sich bargen, durfte ich nur noch genüsslich den Zuschauer spielen.
„Schone dich, du darfst dich nicht verletzen“, war zu jener Zeit eine Aussage, die ich nicht oft genug hören konnte.
Das große Sportereignis brachte ein Resultat, das den Sportlehrer vor Stolz fast platzen ließ. Die Realschule des Kölner Vorortes Ehrenfeld wurde NRW-Meister im Schwimmen und in der Leichtathletik, Zweiter im Turnen. Damit staubte unsere Schule auch die Gesamtmeisterschaft ab. In diesem Jahr hatte ich zum ersten und letzten Mal ‚gut’ auf dem Zeugnis in Sport stehen. Danach war alles beim alten. Keine Befreiung. Beschimpfungen wurden wieder normal. Die Zeugnisnote zeigte wieder das gewohnte ‚ausreichend’.

Diese Story wurde auch im Kölner-Stadt-Anzeiger veröffentlicht.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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