Tachometerstand

Etwa zwölf Jahre alt. Ein Jahr älter als mein bester Freund Hans-Dieter, Spitzname Flüm. Obwohl dicke Freunde schwelte so etwas wie ein harmloser Konkurrenzkampf zwischen uns. Der sich anfangs auf körperliche Betätigungen beschränkte.
Auf eine Herausforderung wie „ich schwimme schneller als du“, folgte postwendend „ich kann aber schneller rennen“. „Ich springe viel weiter als du“, wurde mit „ich kann aber weiter werfen“, gekontert.
Diese und ähnliche Wortspielereien bekamen eines Tages einen anderen Hintergrund. Unsere Fahrräder waren es. Nein, das ist so nicht ganz richtig. Es war ein Teil der Fahrräder. Es war der Tachometer an der Lenkstange. Genauer, es war der Kilometerstand des Tachometers.
Der Reihe nach.
Unsere Eltern schenkten uns zeitgleich Fahrräder. Von unterschiedlichen Herstellern.

Klar, nun wollte jeder dem anderen zeigen, wer die tollere Maschine unterm Hintern hatte. Dass dazu ein schlichtes Wettfahren über eine bestimmte Distanz Klarheit geschafft hätte, war uns zu einfach. Der Tachometerstand wurde zum Schiedsrichter auserkoren. Er sollte die Zahl der gefahrenen Kilometer belegen.
„Wir vergleichen jede Woche, wie viel wir gefahren sind. Dann sehen wir ja, wer mehr Spaß daran hatte, mit seiner Maschine zu fahren“. Abwertende Beurteilungen der ‚gegnerischen’ Maschine – „deine Karre fällt sowieso bald auseinander“ – wurden auf ähnliche Art und Weise gekontert.
Entbrannter Ehrgeiz spornte uns unabhängig voneinander an. In jeder freien Minuten wurden Kilometer gemacht. Der Freund sollte schon sehen, wer der wahre König im Sattel war. Zu Anfang nahm die Kilometerzahl bei beiden relativ gleichmäßig zu. Entweder hatte Hans-Dieter knapp die Nase vorne, oder ich lag in Führung. Urplötzlich schnellte der Stand der gefahrenen Kilometer in schwindelnde Höhe. Leider weiß ich heute nicht mehr, war es bei mir oder bei meinem Kontrahenten. Wie auch immer. Auf jeden Fall hatte einer von uns die zündende Idee, seine Maschine auf den Kopf zu stellen. Dadurch wurden die Räder frei. Frei, um per Hand in Bewegung gesetzt zu werden. Besonders das Rad, das von Bedeutung war. Das Vorderrad. Mit diesem Rad war der Tachometer per Kabel verbunden. Mein Freund oder ich hockte nun Abend für Abend in der Wohnung vor dem jeweiligen Fahrrad.

Er oder ich hielt das wichtige Vorderrad unermüdlich in Schwung, bis der Arzt kam. Kilometer mussten her. Je mehr, je besser. Wunde Finger wurden mit Handschuhen geschützt. Fragen der Eltern „was soll das alles?“ wurden ignoriert. Natürlich konnte der Nichtdreher den immensen Anstieg der gefahrenen Kilometer nicht fassen.
„Wann bist du denn so viel gefahren?“
„Gestern“.
„Wann gestern? Wir waren doch die ganze Zeit zusammen. Bis abends!“
„Danach. Meine Eltern haben mir erlaubt, noch ein paar Runden zu fahren“.
„Glaube ich dir nicht“.
„War aber so. Glaub doch, was du willst“.
So oder so ähnlich sprach er oder ich. Selbst bis zum heutigen Tag wird von beiden Seiten vehement bestritten, jemals gemogelt zu haben.
„Meine Kilometer waren echt gefahrene Kilometer“. „Meine auch“.

Diese Story wurd im Kölner-Stadt-Anzeiger veröffentlicht.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
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