Thekenmannschaft

Die Liebe zu König Fußball trieb meine Freunde und mich dazu, eine eigene Mannschaft zu gründen. Eine Thekenmannschaft. Der Name war schnell gefunden. FC Lenau. Zum einen befand sich das Domizil der meisten Spieler rund um den Lenauplatz. Zum anderen befand sich an diesem Platz unsere Stammkneipe.
Unsere fußballerischen Künste bewegten sich in einem Bereich, der es erlaubte, dass in Köln jeder Gegner vom Platz gefegt wurde. Grund genug für den Wirt der Stammkneipe, für jeden Sieg ein Essen zu kredenzen.
Über seinen an der Mosel ansässigen Weinlieferanten hatte er ein Spiel gegen den dortigen Mittelmoselmeister abgeschlossen. Eine Mannschaft, die in der Bezirksklasse spielte.
Besonderen Anreiz bot für elf stramme Burschen, die in vollem Saft standen, der
Spieltermin. Vatertag!!!!
Jeder Einzelne noch ohne Fangeisen am Ringfinger scharrten wir mit den Hufen, um uns endlich den Moselschönheiten präsentieren zu können. Denn eins war doch wohl klar wie Kloßbrühe. Beim Anblick gestandener Kölner würden die Schönheiten dahinschmelzen. Einen Tag vor Vatertag beehrten wir den Spielort Kinheim-Kindl mit unserem Besuch. Bei der Einfahrt in den Ort erlebten wir die erste Überraschung.
An etlichen Hauswänden warben Plakate für den Besuch des Spiels. Soweit war das ja noch in Ordnung. Die Überraschung bereitete der Text der Plakate.
„Köln“ gegen „Kinheim“.
Das klang ja ganz so, als ob der 1.FC Köln hier antreten würde. Zum Teil waren wir ob dieser Bezeichnung stolz. Zum Teil wurde uns ein wenig mulmig. Wenn hier der 1.FC Köln erwartet wurde, wie sah dann unser Gegner aus? Immerhin bestand unsere Thekenmannschaft aus unbezahlten Amateuren.
Die nächste Überraschung.
Herausgeputzt ging’s ins Tanzlokal. Begierig die Dorfschönheiten zu erleben.
„Was ist denn hier los?“, polterte Flüm, nachdem wir den Tanzschuppen betreten hatten. „Gibt es hier keine Frauen?“
In der Tat. Überall nur Männer. Die wenigen anwesenden Frauen waren in einem für uns uninteressanten Alter. Zu alt, viel zu alt. Vorsichtige Erkundigungen klärten uns auf. Paarungsfähige oder -willige Bewohner aus der Kategorie weiblich waren unterwegs auf einer Busreise. Verdonnert dazu von Mama oder Papa. Aus Sorge um das brave Töchterchen, das den Kannibalen aus der großen Stadt nicht in die Hände fallen durfte.
„Sie müssen das verstehen“, flüsterte mir ein grauhaariger Opa ins Ohr. „Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, was man sich hier so alles über Köln erzählt. Da muss es ja zugehen, wie in Sodom und Gomorrha“.
„So ein Unsinn“, schwang ich mich zum Verteidiger meiner Heimatstadt auf. „Wir hätten schon niemand aufgefressen. Im Gegenteil, wir wären besonders nett zu den Damen gewesen“, fuhr ich bedauernd fort.
Zustimmendes Lachen belohnte meine Worte.
Keine weiblichen Geschöpfe? Was blieb da? Nur der Alkohol!! Die meisten Mannschaftskameraden waren diesem Teufelszeug zugetan. An diesem Abend erst recht. Aufgrund fehlender Weiblichkeit wurde der Kummer gründlich runtergespült. Die Quittung präsentierte der nächste Morgen.
Wenige
Stunden vor Spielbeginn!!
Zwei Mitspieler hatten den Weg zur Pension nicht gefunden. Kurzerhand schliefen sie in einen Vorgarten. Umgeben von Blumen und Gemüse. Ihr Anblick? Schwamm drüber. Mit Ausnahme dreier Freunde boten alle ein jämmerliches Bild. Bleich. Käsig. Rote Augen mit dunklen Ringen. Übernächtigt. Kopfschmerzen von der Größe eines Fesselballons.
Mit einer Mannschaft in diesem elenden
Zustand wollten wir gewinnen?
Kurz vor angesetztem Spielbeginn schlichen wir zum Fußballplatz. Durch ein Spalier von etlichen Hundert Zuschauern.
„Das auch noch“, flüsterte Flüm mir zu. „Auch noch Zuschauer. Das wird heute eine Riesenblamage für uns!“
Der Schiedsrichter trabte an. Verlangte die Spielerpässe. Nun war und ist es ist für jede Mannschaft, die dem DFB angehört, verboten, gegen sogenannte wilde Mannschaften anzutreten.
Anscheinend war hier tatsächlich unbekannt, dass wir eine Thekenmannschaft und nicht der 1.FC Köln waren!
Spielerpässe? Was nun? Geistesgegenwärtig übernahm ich das Wort.
„Die Pässe haben wir leider in der Pension vergessen. Wir überreichen Ihnen die Pässe nach Spielende“.
„Aber bitte nicht vergessen“. Strenger Blick.
„Auf keinen Fall“.
Ich war der einzige, der noch denken und glaubhaft lügen konnte. Hatte dem Teufelszeug schon lange abgeschworen.
Der Spielverlauf übertraf unseren Befürchtungen noch. Der Mittelmoselmeister berannte ununterbrochen unser Tor. Zum einen hatten unsere Spieler mehr mit den alkoholischen Nachwirkungen als mit dem runden Leder zu kämpfen. Zum anderen brannte der Gegner vor Ehrgeiz. Sie wollten es den ‚großen’ Kölnern gründlich zeigen. Alles Anrennen nutzte nichts. Entweder wurden die besten Chancen vergeben. Oder unser in Hochform spielender Torwart parierte die tollsten Schüsse.
Dann kam es, wie es im Fußball oft kommt. Zweimal konnten wir uns aus der Umklammerung befreien. Zweimal zappelte der Ball im gegnerischen Netz.
Das erste Tor schoss Lu. Beim zweiten staubte Flüm ab. Ich hatte den Ball gegen die Latte geschossen. Der Torwart, der nach meinem Schuss hechtete, lag noch am Boden. Den von der Latte abgeprallten Ball drückte Flüm zum Endergebnis von 2:0 über die Torlinie.
Eine alkoholisierte Mannschaft gewann gegen den Mittelmoselmeister!! Wir konnten es kaum fassen. Sieg!! Egal ob verdient oder nicht. Wir waren die Sieger. Wir waren die Größten! Total verrückt spielte der Wirt. Immer wiederholend „Das sind meine Jungs“ drückte er jeden an seine Brust. Der versehentlich in seine Nähe kam.

Fußballmatch gegen Bewohner der Hacketäuer Kaserne!

Der ehemalige Soldatenübungsplatz war in einen Fußballplatz umgewandelt worden. Die Gebäude in Sozialwohnungen. Soweit so gut. Die aktuellen Bewohner der ehemaligen Kaserne waren selbst bei objektiver Beurteilung alles andere als biedere Mitbürger.
Ahnungslos was uns erwartete passierten wir mit unseren Autos guter Dinge das Kasernentor. Und wurden blass. Der Anblick, der sich uns bot, hatte es wahrlich in sich. Vor allen Haustüren lagen große Müllhaufen. Fliegen umschwirrten den Abfall.

„Haben die denn hier keine Mülltonnen?“, fragte jemand aus der Runde.
Bevor er eine Antwort erhielt, beantwortete die Frage sich von selbst. Eine Haustür öffnete sich. Ein Bewohner leerte einen Eimer. Gefüllt mit Küchenabfällen. Der schon herumliegende Müllhaufen wuchs in die Höhe.
„So geht es natürlich auch“, kommentierte ich ironisch, „der Weg zur Mülltonne ist wahrscheinlich zu weit“.
Fehlende Umkleidekabinen sowie hygienische Gründe zwangen uns zum Kleiderwechsel in den Fahrzeugen. In einheitlichen Trikots liefen wir aufs Spielfeld. Wo wir bereits vom Gegner erwartet wurden.
Oh Gott, wie sahen die denn aus?
Zwei Spieler trugen ein Trikot. Drei oder vier bevorzugten geflickte Unterhemden. Zwei weitere Oberhemden. Der Rest Pullover. Eines hatten alle gemeinsam. Ungepflegt. Und duftend wie eine Herde Schakale.
Dutzende Zuschauer umringten den Platz. Ausnahmslos Anwohner der ehemaligen Kaserne. Ausnahmslos Fans der vor uns stehenden Mannschaft. Ausnahmslos Familienangehörige. Meist Söhne, aber auch Väter.
„Schreck lass nach“, murmelte leise ein Mannschaftskamerad, „wir spielen heute gegen vierhundert Jahre Knast. Schaut euch die Zuschauer an! Weitere achthundert Jahre“.
Zum Glück wurden die abfälligen Bemerkungen nicht gehört.
Anpfiff. Das Spiel ging los.
Bei jeder Aktion gegen ihre Lieblinge wurden die Zuschauer aktiv.
„Wenn du Sau meinen Sohn noch einmal foulst, hast du ein Messer im Rücken“, waren gängige Drohungen. Dabei handelte es sich nur um normale Härte. Keineswegs um Fouls. Ansonsten wäre schließlich vonseiten des Schiedsrichters gepfiffen worden.
Der arme Kerl blieb ebenso nicht verschont. Einmal erkannte er ein Tor unseres Gegners nicht an. Der Spieler stand eindeutig im Abseits. Die Zuschauer tobten.
„Du Arsch. Hat man dich bestochen? Noch so ein Pfiff und es ist aus mit dir“.
Natürlich blieb die Pöbelei nicht ohne Wirkung. Niemand traute sich etwas zu. Unsere Stürmer gingen jedem Zweikampf aus dem Weg. Die Hintermannschaft spielte wie eine Truppe aus dem Mädchenpensionat. Jede Härte wurde vermieden. Unsere einzige Sorge war, dieses Höllenmatch so zu beenden, wie wir es begonnen hatten. Lebend und unversehrt.
Spielerisch waren wir haushoch überlegen.
Unter normalen Bedingungen – vor allen Dingen ohne diese Zuschauer – hätten wir das Spiel 5:0 oder 6:0 gewonnen.
So jedoch lautete das Endergebnis 1:0 für uns. Durch ein Selbsttor. Keiner unserer Stürmer hatte den Mut aufgebracht, ein Tor zu schießen. Wäre gesundheitsgefährdend gewesen.
Nach Spielschluss ging es im Galopp in durchschwitzten Trikots zu unseren Wagen. Nichts wie ab. Umziehen konnten wir uns später. Auf dem Weg zu den Fahrzeugen begleiteten uns freundliche Sprüche.
„Ihr wollt der starke FC Lenau sein? Gewinnen hier glücklich durch ein Selbsttor“.
„Scheißmannschaft. Gewinnt, ohne ein Tor geschossen zu haben“.
„Haut bloß ab, Ihr Drecksäcke. Kommen hier an wie die Weltmeister und spielen beschissen wie die Anfänger“.
Alles egal. Nur weg. Wir waren heil und gesund. Tote waren auch nicht zu beklagen. Allein das zählte.
Nie mehr kamen wir nur in die Nähe der Hacketäuer Kaserne!!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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