Unglückliche Umstände

Mit Gina wieder einmal am Bach zu finden. Auf einem Spaziergang, der nicht gut begann, schlecht weiterging und beschissen endete.
Der nicht gute Beginn ging auf mein Konto. Genauer auf das Konto meiner Schussligkeit. Beim Anziehen der Hundespazierhose verssäumt, die Kordel im Bund zu straffen, stand ich nach fünfzig Metern sozusagen im Freien. Gedanklich zu sehr in die Vergangenheit  vertieft, spürte ich die Kälte an nackten Beinen erst, als es zu spät war. Nicht zu spät, um die entblößten Beine zu bedecken. Das störte mich nicht. Zum einem war ich mit Gina allein auf weiter Flur. Zum anderen war schamhaft etwas, was mir fremd war.
Nein, die verdammte Hose musste ihre Reise weg vom Po ausgerechnet in einer Pfütze beenden. Kein Wunder. Ähnelte doch der gesamte Weg an diesem Tag einer großen Pfütze. Die Regenwolken der vergangenen Tage hatten ganze Arbeit geleistet.
„Das fängt ja toll an. Keine Minute unterwegs und schon ist die Hose nass“, knurrte ich verärgert. Und ratlos.
Was nun? Zurück ins kuschelig warme Heim? Nasse Hose ignorieren? Gina, die inzwischen erstaunt die Hose beschnupperte, um Rat fragen, ging auch nicht. Das egoistische Mädchen hätte ohne Zögern auf ihrem Spaziergang bestanden.
In der Hoffnung, dass mein Immunsystem Auswirkungen einer nassen Hose besiegen würde, ging es kurz entschlossen weiter. Um der Wahrheit gerecht zu sein, den Ausschlag gaben die ungeduldigen Augen der Kleinen. Die um Fortsetzung bettelten.
„Meine Tierliebe bringt mich eines Tages noch unter die Erde“, murmelte ich.
Übrigens, mit einer nassen Hose am Hintern, bei Außentemperaturen im Minusbereich, macht ein Spaziergang viel Freude. Auch die Gangart wird eine andere.
Zwanzig Minuten später. Der Nieselregen hatte sich zu einem handfesten Regen gemausert. Dem ich schutzlos ausgesetzt war. Weil ein Schirm, der im Wagen liegt, seinen Dienst nicht verrichten kann.
Zu allem Überfluss hatte Gina auf der Wiese ein Loch entdeckt, das höchst interessant schien. Und ausgiebig erforscht werden musste. Wobei ausgiebig durch lange und lange durch sehr lange ersetzt werden kann.
Da stand ich armer Tropf nun. Mit einer Hose, die an Beinen und Hintern klebte. Mit einer Mütze auf dem Kopf, die inzwischen mehr ein nasser Lappen war.
Und fror und wartete. Und wartete und fror. Fünf, zehn oder mehr Minuten. Gegen Frieren konnte ich zu Hause etwas unternehmen. Gegen Warten an Ort und Stelle.
„Komm her, du Kröte. Es geht heimwärts. Herrchen friert“, ließ Gina Loch Loch sein und trabte brav heran.
Zehn Schritte Richtung Heimat bewältigt tauchte ein Hund aus der Wegbiegung auf. Ein großer Hund. Ein verdammt großer Hund. Und nun? Wieder das übliche Tamtam? Blieb mir denn an diesem verteufelten Tag nichts erspart?
Die Wiese könnte die Rettung bringen. Dort könnten wir dem in meinen Augen immer größer werdenden Hund ausweichen. Rauf auf die Wiese. Kampf vermeiden. Friedlich bleiben. Gina lag zwar bereits in Angriffsposition, wurde aber erbarmungslos von der Leine mitgezogen.
Was nun folgte, ließ mich den Glauben an Gott und die Welt verlieren. So viel Pech an einem Tag – ach was, im Verlauf einer halben Stunde konnte nur schlimmen Sündern widerfahren. Zählte ich etwa zu dieser Kategorie?
Etwa zehn Meter vom Weg entfernt machte ich die bittere Erfahrung, dass Dauerregen in der Lage war, eine Wiese in ein Moor zu verwandeln. Zumindest die Stelle, an der ich gerade knöcheltief eingesunken war.
Mein wütendes Brüllen „das darf alles nicht wahr sein. So ein verdammter Mist“, brachte mich auch nicht weiter. Ebenso wenig wie Ginas ängstliche Blicke.
Herrchen schreit? Habe ich etwas falsch gemacht? Ist Herrchen böse mit mir?
Meiner aufbrausenden Mentalität bewusst, zwang ich mich mühevoll zur Ruhe. Obwohl die Kleine indirekt an allem schuld war, was ich erleiden musste, versuchte ich, objektiv zu bleiben.
Klar, wäre der Spaziergang ins Wasser gefallen, würde ich jetzt im Sessel vor der Flimmerkiste sitzen. Dennoch war ich nicht so ungerecht, in Gina den Verursacher für die Pannen zu sehen.
Der erste Schritt zurück ins gewohnte Leben war nun, Gina zu trösten.

„Nein, mein Mäuschen, du warst ganz lieb. Herrchen ist auf sich selber wütend. Weil er vergessen hat, die Hose zuzubinden. Weil er den Schirm im Auto gelassen hat. Und weil er zu dumm war, zu testen, ob die Wiese noch eine Wiese ist“.
So, Punkt eins abhaken. Punkt zwei in Angriff nehmen. Wiese verlassen. Schwieriger als gedacht. Beide Schuhe wurden wie eingesaugt vom Matsch festgehalten.
„Verdammt, sitzt da jemand unter dem Gras, der meine Schuhe klauen will?“ war es vorbei mit mühevoll errungener Ruhe.
Ich zog und zerrte bis an die Schmerzgrenze. Ohne Erfolg.
„Wenn ich jetzt noch auf Socken bis zum Parkplatz latschen muss, kriege ich nen
Herzinfarkt“, befürchtete ich tatsächlich, den Spaziergang nicht zu überleben.
Einatmen, ausatmen. Beruhigen. Adrenalinspiegel runterfahren. Auf zum letzten Versuch.
„Na endlich“, gab die Wiese mit einem schlürfenden Plopp die Schuhe ihrem Besitzer zurück.
Bereits der erste Schritt in Freiheit zeigte deutlich, was nun vor mir lag. Etwa einen Kilometer Fußweg mit nasser Hose und Matsch in den Schuhen. Da musste einfach Freude aufkommen!!!
„Irgendwie habe ich sogar Glück. Der Matsch hat sich gleichmäßig in beide Schuhe verteilt“, fand ich mit Galgenhumor selbst in dieser Situation noch etwas Positives an meinem Zustand.
Fünf, sechs – gefühlte dreißig – Minuten später. Minuten, in denen ich mein Pech verfluchte. In denen ich aber auch in Gedanken bereits unter der heißen Dusche stand.
Wieso war die Wiese noch in Sichtweite? Sofort galt meine Aufmerksamkeit Gina. Sieh an, sieh an. Das rücksichtslose Weib schien die vergeudete Zeit auf der Wiese nachholen zu wollen. Nahm keine Notiz vom erbärmlichen Zustand des Leinenführers. Ungewöhnlich lange wurde beschnüffelt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Ein Grashalm hier, ein Busch da, ein Baumstamm dort drüben. Alles, was auf dem Hinweg bereits untersucht wurde, musste noch einmal kontrolliert werden. Es könnte ja die eine oder andere neue Botschaft hinzugekommen sein.
Neben der ewigen Schnüffelei drückte heute ein anderes Problem zusätzlich auf mein Nervenkostüm. Die Leine war der Übeltäter. Sie war es, die viel zu straff gespannt. Sie war es, die den linken Arm zum stummen Protest veranlasste.

Mein Rat an Gina „zieh nicht so heftig“, wurde von der Kröte ignoriert. Obwohl es für Mensch und Tier von Vorteil gewesen wäre. Der Arm hätte sich in Ruhe auskurieren können. Und dass Ginas Hals Gefallen daran gefunden hatte, unentwegt gewürgt zu werden, konnte ich mir nicht vorstellen.
Matsch in den Schuhen, nasse Hose am Hintern, nasser Lappen auf dem Kopf, all das addiert, konnte nur zu einem Ergebnis führen. Nicht länger mit mir. Auf mich warteten eine heiße Dusche und trockene Klamotten. Beides dringend benötigt.
„Komm, Mäuschen, Herrchen will schnell nach Hause“, sollte meine Stimme den augenblicklichen Busch uninteressant werden lassen. Sollte – war nicht so.
„Vergiss den Busch. Der steht morgen auch noch da. Komm“, lauter als zuvor, ungeduldiger als zuvor erzielte der nächste Versuch den gleichen Effekt wie der vorherige. Nichts.
„Giiinaaa, koommm“.
Na bitte. Ging doch. Ein wenig Geduld. Ein wenig das Trommelfell gefährden, und schon konnten wir weiter dem Auto entgegenstreben. Gina auf vier Beinen im gewohnten Gang. Ich auf zwei Beinen im Wackelgang. Darauf bedacht, nicht zu lange den linken oder rechten Inhalt der Schuhe zu spüren.
Hätte ich im entferntesten geahnt, was zum krönenden Abschluss auf mich zukam, ich wäre langsamer gegangen. Hätte hier und da eine Pause eingelegt. Oder zwei Pausen. Oder drei.
Hätte, hätte, wäre!! Ich hatte nicht. Leider nicht.
Den Parkplatz bereits vor Augen fiel Madame Gina ein, dass da noch ein Rest Verdauungsergebnis sein könnte. Während sie sich redlich mühte, nur ja nichts mit nach Hause zu schleppen, stand ich gedanklich unter der Dusche.
Nur so, völlig abwesend, konnte geschehen, was geschah.
Urplötzlich kam kein Wasser mehr aus dem Duschkopf. Aufgeschreckt von zwei, drei oder vier Wurfgeschossen, die mein Gesicht zum Glück knapp verfehlten, stand ich nicht mehr unter der Dusche. Ich stand mit ungläubigen Augen im Regen. Unfähig zu realisieren, was da ablief.
Eine Frage vorab. Darf ein Hund Herrchen oder Frauchen mit Scheiße bewerfen? NEIN. Genau das war es aber, was Gina gerade – hoffentlich unabsichtlich – abzog.
Was ich bei anderen Hunden oft belächelt hatte, wurde ausgerechnet am Tag meiner Pleiten, Pech und Pannen von Gina zum ersten Mal versucht.
Von imaginärem Drang getrieben, die Abladestelle der Darmproduktion zu säubern, sollten blindlings ausgeführte Tritte mit den Hinterpfoten den Schiss an eine andere Stelle befördern.
Warum die Vierbeiner von der Natur mit diesem Drang belegt wurden, blieb mir stets ein Rätsel. Wo liegt der Sinn, ob der Haufen ein oder zwei Meter weit entfernt wird?
Zudem fällt vielen Hunden zu spät ein, was Mutter Natur von ihnen erwartet. Mehrere Meter vom Haufen entfernt, schleudern sie dann sinnlos in die Gegend, was zufällig herumliegt.
Leider zählte Gina in diesem Augenblick nicht zu den vergesslichen Hunden. Sie muss wohl unmittelbar nach Ende der Darmtätigkeit mit der Säuberungsaktion losgelegt haben. Denn was mir da um Ohren flog, war warm und duftend.
Die spontan vermuteten Wurfgeschosse entpuppten sich als knackige Verdauungsteile. An diesem Tag bereits reichlich vom ungnädigen Schicksal gebeutelt, konnten mich selbst fliegende Wurstteile nicht mehr großartig erschüttern.
Zum einen hatte Gina keinen Treffer gelandet. Zum anderen nahm ich wohl zu Recht an, dass sie kein Attentat auf Herrchen geplant hatte. Erstaunlich, dass abschließend trotz allem noch Platz für einen Scherz blieb.
„Ich hoffe, meine Maus hat für Herrchen noch ein anderes Weihnachtsgeschenk“.
Überflüssig zu erwähnen, dass ich trotzdem Weihnachten leer ausging.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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