Unordnung mit System

Meine Frau Karin hat keinen Respekt vor alten Sachen. Keinen Respekt vor dem
Wert der Dinge. Es sei denn, sie sind mit Preisschild versehen und im Schaufenster eines Pelzgeschäftes platziert.
Es sind keine Kleinigkeiten, die sie im Laufe der Zeit weggeschmissen hat. Es waren Dinge, die bares Geld wert wären, wenn man sie eines Tages brauchen würde. Ich denke dabei an mein Büro. Und an meinen kombinierten Werkstatt-Hobby-Aufbewahrungsraum.
Eines Samstags kam ich von mehreren anstrengenden Besprechungen in der Stadt nach Hause.
„Ich habe in deinem Büro aufgeräumt“, wurde ich von Karin empfangen. „Herr im Himmel, welch eine Unordnung war dort. Es will mir nicht in den Kopf, wie ein Mensch in einer derartigen Unordnung vernünftig arbeiten kann“.
„Ich arbei …“.
Ich sprach nicht weiter. Denn bei genauerem Nachdenken wäre es vielleicht nicht so gut gewesen, anzudeuten, dass ich nicht immer hart und unmenschlich arbeite, wenn ich mich in meinem Büro befand.
„Und dann dieser ganze Mist, der sich in deinem Hobbykeller eingenistet hat. Du meine Güte. Ich habe eine Spedition bestellt und 175 Mark bezahlt. So wurde erst mal wenigstens das Gröbste herausgetragen und weggefahren“.
Jetzt war mein Misstrauen geweckt. Unersetzliche Dinge waren verloren gegangen. Karin hatte kein Gefühl für die Gemütlichkeit, die ein Hobbykeller ausstrahlt, wenn nicht alles peinlich aufgeräumt ist.
Dicht gefolgt von meiner besseren Hälfte, ging ich mit zusammengekniffenen Lippen in den Keller. Bereit das Ausmaß ihres Vandalenaktes abzuschätzen.
„Die Gartenbank“, rief ich entsetzt, „Opas alte Gartenbank aus massivem Holz. Er hat sie selbst zusammengetischlert. Und jetzt hast du sie rausgeschmissen“.
„Die Beine waren doch verrottet und …“.
„Die Bank hätte repariert werden können“.
„Du hast zwölf Jahre Zeit gehabt, um sie zu reparieren“.
„Na ja, ich habe eben noch keine Zeit gefunden, aber … wo ist meine alte Smokingjacke?“
„Dieses Museumsstück? Die Jacke war voller Motten“.
„Wir hätten sie für eine Vogelscheuche verwenden können, falls wir eines Tages einen Kirschbaum kriegen sollten. Wo hast du den Elektromotor hingetan, der dort auf dem Regal lag?“
„Rausgeschmissen!“
„Den wollte ich doch in einen Plattenspieler einbauen“.
„Das wolltest du auch schon vor fünfzehn Jahren, als du ihn auf das Regal gelegt hast“.
„Und die alten Liegestühle? Sind die auch entsorgt worden?“
„Die Bezüge waren total vergammelt“.
„Ich hätte sie neu beziehen können“.
„Das Holz war auch nichts mehr wert“.
„Ich hätte ein neues Untergestell tischlern können … irgendwann“.
Ein Blick zur Hobelbank in der Ecke dort drüben und ich erhielt den Schock meines Lebens.
„Omas alte Zimmerorgel. Wo ist sie?“
„Nun mach mal keinen Aufstand. Das Ding hat die letzten zwanzig Jahre keinen Ton mehr von sich gegeben. Hat doch nur noch Platz weggenommen“.
„Ich habe doch immer meine alten Farbtöpfe darauf abgestellt. Jetzt kann ich sie nirgends mehr … wo sind eigentlich die leeren Farbtöpfe geblieben? Es kommt ja oft genug vor, dass man einen leeren Topf braucht …“.
„Rausgeschmissen. Es waren 54 leere Töpfe. Ich habe sie gezählt“.
„Und mein altes Fahrrad. Willst du etwa behaupten, dass du das auch rausgeschmissen hast?“
„Die letzten 17 Jahre bist du nicht mehr Fahrrad gefahren“.
„Jedenfalls ist das keine Art, alle guten Sachen einfach zum Fenster hinauszuschmeißen. Wir leben zwar in einer Wohlstandsgesellschaft. Aber die Dinge könnten eines Tages wieder ihren Wert erhalten, wenn die Vorräte auf
dieser Welt …“.
Ich ging wieder hinauf in mein Büro. Auch hier herrschte eine furchtbare Ordnung.
„Wo ist meine alte Bürojacke?“
„Die ist fast auseinandergefallen, als ich sie anfassen wollte“.
„Und meine alten braunen Schuhe fürs Büro?“
„Das Oberleder war ganz morsch“.
„Es hätte erneuert werden können“.
„Die Sohlen waren dünn wie ein Blatt Papier“.
„Die Schuhe hätten besohlt werden können. Und was ist mit meinem gebrauchten Kladdepapier?“
„Es waren mindestens 10.000 Bogen. Und wie du selbst sagst … sie waren schon gebraucht“.
„Die man aber noch auf der Rückseite beschreiben konnte. Bei den heutigen Preisen für Papier war das ja ein kleines Vermögen“.
Fast eine Stunde ging es in dieser Art weiter. Ich fühlte mich mehr und mehr deprimiert
wegen all der guten Dinge, die jetzt nicht mehr da waren. Die aber sowohl meinem Büro als auch meinem Hobbykeller ein besonderes Fluidum verliehen haben. Und diese Räume zu den gemütlichsten im ganzen Haus gemacht hatten.
Inzwischen habe ich mich jedoch gerächt. Vor Kurzem erst fiel es Karin auf, wie ich Rache geübt hatte. Und zwar in dem Augenblick, in dem sie einen Knopf an eins meiner Hemden nähen wollte.
„Um Himmels willen“, rief sie mit allen Zeichen des Schreckens im Gesicht, nachdem sie die Nähschublade öffnete. „Alle meine alten Knöpfe, meine leeren Garnrollen, meine Stoffreste, meine …“.
„Ich habe aufgeräumt“, warf ich lässig in den Raum.
Es war ein großer und erhebender Augenblick. Den ich voll auskostete.
Seitdem hat sie nie mehr in meinem Büro oder Hobbyraum aufgeräumt. Ich gebe ja zu, dass mein Schreibtisch langsam etwas unaufgeräumt aussieht. Aber wenn man nur ein gewisses System in seiner Unordnung hat, dann …, so, ich muss jetzt Schluss machen.
Auf dem Papier ist kein Platz mehr. Und die Schachtel mit dem Schreibmaschinenpapier muss ich wohl irgendwie verlegt haben!!!!

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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