Verkehrskontrolle

Auf dem Weg zu meiner Arbeitsstelle musste täglich die Zoobrücke bewältigt werden. Kilometerlanger Stau war zur Berufszeit Normalität. Für Autofahrer, die die StVO befolgten, eine zeitaufwendige Angelegenheit von 20 bis 30 Minuten. Autofahrer, die sich mit der StVO nicht so richtig anfreunden konnten, suchten und fanden einen Weg, Zeit zu sparen.
Allerdings handelte es sich dabei um einen Weg, der den Ordnungshütern die Möglichkeit bot, auf Kosten der geplagten Autofahrer das Stadtsäckel zu füllen.
An dieser Stelle zum besseren Verständnis einen kleinen Ausflug in die StVO. Der
belegen soll, was die Obrigkeit ausgeklügelt hatte, um fremde Geldbörsen zu plündern.
Etwa 90 Prozent der Autofahrer verließen unmittelbar nach Überqueren von Vater Rhein die Zoobrücke. Klar, bei einem Verkehrsaufkommen von 90 Prozent durfte am Ende der Abbiegespur natürlich keine Ampel fehlen. Die die Ursache für langen Rückstau war.
Bis zu diesem Punkt boten die bösen Autofahrer keinen Anlass, Geldstrafen begleichen zu müssen. Kein Grund für die Obrigkeit, den Kopf hängen zu lassen.
Ein kluger (besser: bösartiger) Geist fand die Lösung.
Etwa 500 Meter vor der Abfahrtsspur wurde mithilfe einer durchgezogenen Mittellinie eine einspurige Fahrbahn geschaffen.
Bei Wind und Wetter achteten Polzisten in Zivil, bewaffnet mit Walkie-Talkie, darauf, dass diese Mittellinie nicht überquert wurde. Es sei denn, saftige Geldstrafen im dreistelligen Bereich kosteten den Übeltäter nur ein müdes Lächeln.
Meine finanziellen Mittel erlaubten mir zwar nicht dieses müde Lächeln. Dennoch zählte ich zum Kreis der wenigen, verwegenen Fahrer, die die Mittellinie ignorierten. Irgendwo fand ich immer eine Lücke im Verkehrsstrom, in die ich reinschlüpfen konnte. Ohne Gefahr für ein anderes Fahrzeug.
Grund für meinen Leichtsinn war die leidige Gewohnheit. Seit vielen Jahren war ich mit den Gepflogenheiten auf der Zoobrücke vertraut. War sozusagen mit jedem Brückenpfeiler per du. Entdeckte jeden Wachposten bereits aus der Ferne. Was übrigens keine Kunst war. Wer, wenn nicht ein getarnter Polizist, steht morgens um 7 Uhr bei jedem Wetter auf der Brücke und rührt sich nicht?
Wie auch immer.
An jenem verteufelten Morgen schlüpfte ich auf Höhe des Zivilisten in die Verkehrslücke. War wahrscheinlich gedanklich in die selige Jugendzeit versunken. Wurde aber sofort hellwach, als der Wachposten mit Blick auf meinen Wagen aktiv wurde.
Aktiv in der Form, dass er die Kollegen per Walkie-Talkie darüber informierte, dass ein neues Opfer auf dem Weg zu ihnen war.
Jetzt blieben mir vier, bestenfalls fünf Minuten. In dieser Zeit musste eine Lüge her. Eine gute Lüge. Eine nicht zu widerlegende Lüge. Die ich den Kollegen des Spions auf der Brücke präsentieren konnte.
Kampflos 200 bis 300 Mark hinblättern?
Niemals. Nicht mit mir!!!
Ausgerüstet mit der Lüge wartete ich ungeduldig, wie es nun ablaufen würde. Von der Natur mit wortgewandter Gabe gesegnet, freute mich sogar auf das verbale Gefecht.
Aha, eine rote Kelle winkte mich raus. Auf in den Kampf ums liebe Geld.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere“, ertönte eine befehlsgewohnte Stimme. Unterstützt von einer Hand, die mir auffordernd hingehalten wurde.
„Was soll das? Ich bin spät dran. Muss zur Arbeit“, schaute ich einem jungen Mann ins bartlose Gesicht.
„Führerschein und Fahrzeugpapiere“.
Die stupide Wiederholung im Ohr ritt mich der Teufel. Wollte sehen, wie weit ich gehen konnte.
„Haben Sie schon einmal etwas von dem Zauberwort bitte gehört?“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere“.
„Besteht Ihr Wortschatz nur aus Führerschein und Fahrzeugpapiere?“
„Führerschein und Fahrzeugpapiere“.
Ich gab auf. Zum einem konnte ich den Knaben nicht aus der Reserve locken. Zum anderen laberten wir schon eine Minute und waren noch nicht bei dem angelangt, um was es wirklich ging. Nach provozierend intensiver Kontrolle der Papiere erhielt ich gnädigerweise Aufklärung, weshalb ich hier parkte.
„Sie haben auf der Brücke verbotenerweise den Mittelstreifen überfahren, mein Herr“.
„Ich?? Wie kommen Sie auf diese Idee?“
„Mein Kollege, der dort oben steht, hat uns dies über sein Walkie-Talkie mitgeteilt. Es hilft Ihnen also absolut nicht, wenn Sie das jetzt abstreiten“.
Jetzt war der Punkt erreicht, an dem meine Lüge ins Spiel kam. Als Mitarbeiter der Ford Werke war mein fahrbarer Untersatz natürlich ein Produkt meines Arbeitgebers. Da die Ford Werke ihren Sitz in Köln haben, war nahezu jedes zweite Fahrzeug ein Ford. An jenem Morgen schwabbelte nicht nur Nebel über Rhein und Brücke. Auch die Autoschlange ließ keinen genauen Blick auf ein Nummernschild zu. Wenn überhaupt konnte der Spion auf der Brücke nur mein Fahrzeug identifiziert haben.
„Langsam langt´s mir, junger Mann“, legte ich wie in besten Zeiten vehement los. „Ichbekomme wahrscheinlich Ärger auf der Arbeit, weil ich so spät erscheine. Und das nur, weil Ihr Kollege Mist gebaut hat“.
„Was wollen Sie denn damit sagen?“
„Hat Ihr Kollege Ihnen meine Kfz.-Nummer durchgegeben oder den Fahrzeugtyp?“
„Den Fahrzeugtyp. Aber das genügt uns bereits vollkommen“.
„Na, dann haben wir das Rätsel ja schon gelöst“, trumpfte ich auf. „Ich Idiot bleibe lieb und brav in der Schlange. Plötzlich drängt sich ein Auto vor meinen Wagen. Und jetzt dürfen Sie mal raten, welcher Fahrzeugtyp das war“.
Schweigen.
„Es war genau der gleiche Wagentyp, den ich fahre“, fuhr ich erbarmungslos fort. „Gleiche Farbe, Kombi wie meiner“.
Betretenes Schweigen. Ratlose Miene.
„Um das ganze lachhafte Theater zu beenden, holen Sie bitte Ihren Einsatzleiter. Anscheinend sind Sie ja nicht in der Lage, eine Entscheidungzu treffen“.
Zehn Sekunden später trabte der Einsatzleiter heran.
„Was ist hier los?“
„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Tag“, wies ich ironisch auf sein unhöfliches Auftreten hin.
„Werden Sie bloß nicht unverschämt“, blitzten wütende Augen.
Ein Blick auf meine Armbanduhr veranlasste mich, sachlich zu bleiben. War schon viel zu lange überfällig.
„…. und wenn Sie mich noch länger hier festhalten, verlange ich eine Bescheinigung für meinen Arbeitgeber, warum und weshalb ich zu spät erscheine“, beendete ich die Lügenstory.
Ein forschender Blick in meine Augen, ein zweiter auf mein Outfit und ein dritter auf mein Fahrzeug.
„Fahren Sie“.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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