Wasserscheu

Bald haben wir es überstanden“, unterrichtete ich Gina vom aktuellen Stand. „Ich bin froh, wenn wir endlich aus der Scheißkälte raus sind“.
Tierliebe und Pflichtbewusstsein hatten mich wieder einmal aus dem Haus getrieben. Nun, durchfroren, mit triefender Nase, freute ich mich aufs geheizte Wohnzimmer.
Auf Höhe einer abschüssigen Böschung angekommen. Am unteren Ende stand dicht am Bach ein Baum. Meine linke Hand meldete Protest an. Fühlte sich ungerecht behandelt. Während die rechte Hand in der warmen Hosentasche beschäftigungslos war, musste die linke nicht nur die verteufelte Leine im Griff halten. Sie war auch noch der Kälte ausgesetzt. Um nicht in irgendeiner Form Ärger mit der Hand zu bekommen, pustete ich wärmenden Atem auf Finger und Handfläche.
Ein Fehler. Der sich im Nachhinein rächte. Einen kurzen Augenblick nur hatte ich Gina aus den Augen gelassen. Und schon war das Luder auf unbekanntem Terrain auf Tour. In diesem Fall war die Tourstrecke die Böschung. An deren Ende sie sich gerade neugierig dem rauschenden Bach näherte.
„Sofort weg da. Das fehlt heute noch, dass du ins Wasser fällst“, ertönte ein Befehl zurRückkehr.
Hätte ich nur geschwiegen!
Gina trat unverzüglich den Rückzug an. Warum schnell, hastig und unkontrolliert
konnte ich nur rätseln. Wollte vielleicht Herrchen nicht verärgern. Vielleicht war aber auch das rauschende Wasser nicht geheuer.
Was immer es gewesen war. Jetzt folgte eine Verknüpfung unglücklicher Umstände.
Es begann mit Ginas falscher Wahl für den Rückweg. Sie stieg auf der Seite des Baumes hoch, die sie nicht für den Abstieg gewählt hatte. Somit verhinderte der Baumstamm, dass Gina und Leine den Weg zu mir fanden.
Der zweite Teil des Dramas.

Nun machte auch Gina die Erfahrung, dass nasses Laub keinen sicheren Halt bot. Vier Pfoten rutschten weg. Die wasserscheue Maus purzelte in den Bach. Dass sie dabei auf den Pfoten und nicht auf dem Rücken landete, war Glück. Auf keinen Fall Geschick.
Zuerst entsetzt, dann halbwegs ruhig, erkannte ich, dass der Wasserstand nur bis an ihren Bauch reichte. Also kein Grund zur Sorge. Dachte ich. Dachte aber nicht das Häufchen Elend da unten im Bach. Ängstlich quiekend, fiepend und jaulend war Gina nicht zu bewegen, nur einen kleinen Schritt zu wagen.
„Nun komm da endlich raus. Ich will heim. Zwei Schritte und du bist am Ufer. Ich hoffe doch nicht, dass du Angst hast, durchs Wasser zu gehen“.
Ihre Antwort? Noch lauter quieken. Noch lauter fiepen. Noch lauter jaulen.
Wo war der Hund geblieben, der keinen Kampf scheute? Der Pferde und Kühe attackierte. Dem es Spaß machte, bei Gewitter im Freien herumzustolzieren.
„Wenn du jetzt nicht kommst, fahre ich ohne dich nach Hause“, versuchte ich die harte Tour. Drehte mich um und ging.
Fünf Meter weit. Dann holten mich nie gehörte Töne der Verzweiflung an den Ort des Geschehens zurück. Der Anblick der Kleinen hätte Steine erweichen können. Zu sagen, sie schien unglücklich zu sein, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen.
Sie hatte mit der Welt abgeschlossen. Sie wurde vom Wasser gefangen gehalten. Und Herrchen ließ sie zu allem Übel einsam zurück. Erst meine Rückkehr weckte neuen Mut. Leider nicht genug, um endlich die verdammten zwei Schritte zu wagen.
Der dritte Teil des Dramas war wohl mehr etwas für eine Komödie.
Langsam, ganz langsam ging mir ein Licht auf. Der hilflose Wurm da unten hoffte auf meine Hilfe. Hoffte auf Herrchens vor langer Zeit erworbene Kenntnisse als Rettungsschwimmer.
„Erwartest du etwa, dass ich dich da raushole?“
Freudiges Fiepen sollte wohl „Ja“ bedeuten.

Ehrlich, lange hätte ich den Hilfeschreien nicht mehr widerstanden. Dazu noch diese Augen, in denen unendliches Vertrauen zu mir stand. Ich hatte endgültig verloren. Meine Liebe zu Gina gab den Ausschlag. Mir den Rest.
„Ich komme, Mäuschen“, flogen bereits Schuhe nach links und rechts.
Socken aus. Hosenbeine hochkrempeln. Kälte vergessen. Fertig zur Rettungsaktion.
„Au“, stoppte ich nach einem Schritt. Sah auf den rechten Fuß. Entdeckte ein Holzstück zwischen den Zehen.
„Einen Moment noch, Gina. Herrchen muss die Schuhe wieder anziehen. Vielleicht sind Scherben im Bach“, vertröstete ich sie auf baldige Rettung.
Eine Minute später stand ich im Wasser. In eiskaltem Wasser. Das sofort meine Schuhe füllte. Ein angenehmes Gefühl. Zur Nachahmung durchaus empfehlenswert.
Eine weitere Minute später – vielleicht waren es auch zwei – wurde meine Rettungsaktion belohnt. Gina holte all das nach, was sie im Wasser nicht machen konnte. Sie sprang an mir hoch. Preschte vor und zurück. Leckte alles Erreichbare. Brachte mir zur Belohnung einen Stock. Und, und, und.
„Wenn du jetzt noch knutschen willst, muss ich dir leider einen Korb geben“, wehrte ich ab, als sie mein Gesicht belecken wollte.
Dass meine Klamotten bei dem ganzen Theater nicht schadlos davongekommen waren, störte mich nicht. Obwohl mein Outfit inzwischen aus der Altkleidersammlung zu stammen schien. Den auf der Rückfahrt geplanten Besuch bei meiner Bank konnte ich abhaken. Mein Erscheinungsbild hätte wahrscheinlich Alarm ausgelöst.
Wieder im warmen Heim. Pflichtbewusst galt meine erste Sorge Gina. Wassergekühlten Bauch abrubbeln. Zwei erwärmte Frikadellchen für die innere Wärme. Und ab ging die Post. Im Sauseschritt unter die heiße Dusche – „aaah, das tut gut“. Krebsrote Hände und Füße dankten für erneuerte Blutzirkulation. Körper und Seele wieder im Gleichgewicht. Nun endlich waren Zeit und Muße, das Rätsel zu lösen. Warum hatte sich Gina standhaft geweigert, das rettende Ufer zu erreichen?
Geschockt wegen des Sturzes? Nein. Gina und
Schock harmonierten irgendwie nicht. Wollte sie mich testen? Wollte sie sehen, ob und was ich unternehmen würde? Nein. Spätestens als ich scheinbar ohne sie den Heimweg antrat, hätte sie den Bach verlassen. Hm, hm. Plötzlich die Erleuchtung. Na klar, das war´s. Die Kleine hatte Bammel gehabt, den sicheren Standort zu verlassen. Die Gefahr, nach einem Schritt ins Ungewisse, in einen Abgrund zu stürzen, war ihr zu groß gewesen.
Ob sie ohne meine ‚selbstlose Heldentat’ wohl immer noch im Bach stehen würde?

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

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