Zwergdackel

In der folgenden Episode spielte ich notgedrungen den passiven Zuschauer. Der sich Hohn und Spott gefallen lassen musste. Beides zielte zwar auf Sammie, meine Golden Retriever Hündin. Emotional sehr mit meinem Hundemädchen verbunden, verletzten Hohn und Spott gleichzeitig Sammies Herrchen. Meist gab Sammie Anlass zur Freude. Oder stolz auf sie zu sein. Das Gegenteil von beidem war der Fall bei der Konfrontation mit einem Zwergdackel.
Anstehender Besuch im nahe gelegenen Büromarkt. Mit dem Auto hin und zurück fünf Minuten. Minuten, die mein treuer Schatz, wenn möglich, nicht allein sein wollte. Kleiderwechsel. Zeichen, dass ich das Haus verlassen würde. Sammie sprang auf, lief zur Haustür. Na klar, sie wollte mit. Um sie nicht zu enttäuschen, durfte sie bei mir bleiben.
Ein Schild an der Eingangstür zum Büromarkt erlaubte Hundebegleitung. Gemeinsam rein in den Markt. Nach wenigen Schritten schoss ein brauner Winzling unter einem Stuhl hervor. Der sich als Zwergdackel entpuppte. Geschätzte vier Kilo Bruttogewicht.
Die Miniaturausgabe positionierte sich wütend kläffend vor Sammie. Aufgerichtete Rückenhaare signalisierten Wut. Das dargebotene Bild war lächerlich. Vier Kilo
– vereint in einem Hundekörper – bedrohten vierzig Kilo. Ein Gewichtsunterschied, der sich natürlich auch im Größenverhältnis widerspiegelte. Unwillkürlich kam mir die Bibelgeschichte von David und Goliath in den Sinn.
Leider mit dem eklatanten Unterschied, dass mein Goliath Sammie die Hosen voll hatte. Der kläffende Dackel schien kein Winzling für sie zu sein. Sah wahrscheinlich ein furchteinflößendes Ungeheuer vor sich. Ein Ungeheuer, vor dem sie in der Form Schutz suchte, sich zitternd an meine Beine zu pressen.
„Du fällst den Zwerg doch tot“, forderte ich Sammie zur Tat auf.
Vergeblich. Sie bevorzug
te Passivität. Bevorzugte den Schutz an meinen Beinen. Um der Wahrheit genüge zu tun, sie hatte Angst.
Zu allem Überfluss waren andere Kunden im Raum. Vier grinsende Gesichter hatten alles verfolgt. Mist. Was suchten die hier? Vormittags um elf Uhr hat ein anständiger Mensch auf der Arbeit zu sein!
Dann kam, was kommen musste. Was nicht fehlen durfte. Hämisch grinsende Kommentare für Sammie. Lobgesänge auf den Wurm!
„Schau dir das an. Der große Hund hat Angst vor einem Zwergdackel“.
„Der zittert sogar. Mann ist der feige“.
„So was hab ich ja noch nie gesehen“,
„Guck dir den Dackel an. Da kann man nur sagen, keine Angst vor großen Tieren“.
„Der Dackel hat wirklich Mut. Hut ab“.
Jede Bemerkung von höhnischen Lachern begleitet. Verlegen blieb mir nur die Rolle des ratlosen Zuschauers. Wo nahm der vierbeinige Zwerg überhaupt den Mut her? Spürte er vielleicht Sammies Gutmütigkeit? Und wann hörte endlich das nervtötende Kläffen auf?
Sammies Verhalten war mir ein Rätsel. Nicht zu verstehen. Ein Hieb mit ihrer Pfote – fast so groß wie der Kopf des Dackels – und der dreiste Zwerg hätte seinen Mut vergessen. Wäre wieder unter den Stuhl befördert worden. Nicht auszudenken, welche Folgen ein einziger Biss verursacht hätte. Einen Biss in der Art, wie Sammie ihn erfolgreich bei Ratten vornahm. Letztlich ähnelte der Zwergdackel einer gut genährten Ratte.
Gedanken, die sich nur in meinem Kopf abspielten. Die Sammie leider fremd waren.
Leider? Gott sei Dank?
Während meiner Zuschauerrolle steigerten sich die Lacher mehr und mehr. Wurden lauter. Wurden nervender. Peinlich, peinlich. Kaum zu ertragen. Egal wie, egal was. Eine Idee musste her. Irgendwie musste ich Sammie rehabilitieren. Ihre Ehre retten. Was konnte ich in dieser Situation bloß sagen? Was konnte ich tun?
‚Streng deinen Kopf an. Du bist doch sonst um keine Antwort verlegen’, forderte ich mich in Gedanken auf. Trat mir selbst in meinen dicken Hintern.
Vielleicht hatte der gedankliche Tritt gewirkt.
Vielleicht kam die rettende Idee auch einfach so angeflogen. Wie auch immer.
„Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt. Einen Befehl an meinen Hund und der Dackel ist hops. Unterwegs zu seinen Vorfahren. Ist es das, was Sie sehen wollen?“
Aggressiv starrte ich jedem ins Gesicht. Meine Idee hatte den erhofften Erfolg. Kein Grinsen mehr. Kein Lachen mehr.
Nur der Winzling kläffte unermüdlich weiter. Hätte er meinen Hinweis auf die Reise zu seinen Vorfahren verstanden, wäre er wohl heute noch auf der Flucht.
Die Situation war zwar gerettet, doch innerlich noch nicht von mir verarbeitet worden. Zu lange musste ich hämische Bemerkungen hinnehmen. Viel zu lange das dämliche Lachen hören.
„Hätte ich dich nur zu Hause gelassen“, zischte ich auf der Heimfahrt Richtung Sammie.

Hubert
Unabhängig davon, ob ich einen Krimi, einen normalen Roman oder ein Tierbuch schreibe, achte ich darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt. Zudem kann ich als Kölner kein Blatt vor den Mund nehmen. Das Ergebnis ist ein locker, flockiger Schreibstil, der auch die Erotik nicht außen vor lässt.
Hubert

Letzte Artikel von Hubert (Posts)